„Jeder hat ein Recht auf Hoffnung“

Gesund / 28.11.2014 • 10:22 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Kurt Langbein geht in seinem „Weißbuch Heilung“ kritisch mit den aktuellen medizinischen Gegebenheiten ins Gericht.  Foto: VN/Hofmeister
Kurt Langbein geht in seinem „Weißbuch Heilung“ kritisch mit den aktuellen medizinischen Gegebenheiten ins Gericht. Foto: VN/Hofmeister

Er hat Vertrauen in die Schulmedizin, aber nicht unbedingt in die Qualität derselben.

Schwarzach. Kurt Langbein hat sich als Kritiker des heimischen Gesundheitssystems nie ein Blatt vor den Mund genommen. Mit „Bittere Pillen“ landete er sogar einen Bestseller. Dann erkrankte er selbst an Krebs. In „Radieschen von oben“ beschreibt er seinen persönlichsten Kampf mit der Medizin und ihren Möglichkeiten.

Sie waren vor Ihrer Krebserkrankung ein sehr medizinkritischer Mensch. Hat sich an dieser Haltung etwas geändert?

Langbein: Ja, ich war früher in meinen Gedanken und Analysen viel näher bei der konventionellen naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin. In der Auseinandersetzung mit meiner Krankheit und auch den neuen Ergebnissen der Psychoneuroimmunologie habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Gesundheit und Krankheit umfassender zu verstehen. Das heißt, Psyche und Umfeld einzubeziehen und komplementäre Verfahren zu berücksichtigen, selbst wenn diese im Einzelfall nicht klar in ihrer Wirksamkeit erwiesen sind.

Worauf haben Sie insgesamt vertraut?

Langbein: Ich war überzeugt, dass ein massiver Tumor allein mit komplementären Maßnahmen nicht therapierbar ist. Ich habe mich deshalb der besten Schulmedizin anvertraut und mich für eine Strahlentherapie entschieden, weil die organ-erhaltend ist. Parallel dazu habe ich eine ganze Reihe von Komplementärmaßnahmen gemacht, eine onkologische Psychotherapie, was sehr wichtig war, um den Umgang mit Angst zu erlernen und andere Zugänge zu mir selbst zu finden, weil auch eine Krebserkrankung, und davon bin ich völlig überzeugt, eine Störung im Gesamtsystem ausdrückt.

Hat Sie es Überwindung gekostet einzugestehen, dass es die Schulmedizin braucht?

Langbein: Nein, gar nicht, davon war ich immer überzeugt. Ich habe mich auch stets für eine Verbesserung der Qualität der Schulmedizin eingesetzt und niemals die Medizin insgesamt infrage gestellt. Mir ging es um die Geschäftemacherei und Schluderei. Davon gibt es leider in Österreich immer noch zu viel. Umgekehrt hat mir die Beschäftigung mit dem Medizinbetrieb natürlich sehr viele Privilegien in die Hand gegeben, weil ich in der Lage war, die mir am besten erscheinenden medizinischen Versorgungssysteme und Menschen zu finden, die mir als Wegbegleiter geholfen haben. Da mangelt es nämlich am allermeisten in unserem konventionellen medizinischen Betrieb. Die Krebspatienten sind auf sich alleine gestellt und haben keine kontinuierliche Betreuung durch einzelne Personen. Wenn man aber weiß, wie wichtig Empathie im Heilungsprozess ist, ist das eine entscheidende Sache.

Sie konnten das für Sie Beste auswählen. Vielen ist das nicht möglich. Würden Sie von einer Zwei-Klassen-Medizin sprechen?

Langbein: Es gibt ohne Zweifel eine Mehr-Klassen-Medizin. Ich würde das gar nicht auf zwei Klassen beschränken, weil unser Medizinsystem so menschenunfreundlich ist und so wenig differenzierte Angebote hat, dass man einen relativ hohen Informationsstand braucht, um sich in diesem Dschungel überhaupt zurechtzufinden. Und leider Gottes stellen Mediziner ihr eigenes Denksystem immer noch vor das anderer. Es fängt schon damit an, dass es gar nicht leicht ist, jemanden zu finden, der einem die verschiedenen therapeutischen Möglichkeiten aufbereitet und Entscheidungsgrundlagen gibt. Der eine sagt so, der andere so, und selbst steht man daneben und fragt sich, was ist nun das Richtige. Da ist jemand, der viele Informationen hat, extrem bevorzugt, extrem privilegiert. Alle anderen haben einen schweren Weg. Und natürlich bestimmen ökonomische Voraussetzungen nach wie vor den Medizinbetrieb.

