Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Muttertag

10.05.2019 • 07:37 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Das Nest lag mitten auf dem Gehsteig. Vermutlich hatte es der Wind aus dem schon dicht belaubten Geäst des Baumes geweht, so leicht wie es geworden ist, nachdem die Brut ausgezogen war. Obwohl es nach seinem Flug etwas zerfleddert wirkte, verströmte das Nest immer noch einen wohligen Hauch von Behaglichkeit und Wärme. „Hier“, dachte ich bei mir, „konnten sich die Piepmätze gut entwickeln.“ Inzwischen sind sie flügge geworden, auf und davon. Das von den Eltern kunstvoll gestrickte Heim ist Vergangenheit. Die Jungen müssen ihren eigenen Weg finden.

Wäre am Sonntag nicht Muttertag, ich hätte dem strohigen Knäuel, das beim unterkühlten Morgenspaziergang plötzlich vor meinen Füßen lag, vermutlich wenig Beachtung geschenkt. Ein Häufchen getrocknetes Gras, ein paar winzige weiße Federn darin: nichts, was nach gesteigerter Aufmerksamkeit verlangt. Und doch setzte dieses kleine Etwas eine Erinnerung in Gang. Gedanken an das leere Nest zu Hause, an Zeiten, in denen es noch lärmte und lebte und an Augenblicke, in denen nach und nach Ruhe einkehrte. Dasein ist Veränderung, heißt es und sich darauf einzustellen eine Kunst, die man nach Möglichkeit früh genug pflegen sollte, um schlussendlich nicht selbst aus dem Nest zu fallen.

Andererseits gehen Kinder ja nie ganz. Wenn ich daran denke, was meine so alles zurückgelassen haben…sie könnten glatt morgen schon wieder einziehen. Sie sehen, auch wenn die Nabelschnur bei der Geburt gekappt wird, ist sie doch wie ein unsichtbares Band, das Jung und Alt von Anfang bis Ende zusammenhält. Lassen Sie als Eltern also nicht zu, dass diese Stricke reißen, selbst wenn die Vögel fliegen. Feinen Muttertag!

Marlies Mohr

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