Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Der Faden des Lebens

Gesund / 19.01.2017 • 19:49 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Langsam dämmert der Morgen herauf. Der Himmel wirkt kalt, der Mond fahl. Unter den Schuhen knirscht der Schnee. Ansonsten ist alles ruhig. Ich liebe diese frühen Stunden, wenn sich das Dunkel zurückzieht. Wenn in den Häusern zaghaft die ersten Lichter angehen. Wenn Schritt für Schritt ein neuer Tag erwacht. Das sind wunderbare Augenblicke. Deshalb habe ich mir meinen Rhythmus beibehalten, obwohl ich jetzt, da die Kinder die Schule hinter sich gelassen haben und weitgehend eigenständig agieren, bis in die Puppen schlafen könnte. Aber das war nie meins und wird es auch nie sein.

Sich an Zeiten halten zu müssen wird oft als mühsam empfunden. Sich an Zeiten halten zu können ist indes Luxus. Und deshalb umso schöner. Abgesehen davon braucht der Mensch eine Struktur. Egal in welcher Phase seines Daseins er gerade steckt. Nicht umsonst ist das Schaffen von Strukturen auch ein wichtiger therapeutischer Bestandteil. Denn sie geben Sicherheit, bilden einen schützenden Rahmen, in dem es sich wieder atmen lässt, der dem Alltag wieder Konturen verleiht, die vielleicht irgendwann einmal weggebrochen sind.

Aber nicht nur diesen Menschen tun klare Umrisse gut. Eigentlich braucht sie jeder. Der eine benötigt möglicherweise mehr, der andere weniger. Die Leine darf auch ruhig hin und wieder gelockert werden. Nur nach Punkt und Beistrich zu leben, macht schließlich keinen Spaß. Zu kurz sollte er jedoch nicht sein, dieser rote Faden des Lebens. Dann lässt er uns mit Sicherheit nicht hängen.

marlies.mohr@vn.at