Schmerz an der Wurzel packen

Gesund / 08.06.2018 • 07:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Kiefer ist kein isolierter Teil des Körpers. Vielmehr hängt alles, was sich im Organismus abspielt, sehr eng auch mit unserem Kausystem zusammen.

Der Kiefer ist kein isolierter Teil des Körpers. Vielmehr hängt alles, was sich im Organismus abspielt, sehr eng auch mit unserem Kausystem zusammen.

Zahnmedizinerin aus Bregenz legte aussagekräftige Studie vor.

Bregenz Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Leiden der Österreicher. Oft haben sie ihren Ursprung in einer Verkrampfung oder Fehlstellung des Kiefers. Dann ist eine Behandlung mit Schmerzmitteln auf Dauer nicht zielführend. Die Bregenzer Zahnärztin Irmgard Simma-Kletschka untersuchte in einer repräsentativen Studie die Auswirkungen von Akupunktur in der Schmerztherapie. In knapp 900 Sitzungen behandelte die Medizinerin 407 Patienten mit unterschiedlichen Schmerzsymptomen mithilfe von Mund- und Kopfakupunktur. Nun wurden die Resultate im „British Medical Journal – Acupuncture in Medicine“ mit den Co-Autoren L. Simma und J. Fleckstein unter dem Titel „Muscular diagnostics–microsystem acupuncture – TMJ – a retrospective study“ publiziert.“

Einfluss auf das Gesamtwohl

Der Kiefer hat starken Einfluss auf unser Gesamtwohlbefinden und sollte laut Irmgard Simma-Kletschka nicht isoliert betrachtet werden. „Viele Schmerzsymptome im gesamten Kopfbereich, aber auch Probleme der Halswirbelsäule, Tinnitus, Sehstörungen und Taubheit von Extremitäten haben ihren Ursprung häufig in einer Fehlregulation des Kiefergelenks, kurz CMD“, erklärt die Medizinerin. „Das Kausystem ist ein Stressbeantwortungsorgan. Wenn es überlastet ist, zeigen sich Symptome sowohl inner- als auch außerhalb davon.“ Um diese Fehlregulation zu behandeln und gegen die Beschwerden vorzugehen, die von Zähnen und dem Kiefer ausgehen können, setzt die Expertin seit vielen Jahren erfolgreich auf die Behandlung mittels Akupunktur. In diesem Zusammenhang führte sie eine wissenschaftliche Studie durch, welche die deutliche Linderung der Beschwerdebilder aufzeigt.

Die Universitätslektorin ist überzeugt, dass diese Studie impulsgebend für künftige Behandlungsstrategien in der Zahnmedizin sein wird und durch die Veröffentlichung in einer international renommierten Fachzeitschrift noch höheres Ansehen erlangt.

Sofortwirkung belegt

Mit beinahe 900 Sitzungen weist die Studie eine hohe Fallzahl auf. Verschiedene Beschwerdebilder wurden mittels muskelentspannender und durchblutungsfördernder Akupunkturpunkte im Kopf-, Mund- und Halsbereich gelindert. „Viele Zahnschmerzen gehen nicht vom Zahn aus, sondern rühren ursächlich von der Muskulatur her. In solchen Fällen hilft eine herkömmliche Zahnbehandlung oft nicht“, führt Simma-Kletschka vor Augen. „Häufig sind Verkrampfungen und Stress Auslöser für Beschwerden. Durch das Stechen schmerzhafter Punkte mit feinen Nadeln werden Verspannungen sofort gelöst. Für den Patienten sind diese Einstiche schmerzfrei und ohne Nebenwirkungen, erste Ergebnisse aber sofort spürbar.“ Neben Schmerzlinderung und Entspannung sind auch Beweglichkeit und Funktion rasch wiederhergestellt. Der Studie der Johannes-Bischko-Preisträgerin gingen klinische placebo-kontrollierte Studien voraus. Ein Teil der Patienten wurde mit tatsächlichen Akupunkturnadeln behandelt, beim anderen Teil wurde die Behandlung durch Licht vorgetäuscht. Weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte wussten, wer Teil der Placebo-Gruppe war und wer tatsächlich behandelt wurde. Diese Vorgehensweise untermauert die Aussagekraft der Studie zusätzlich. In der Placebo-Gruppe zeigten sich keine spürbaren Verbesserungen, bei den tatsächlich Behandelten hingegen bereits während den ersten Sitzungen.

Ganzheitliche Betrachtung

Die Behandlungsdauer kann je nach Patient unterschiedlich lange ausfallen. Manche Patienten benötigen lediglich eine 20-minütige Sitzung, bei anderen sind mehrere Sitzungen notwendig. Auch die Wirkungsdauer hält unterschiedlich lange an und ist primär von den Lebensumständen abhängig. Bei persönlichem Wohlbefinden hält die Wirkung wesentlich länger an als bei einem besonders stressigen Alltag. „Die Zahnmedizin hängt mit dem gesamten Körper zusammen. Die Muskeln am Kopf sind besonders sensibel und reagieren empfindlich auf negative Einflüsse. Daher ist gerade hier Entspannung sehr wichtig.“ Simma-Kletschka plädiert für eine ganzheitliche Betrachtung der Zahnmedizin und betont deren Wichtigkeit und Potenzial. Bei der Ganzheitlichen Zahnmedizin werden Zähne, Kiefergelenk, Bisslage und das Lymphsystem in Wechselbeziehung zu anderen Bereichen des Körpers gebracht. In Diagnose und Therapie werden diese Zusammenhänge berücksichtigt. Dabei greifen die Ärzte auch auf komplementärmedizinische Methoden zurück, die sich vor allem durch ihre Sofortwirksamkeit auszeichnen.

„Die Zahnmedizin hängt mit dem gesamten Körper zusammen.“