Neu entdeckt: die Glutensensitivität

Gesund / 08.02.2013 • 11:19 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wer Probleme mit dem Gluten hat, muss bei Brot aufpassen. Foto: fotolia
Wer Probleme mit dem Gluten hat, muss bei Brot aufpassen. Foto: fotolia

Symptome verschwinden nach einer Ernährungsumstellung aber schnell wieder.

Reaktion. Glutenunverträglichkeit löst bei vielen Menschen Übelkeit, Bauchschmerzen sowie Völlegefühl aus. Doch nicht immer steckt eine Zöliakie oder Allergie auf Weizen dahinter. Mit der Glutensensitivität (GS) zeigt sich diesbezüglich ein neues Krankheitsbild. Wissenschafter bezeichnen sie als Reaktion auf die Aufnahme von Gluten bei Fällen, in denen Zöliakie und Weizenallergie ausgeschlossen werden kann. „Wie viele Menschen in Österreich von Glutensensitivität betroffen sind, ist aufgrund der fehlenden Daten unklar“, sagt Hertha Deutsch von der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft Zöliakie.

Sensible Reaktion

Die komplexen Symptome einer Glutensensitivität treten oft Stunden nach dem Verzehr von glutenhältigen Nahrungsmitteln auf. In manchen Fällen kann das auch Tage dauern. Die Reaktionen auf Gluten äußern sich körperlich, psychisch und neurologisch: Verdauungsbeschwerden, Blähungen, Durchfall, Verstopfung, Übelkeit, Knochen- und Gelenksschmerzen, eingerissene Mundwinkel, Migräne, Kopfschmerzen, Menstruationsstörungen, Muskelschwäche und –abbau, Hautekzeme, Gleichgewichtsstörungen, unerklärliche Gewichtsschwankungen, depressive Verstimmungen, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen.

Zöliakie und GS ähneln sich in ihrer Symptomatik, jedoch werden bei der Glutensensitivität die Dünndarmzotten nicht beschädigt. „Die Glutensensitivität scheint zwar häufiger aufzutreten, hinterlässt aber, soweit wir momentan wissen, keine Folgeschäden. Es handelt sich um eine Befindlichkeitsstörung mit Symptomen, die nach ein paar Tagen unter glutenfreier Ernährung wieder verschwinden“, erklärt Prof. Wolfgang Holtmeier von der Klinik für Gastroenterologie im Krankenhaus Porz in Köln.

Unverstanden

Während Zöliakie und Weizenallergie gut erforscht sind, blieb eine Glutensensitivität bei vielen Betroffenen in der Vergangenheit oft unentdeckt. Denn die sensible Reaktion auf Gluten wurde bislang für Zöliakie gehalten. Jetzt weiß man, dass es sich bei GS um eine weitere, eigenständige Form der Glutenunverträglichkeit handelt. „Heute gibt es gute und auch reproduzierbare Belege dafür, dass es eine Glutensensitivität gibt, aber es fehlen die richtigen Marker“, sagt Holtmeier. Wie das Krankheitsbild bestimmte Menschen beeinträchtigt und welche physiologischen Mechanismen dahinter stecken, muss erst noch erforscht werden.

Diagnostisches Modell

Bislang ist es lediglich durch Ausschlussdiagnosen möglich, Glutensensitivität zu erkennen und zu behandeln. Im Rahmen der ersten Konsensuskonferenz zu Glutensensitivität 2011 in London wurde ein mehrstufiges Diagnostikmodell erarbeitet, mit dem eine GS erkannt werden soll. Im Dezember 2012 fand abermals ein Expertentreffen statt. Ein internationales Forscherteam diskutierte, wie Glutensensitivität definiert werden sollte, wie man die Diagnose verbessern kann und inwiefern sich eine Ernährungsumstellung als Therapie eignet. Zudem wurde das Diagnosemodell durch aktuelle klinische Erkenntnisse ergänzt.

Ehe ein Patient als glutensensitiv bezeichnet werden kann, müssen folgende Schlüsselkriterien zutreffen:

» Ausschluss einer Weizenallergie.

» Ausschluss einer Zöliakie und der damit verbundenen Zerstörung der Dünndarmzotten.

» Linderung der Symptome bei glutenfreier Kost.

» Linderung durch glutenfreie Ernährung.

Handelt es sich tatsächlich um Glutensensitivität, muss die Ernährung umgestellt werden. Vorrangig geht es darum, auf glutenlastige Lebensmittel zu verzichten. Grundsätzlich geht es um folgende Getreide: Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Weizen, Grünkern, Emmer und Kamut. Verarbeitet kommen diese Getreidesorten auch in Backwaren (z. B. Brot, Baguettes, Kuchen etc.), Keksen, Müsli, Knabbergebäck, Bier, Paniermehl und Teigwaren vor.

Hingegen braucht man sich bei folgenden Produkten und Zutaten keine Sorgen machen: Reis, Mais, Buchweizen, Hirse, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Maroni, Amaranth, Quinoa, Nüsse, Fleisch, Geflügel, Eier, Milch und Milchprodukte wie Rahm, Joghurt oder Käse, Zucker, Honig, Marmelade, Tee, Kakaopulver. Ein Verzicht auf glutenhältige Nahrungsmittel führt bei Betroffenen in kurzer Zeit zu einem Rückgang und zur Linderung der spezifischen Symptome.

Es fehlen noch die richtigen Marker für Glutensensitivität.

wolfgang Holtmeier

Stichwort

Gluten

Gluten ist ein Klebereiweiß, das unter anderem in Weizen, Roggen, Gerste oder Dinkel vorkommt. Gluten bildet in wässriger Lösung eine zäh-elastische Masse, welche die Hauptstruktur des Teiges bei der Brotherstellung bildet und bewirkt, dass das Teigvolumen zunimmt. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich das Lebensmittelangebot der Glutenunverträglichkeit angepasst. Zu einer Vielzahl an glutenhältigen Produkten gibt es ein glutenfreies Pendant im Supermarktregal. Eine durchgestrichene Ähre dient als Erkennungszeichen.