Das Beste kam diesmal zuerst

Gesund / 23.05.2014 • 11:25 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Primar Albert Lingg gab sich in seinem Referat durchaus auch selbstkritisch.  Foto: vn/paulitsch
Primar Albert Lingg gab sich in seinem Referat durchaus auch selbstkritisch. Foto: vn/paulitsch

Die heutige Generation erkrankt dank günstigerer Faktoren später an Demenz.

Wolfurt. (VN-mm) Der sonnige Abend hatte sich eine gute Botschaft verdient. Die stellte Primar Dr. Albert Lingg an den Beginn seines Vortrags. Seriöse Studien zeigen, dass die heutige Generation deutlich später dement wird. „Das ist doch ein erfreulicher Befund“, meinte er. Auch die Gründe waren schnell erklärt. Höhere Bildung, eine bessere Vorsorge bzw. medizinische Versorgung sowie eine gesündere Lebensweise halten Körper und Geist länger fit. Allerdings bedeutet das nur einen Aufschub. Denn das größte Demenzrisiko liegt im Alter. Und an dieser Schraube lässt sich nicht drehen.

Gutes Management

Alzheimer und Demenzen: Dieses Thema bewegt die Menschen. Die Angst, geistig zu verkümmern und alles zu vergessen, ist groß und Wissen darüber gefragt, wie der Besucherandrang im Cubus in Wolfurt zeigte. „Ich hoffe, es kann jeder etwas von meinen Ausführungen mitnehmen“, wünschte sich Albert Lingg, der im LKH Rankweil die Gerontopsychiatrische Abteilung leitet. Das war mit Sicherheit der Fall, wussten doch beide Referenten die Problematik anschaulich und mit einem Schuss von Humor zu erklären. Norbert Schnetzer, Pflegedienstleiter im LKH Rankweil und Leiter der „Aktion Demenz“, sorgte mit seinen Ausführungen jedenfalls für viel Schmunzeln. „Sie können einen dementen Menschen nicht ändern. Dessen müssen Sie sich bewusst sein“, machte er dem Publikum aber auch klar. Da bleibt im Endeffekt nur eines: nämlich ein gutes Management zu finden.

Unterschiedliche Verläufe

Doch erst die medizinischen Fakten. Mit der steigenden Lebenserwartung wurden Demenzerkrankungen zum Thema. Schon ein Drittel der über 90-Jährigen ist von Alzheimer oder einer anderen Demenz betroffen. Derzeit gibt es österreichweit 120.000 demente Menschen. Bis 2040 sollen es 250.000 sein. Die technisierte und schnelllebige Zeit trägt ihres dazu bei. „Menschen mit Gedächtnisproblemen haben es da schwer“, so Lingg. Auch die Medizin hat sich seiner Ansicht nach zu lange nicht damit beschäftigt. Jetzt ist der Handlungsbedarf groß.

Die bekannteste Form der Demenz ist die Alzheimer Demenz. Sie nimmt einen langsamen Verlauf, was insofern Vorteile bringt, als sich das Umfeld des Erkrankten darauf einstellen kann. Bei der Vaskulären Demenz, deren Ursache in Gefäßschädigungen liegt, geht der Abbau der Gedächtnisleistung schneller vonstatten. Am Anfang steht die Vergesslichkeit. Kurz- und Altzeitgedächtnis fallen aus, die Sprache ist beeinträchtigt, das Erkennen und Planen von Dingen kaum noch möglich. Andere Symptome, die Angehörigen mehr Mühe bereiten, sind Apathie, Depressionen, Schlafstörungen und das Misstrauen, das Demenzkranke häufig an den Tag legen. Dauern solche Phasen länger als sechs Monate und beeinträchtigen sie den Alltag, ist eine Abklärung angezeigt.

Information und Beratung

Die Ursache für eine Demenz liegt im Verlust von Nervenzellen im Gehirn. Das sogenannte Amyloid, ein Eiweiß, das sich dort ablagert, verletzt und zerstört diese Nervenzellen und damit unsere Bibliothek. „Amyloid haben wir alle im Kopf“, merkte Albert Lingg an. Ein Gegenmittel gibt es nicht. Eine Impfung hat sich bei Menschen als zu nebenwirkungsreich erwiesen. Deshalb müssen die Forschungen neu begonnen werden. Computergestützte Gedächtnistrainings bringen ebenfalls wenig. „Besser sind Alltagsbeschäftigungen wie Jassen, Zeitunglesen oder Diskutieren“, sagte Lingg. Das Um und Auf jedoch ist, dass sich Angehörige informieren, beraten lassen und Hilfe annehmen.

Speziell in den Phasen der Verwirrtheit und Pflegebedürftigkeit wird der Umgang mit dementen Menschen schwierig. „Psychopharmaka können zwar hilfreich sein, man sollte jedoch nicht zu viel davon erwarten“, warnte der Psychiater. Denn ein verändertes Gehirn spricht nicht so gut auf Medikamente an wie ein gesundes. Oft sei dies auch für Ärzte eine schwierige Entscheidung. Wichtig ist auch die ärztliche Betreuung, da Betroffene oft nicht mehr merken, wenn sie beispielsweise Schmerzen haben. Im letzten Stadium einer Demenz sollte man palliative Ansätze gelten lassen, ebenso den Patientenwillen.

Einsamkeit fördert Demenz

Albert Lingg streifte kurz auch die Frage nach der Vorsorge. Kurz deshalb, weil eine solche, wenn überhaupt, nur über den Lebensstil möglich ist. Alter und genetische Disposition sind nicht beeinflussbar, neue Medikamente nicht in Sicht. Vitaminpräparaten und anderen häufig angepriesenen Mitteln fehlt der Beleg der Wirksamkeit. Der Demenz mit Sicherheit förderlich sind aber geistige und körperliche Inaktivität. Auch Einsamkeit und soziale Isolation ersticken das Gehirn. Alles was belebt kann hingegen helfen, rundum fit zu bleiben.

Nichtsdestotrotz muss sich die Gesellschaft mit dem Phänomen befassen und Möglichkeiten finden, Menschen mit Demenz in ihrer Mitte zu belassen.