Funktion kommt vor Radikalität

Gesund / 17.05.2019 • 09:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Primar Richard Bauer verstand es bestens, dem Publikum im Panoramasaal des LKH Feldkirch die Kompliziertheit von Eingriffen am Gehirn verständlich darzustellen. vn/stiplovsek
Primar Richard Bauer verstand es bestens, dem Publikum im Panoramasaal des LKH Feldkirch die Kompliziertheit von Eingriffen am Gehirn verständlich darzustellen. vn/stiplovsek

Eingriffe am Gehirn sind eine besonders diffizile Angelegenheit.

Feldkirch Die bessere Nachricht kam gleich zu Beginn. „Ein Hirntumor muss keine schlechte Diagnose sein“, betonte Primar Richard Bauer. Doch das Aber folgte auf dem Fuß: „Ein bösartiger Hirntumor ist aggressiver als Brustkrebs.“ Andererseits sind Gehirntumore relativ selten. Ihr Anteil an den Krebserkrankungen liegt bei zwei Prozent. Auf die Vorarlberger Bevölkerung hochgerechnet sind das etwa bei den Glioblastomen 24 Neuerkrankungen pro Jahr. Im Vergleich dazu gibt es bei Prostatakrebs rund 400 und bei Lungenkrebs etwa 240 Neuerkrankungen jährlich.

Meist Zufallsbefunde

Bei jedem Eingriff gilt die Devise: größtmögliche Tumorentfernung bei maximaler Schonung der Gehirnfunktionen. „Je besser das gelingt, umso besser die Prognose für den Patienten“, sprach der Leiter der Neurochirurgie im Landeskrankenhaus Feldkirch auch von einem Balance-Akt und räumte ein: „Im Ernstfall geht Funktion vor Radikalität.“ Deshalb kommt es vor, dass aus Sicherheitsgründen nicht das gesamte Tumorgewebe entfernt wird. Die Gefahr des Nachwachsens ist zwar gegeben. „Die Patienten werden jedoch engmaschig kontrolliert“, beruhigte Bauer.

Es war ein spannender Einblick, den der Primar den zahlreichen Besuchern in die Hirnregion, einen besonders sensiblen Teil des menschlichen Körpers, bot. Von dort aus werden alle maßgeblichen Funktionen gesteuert. Die Arbeit von Neurochirurgen ist also eine sehr diffizile. Gefordert ist vor allem Erfahrung. Hirntumore selbst sind laut Richard Bauer meist Zufallsbefunde, weil sie keine spezifischen Symptome machen. Die Medizin unterscheidet 120 Formen von Hirntumoren. Am häufigsten kommen sogenannte sekundäre Hirntumore vor. Dabei handelt es sich um Metastasen, die andere Tumore absetzen. „Das Gehirn ist gut durchblutet, weil es viel Energie benötigt. Die Krebszellen gelangen über das Blutsystem ins Gehirn“, erklärte Bauer, warum dieses Organ besonders anfällig für Absiedelungen ist. So gibt es Patienten, die zwanzig und mehr Metastasen aufweisen. Operativ entfernt werden können maximal drei, der Rest wird bestrahlt. Hirneigene Tumore wiederum entwickeln sich aus den Zellen der Gehirnsubstanz oder der Hirnhaut. Dazu zählen Meningiome und Gliome.

Die Ursache für die Entstehung liegt nach wie vor im Dunkeln. Auch was die oft ins Spiel gebrachte Handynutzung betrifft, gibt es keine validen Hinweise. „Wäre dem so, müsste die Zahl der Hirntumore schon längst explodiert sein“, gab Richard Bauer zu bedenken. Anzeichen eines Hirntumors können Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen sein. Dazu kommen epileptische Anfälle, motorische Ausfälle, Sprach- und Sehstörungen sowie Wesensveränderungen. Grund: Der Tumor verdrängt zunehmend das Gehirn, der Druck steigt. Meningiome, von denen der größte Teil gutartig ist, können sehr langsam wachsen und bilden auch keine Metastasen. Sie können allerdings groß werden, was den Eingriff erschwert.

Leuchtender Tumor

Gliome und Astrozytome, die direkt vom Hirn ausgehen, sind meist bösartig und nicht  heilbar. Die große Kunst der Operateure liegt darin, zu erkennen, wo der Tumor endet und gesundes Gewebe beginnt. Erleichtert wird dies dadurch, dass der Tumor zum Leuchten gebracht wird (Tumorfluoreszenz). Auch neueste Navigation sowie die Möglichkeit, noch während des Eingriffs am wachen Patienten Funktionskontrollen durchzuführen, machen neurochirurgische Eingriffe sehr sicher.

Der Vortrag kann unter gesundheit.vol.at in voller Länge nachgesehen werden.