Joint auf Rezept nicht gefragt

Gesund / 20.05.2016 • 09:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken sorgt für Diskussionen. Foto: Afp
Die Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken sorgt für Diskussionen. Foto: Afp

Österreichs Schmerztherapeuten wollen leichteren Zugang zu Cannabinoid-Medikamenten.

Klagenfurt. In Deutschland sollen Cannabisblüten und -extrakt für medizinische Zwecke legalisiert werden. Österreichische Schmerztherapeuten wollen stattdessen lieber den Zugang zu bereits gut erforschten und wirksamen Cannabinoid-Medikamenten erleichtern.

Die Nachricht hat für einige Emotionen gesorgt: In Deutschland sollen ab dem kommenden Jahr Schwerkranke, denen andere Therapien nicht helfen, getrocknete Cannabisblüten und -extrakt auf Rezept erhalten. So sieht es ein von der deutschen Bundesregierung bereits abgesegneter Gesetzesentwurf vor. Darin ist auch die Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen vorgesehen. Die sollen allerdings nur erstattet werden, wenn die Therapie wissenschaftlich begleitet wird. Für den Import der Hanf-Pflanzen und -Extrakte soll eine noch zu gründende Cannabis-Agentur sorgen. In der Folge, so kündigte die Regierung an, soll es sogar einen eigenen, staatlich kontrollierten Anbau von Medizinal-Hanf geben.

Nicht nachahmenswert

Österreichische Experten halten diese Strategie nicht für nachahmenswert. „Wir brauchen keine Legalisierung von Haschisch oder Marihuana“, sagte Primar Rudolf Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft, im Vorfeld der derzeit in Velden stattfindenden ÖSG-Jahrestagung. Der wichtigste österreichische Schmerzkongress beschäftigt sich heuer unter anderem mit dem medizinischen Potenzial von Cannabis. „Uns stehen bereits jetzt wirksame und standardisierte Cannabinoid-Medikamente zur Verfügung, deren Wirksamkeit in einigen Indikationen gut belegt ist.“ Beim Konsum der Pflanze ließen sich dagegen Probleme wie mikrobielle und chemische Verunreinigungen nicht ausschließen. Zudem würde der „Joint auf Rezept“ keine genaue Dosierung der medizinisch wirksamen Komponenten erlauben und sei mit den gesundheitlichen Gefahren des Tabakrauchens verbunden. „Es gibt auch keinen Beweis dafür, dass die medizinische Wirkung von Cannabis oder Marihuana besser wäre als die bereits verfügbaren therapeutischen Cannabinoid-Reinsubstanzen“, betont Likar.

Vielversprechende Studienlage

Auch wenn deutsche Schmerzexperten rund um die Zulassung von Hanfprodukten auch darauf hinwiesen, dass die Studienlage noch nicht ausreichend sei, gab es in den vergangenen Jahren durchaus vielversprechende Ergebnisse und Behandlungserfahrungen. So konnte in einer Reihe von Untersuchungen ein überraschend breites Wirkungsspektrum von Cannabinoiden nachgewiesen werden. „Gut belegt sind vor allem brechreizhemmende, appetitsteigernde und krampflösende Effekte“, erklärt Schmerztherapeut Likar. „Zudem lindern Cannabinoide Angst, verbessern die Lebensqualität und können in multimodale Behandlungskonzepte gut integriert werden.“

Mehr Sachlichkeit

In der durch die Entscheidung der deutschen Bundesregierung neu aufgeflammten Debatte um die Legalisierung von Cannabis wünscht sich der österreichische Experte mehr Sachlichkeit. „Die gegenwärtige Diskussion darf keine ungünstigen Auswirkungen auf den Einsatz von Cannabinoid-Medikamenten in der Schmerz- und Palliativmedizin haben“, fordert Likar. „Angesichts des gut belegten Nutzens sollten diese Substanzen möglichst vielen Patienten, die davon profitieren könnten, zugänglich gemacht werden. Dazu müssen nicht nur gelegentlich noch vorhandene Vorurteile gegenüber Cannabinoid-Medikamenten abgebaut werden, sondern auch bürokratische Hürden.“

Bisher werden die in Österreich zugelassenen Präparate von den Krankenkassen nur sehr restriktiv und erst nach chefärztlicher Genehmigung erstattet. „Wünschenswert wäre eine Vereinfachung der Erstattung durch die Krankenkassen und dass zur Verschreibung kein Suchtgiftrezept mehr erforderlich ist“, moniert Rudolf Likar.

Uns stehen bereits wirksame Medikamente zur Verfügung.

Rudolf Likar