Wie war das Verhältnis zu Ihren Ärzten? Kamen da einschlägige Andeutungen?

Langbein: Überhaupt nicht. Es gibt im Medizinbetrieb sicher ein gutes Drittel, denen eine Verbesserung der Qualität und eine menschlichere Medizin ein Herzensanliegen ist. Diese Mediziner waren immer meine Verbündeten, teilweise wurden sie sogar zu Freunden in der Beschäftigung mit meiner Krankheit und den Behandlungsmöglichkeiten bei Krebs an sich. Ich habe sehr viel auch darüber recherchiert, was denn Heilung auch in sogenannten aussichtslosen Fällen noch möglich macht. Es gibt immer Hoffnung.

Glauben Sie an Selbstheilung?

Langbein: Das ist für mich keine Frage des Glaubens. Ich bin völlig davon überzeugt dass nur der Mensch sich selbst heilen kann. Es gibt wichtige Eingriffe, die möglich machen, dass Heilung stattfindet, aber heilen kann nur der Patient sich selbst.

Hatten Sie auch einmal Angst, es könnte schlecht für sie ausgehen, und wie ist Ihr Verhältnis zum Tod?

Langbein: Am Beginn hat mich ein Gewitter von Angst überfallen in einem Ausmaß, wie ich es selbst nicht für möglich gehalten hätte. Da entstand auch Sprachlosigkeit, weil ich in den Augen meiner Liebsten ebenfalls Angst flackern sah. Dann gibt es keine Möglichkeit mehr, über die eigene Angst zu reden. Aus dieser Sprachlosigkeit sind meine Tagebücher und Bücher entstanden. Ich suchte Wege, Worte für diese Gefühle zu finden. Ich habe mich auch intensiv mit meiner eigenen Sterblichkeit und der Endlichkeit meines Lebens auseinandergesetzt. Das war manchmal ein schwieriger Prozess, letztendlich jedoch ein positiver und beglückender, weil mein Leben jetzt angesichts dieses scharfen Bewusstseins der Endlichkeit intensiver, schöner und klarer geworden ist.

In welcher Beziehung?

Langbein: Ich habe mir zusätzliche Facetten auch des Genusses und des gemeinsamen Genießens mit meiner Frau und Freunden angeeignet.

Zum Beispiel?

Langbein: Ich war ein Tanzmuffel, nun tanze ich jede Woche mit meiner Frau mit großem Vergnügen.

Wie organisieren Sie sich beruflich?

Langbein: Verändert hat sich der Zugang. Ich bin nach wie sehr daran interessiert, Inhalte zu entwickeln, die etwas zum Besseren verändern können. Das gibt mir Kraft. Was ich völlig beiseite gelegt habe sind Projekte, von deren Sinnhaftigkeit ich nicht sofort und zu 100 Prozent überzeugt bin. Ich mach nur noch Dinge, an die ich völlig glaube.

Was würden Sie aus persönlicher Sicht den Krebspatienten raten?

Langbein: Zum einen: Sie sollen sich nicht entmutigen lassen. Mediziner, auch wenn sie es wahrscheinlich gut meinen, verwechseln oft die Statistiken mit der Prognose für einen einzelnen Menschen. Es passiert furchtbar oft, dass Menschen gesagt wird, sie haben nur noch so und so viel Monate zu leben. Dann entsteht furchtbare Hoffnungslosigkeit und zerstörerische Angst. Jeder Mensch hat aber ein Recht auf Hoffnung, und jeder Mensch hat Hoffnung. Zum anderen sind die Menschen gut beraten, sich relativ bald auf die Suche nach Menschen im Medizinbetrieb zu machen, die ihnen als Navigator dienen können. Dieser Navigator kann in vielen Situationen viel bewirken. Das zeigen Forschungsergebnisse, und das zeigen meine persönlichen Erfahrungen. Es ist nicht immer leicht, den zu finden. Wenn man ihn gefunden hat, hat man nicht nur Recht auf Hoffnung, sondern wirklich Hoffnung.

asdf asdf
asdf asdf

Zur Person

Kurt Langbein

Geboren: 1953 in Budapest

Laufbahn: Studium der Soziologie in Wien, Fernseh- und Magazin-Redakteur, seit 1992 geschäftsführender Gesellschafter einer eigenen Produktionsfirma, Buchautor (Bittere Pillen, Radieschen von oben, Weißbuch Heilung), 2013 Auszeichnung mit dem Axel-Corti-Preis für engagierte und kritische Fernsehbeiträge