Case Managerinnen beweisen bei ihrer täglichen Arbeit viel Fingerspitzengefühl

Gesund / 27.04.2019 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Case Managerinnen der Stadt Dornbirn: Angelika Rädler-Kleboth (l.), Isabel Benzer (2. v. l.) und Sonja Kellmann (r.) beraten und begleiten ihre Klienten. Elisabeth Hutter (2. v. r.) beantwortet Fragen in der Pflegeservicestelle. VN/PAULITSCH

Das Case Management Betreuung und Pflege hilft, passende Lösungen für das Leben zu Hause zu finden.

Dornbirn Das Case Management steht für umfassende Informationen über Betreuung und Pflege im Land. 20 Einrichtungen bzw. deren MitarbeiterInnen helfen, individuell und gemeinsam mit Krankenpflegevereinen, MoHi, Vorarlberger Betreuungspool, Ärzten, Krankenhäusern und Behörden bedarfsorientiert ein Versorgungspaket zu planen und umzusetzen. Sonja Kellmann, Teamleiterin des Case Managements der Stadt Dornbirn, spricht im „fit & gesund“-Interview über ihren Tätigkeitsbereich, Herausforderungen und persönliche Eigenschaften.

Was ist ein Case Management?

Das Case Management in der Betreuung und Pflege ist für Menschen gedacht, die aufgrund körperlicher und/oder seelischer sowie demenzieller Beeinträchtigung Hilfe benötigen. Wir, das sind zwei weitere Case Managerinnen und ich, organisieren in der Stadt Dornbirn die Hilfsangebote für unsere Klienten. Ziel ist es, passende Lösungen für das Leben zu Hause bis hin zur Aufnahme im betreuten Wohnen oder in einem Pflegeheim zu finden. Dafür arbeiten wir eng mit dem Krankenpflegeverein, dem Mohi, Vorarlberger Betreuungspool, Ärzten, Krankenhäusern und Behörden zusammen.

Welches Aufgabengebiet umfasst Case Management?

Wir erbringen keine direkten Leistungen im Bereich Pflege und Betreuung. Wir sind vor allem beratend und begleitend tätig. Wir erarbeiten Lösungen im Sinne unserer Klienten. Dabei achten wir darauf, was unsere Klienten noch selbst erledigen können, beispielsweise Kontakt mit dem Mohi aufzunehmen oder einen Antrag selbst auszufüllen. Der Grundsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist uns wichtig. Wir fordern aber auch die Eigenverantwortung der Betroffenen bzw. der Angehörigen mit ein.

Wie läuft ein Case Management Prozess ab?

Wir werden entweder vom Klienten selbst, von seinen Angehörigen, von der Bevölkerung oder von einem unserer Systempartner wie Hausarzt oder Krankenpflegeverein kontaktiert. In einem Beratungsgespräch, das entweder bei uns im Büro oder direkt beim Klienten zu Hause stattfindet, klären wir ab, was der Klient benötigt, welche Möglichkeiten und Ressourcen vorhanden sind. Nach der Bestandsaufnahme unterstützen wir bei der Planung und Organisation der Hilfsangebote. Nachdem die Hilfe organisiert ist, bleiben wir am Fall dran, und fragen nach, ob das Organisierte ausreichend ist.

„Wir sind beratend und begleitend tätig. Wir erarbeiten Lösungen im Sinne unserer Klienten.“

Sonja Kellmann, Case Managerin, Stadt Dornbirn

Ihr Aufgabengebiet verlangt sehr viel Fingerspitzengefühl.

Ja, die Aufgabe ist sehr sensibel und komplex. Unser Aufgabengebiet betrifft sehr persönliche Bereiche. Zum einen geht es um die Gesundheit und damit verbunden um Tätigkeiten, die unser Klient nicht mehr ausführen kann. Zum anderen geht es um die finanzielle Situation des Klienten. Wie viel Geld ist da? Benötigt er eine höhere Pflegestufe? Muss ein Antrag auf Mindestsicherung gestellt werden? Natürlich bekommen wir auch Einblick in innerfamiliäre Strukturen. Inwieweit kann das bestehende soziale Umfeld oder können Verwandte helfen?

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie?

Ganz wichtig ist die Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten und des Klienten. Ohne diese Bereitschaft können wir nichts ausrichten. Dann müssen wir die unterschiedlichen Ansichten und Empfindungen aller Beteiligten unter einen Hut bringen. Wann gilt beispielsweise eine Wohnung als verwahrlost? Wann benötigt jemand einen Pflegeheimplatz? Wir müssen mit viel Feingefühl an jeden Fall herangehen. Vor strukturellen Herausforderungen stehen wir ebenfalls. Derzeit stehen beispielsweise nicht ausreichend Pflegeheimplätze zur Verfügung. In finanzieller Hinsicht ergeben sich weitere Fragen, wenn ein Pflegegeldantrag z. B. länger in Bearbeitung ist, das Geld aber dringend benötigt wird.

Wie viele Fälle haben Sie pro Jahr?

Wir haben in der Stadt Dornbirn etwa 300 Fälle pro Jahr. Die Tendenz ist jedoch steigend, da das Case Management in der Bevölkerung immer bekannter wird und der Anteil der älteren Bevölkerung steigt.

Welche Eigenschaften müssen Sie für Ihre Arbeit im Case Management mitbringen?

Die Sachlichkeit auf der rechtlichen wie auch auf der pflegerischen Ebene bildet die Grundlage des Case Managements. Man muss ruhig bleiben und diese Ruhe auch gegenüber dem Klienten ausstrahlen. Neben dem Fingerspitzengefühl benötigen wir viel Geduld und müssen Empathie sowie Verständnis mitbringen. Es findet sich immer eine Lösung. Wichtig ist es, einen Ausgleich im Privatleben zu haben, damit man den beruflichen Alltag nicht mit nach Hause nimmt.

Zur Person: DGKS Sonja Kellmann

Ausbildung: diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin seit 2007, zertifizierte Case Managerin seit 2016

Geboren: 9. Dezember 1986

Wohnort: Lustenau

Hobbys: Wandern, Reisen

Lebensmotto: Um klar zu sehen, reicht oft ein Wechsel der Blickrichtung (Antoine de Saint Exupéry)

Hilfsdienste und Kontakte

Krankenpflegeverein, Mobiler Hilfsdienst (MoHi), Essen auf Rädern, Tagesbetreuung, Seniorenbörsen: Kontaktmöglichkeiten direkt vor Ort

Rufhilfe: Österreichisches Rotes Kreuz, Landesverband Vorarlberg, Beim Gräble 10, 6800 Feldkirch, 05522 77000-9087

Tandem: Unterstützung für betreuende Angehörige von Demenzerkrankten; Dr.in Esther Schnetzer, 05522 44290-23; esther.schnetzer@bhba.at

Vorarlberger Betreuungspool: Vermittlung selbstständiger Personenbetreuer, Servicestelle in Feldkirch, Saalbaugasse 2, 05522 78101, Servicestelle in Dornbirn, Am Rathausplatz 4/5, 05572 386568

Sozialpsychiatrischer Dienst: Beratung für Erwachsene mit psychischen und sozialen Problemen, www.spdi.at

Mobiles Palliativteam Vorarlberg: Franz-Michel-Felderstraße 6, 6845 Hohenems, 05522 200-4700

Hospiz Vorarlberg: Maria-Mutter-Weg 2, 6800 Feldkirch, 05522 200-1100, www.hospiz-vorarlberg.at