Jobs brechen weg, Neue entstehen
Der technologische Wandel macht vor dem Arbeitsplatz nicht halt. Zum einen werde er digitaler. Für Arbeiter mit Präsenznotwendigkeit ändere sich allerdings wenig, sagt Oliver Picek, Chefökonom des Momentum-Instituts. Von Horrorszenarien, die massive Jobverluste prophezeien, hält er nichts. Auch Neues würde entstehen. „Die gravierendsten Veränderungen liegen bereits hinter uns.“ Im vergangenen Jahrhundert wurde die Industrie teil- oder vollautomatisiert. Weltweit brachen Hunderttausende Jobs weg, die im Dienstleistungssektor in anderer Form aber wieder auftauchten. Dieser Trend setze sich fort; hin zu Tätigkeiten, die persönlichen Kontakt benötigen, sagt Picek. „Ein Zukunftstipp ist der Gesundheitsbereich: Pfleger, Ärzte, Masseure, Physiotherapeuten werden gefragter.“ In den vergangenen 15 Jahren kamen im Gesundheits- und Sozialwesen 150.000 neue Jobs dazu, bei freiberuflichen und technischen Dienstleistungen 98.000, bei Erziehung und Unterricht 85.000.
Picek warnt jedoch vor schweren Folgen, sollten weitere Industriejobs mit starken Gewerkschaften wegfallen und durch Dienstleistungsjobs ohne gewerkschaftliche Organisation ersetzt werden. Das führe zu sinkenden Löhnen für sehr viele Menschen. „Das ist die große ungelöste soziale Frage des 20. und 21. Jahrhunderts.“
Welche Jobs in 75 Jahren Geschichte sind, kann der Ökonom nicht vorhersagen. Stirbt der Beruf der Supermarktkassierin wegen der neuen Selbstbedienungskassen womöglich aus? „Wir wissen es nicht. Der Kostenvorteil ist vielleicht gar nicht so groß, weil das Personal für andere Dinge benötigt wird, zum Beispiel für Beaufsichtigung oder Hilfe bei den Kassen. Das andere ist die soziale Akzeptanz.“ Wollen alle bei einer Selbstbedienungskasse bezahlen? Steigen alle in einen Bus ohne Fahrer ein? Braucht es trotz Automatisierung anwesende Mitarbeiter im Bus?
Welche neuen Berufe die kommenden 75 Jahre bringen, lasse sich ebenso schwer prophezeien. „Wer wusste schon 1880 im Zeitalter der Pferdekutschen, dass einer der größten Wirtschaftssektoren einige Jahre später der Automobilsektor sein wird?“