Wir futtern uns zu Tode

Gesund / 31.05.2019 • 07:00 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Auf Fleisch aus artgerechter Haltung und aus heimischen Betrieben sollte beim Kauf auf jeden Fall geachtet werden. SYMBOLFOTO VN/STEURER

Warum das Ernährungsverhalten zur lebensbedrohenden Lebensweise wird.

Heidemarie Netzer

Schwarzach Klar, jeder kann die von wirklich allen Gesundheitsexperten empfohlene Ernährungspyramide im Schlaf aufzählen: Gesundes, wie ungezuckerte Getränke, Getreideprodukte, Gemüse und Obst sowie Fisch und Milchprodukte stehen unumstritten vor Fleisch und Fetten und wie süßen Verführungen. Doch im täglichen Tun bzw. Essverhalten sieht es anders aus: Täglich füllt Fleisch in all seinen Variationen die Teller, stillen gesüßte Getränke den Durst, gibt es Süßes als Belohnung.

Wenn all das für Sie nicht gilt, zählen Sie zu den Glücklichen, die das Attribut Ausnahme von der Regel beanspruchen dürfen. Fakt ist, dass 20 Prozent aller Todesfälle weltweit im Zusammenhang mit schlechter oder falscher Ernährung stehen. Elf Millionen Menschen sterben jährlich an den Folgen, die Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Diabetes und mehr lauten.

Fit&Gesund stieß bei der Recherche in Sachen gesunde Lebenshaltung auf den neuen Dokumentarfilm „Awake2Paradise“ der Regisseurin und Autorin Catharina Roland, in dem sie mit Wissenschaftlern, Zukunftsforschern, Transformationslehrern über die innere und äußere Gesundheit, auch jene der Erde spricht, aber auch die Aspekte der Nahrungsmittelindustrie und die Ernährungsgewohnheiten beleuchtet. Im Interview definiert sie ihre Erfahrungen und harte Fakten.

Sie haben sich in Ihrer Doku unter anderem mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt. Wie kommt es Ihrer Meinung nach zum weltweiten Phänomen der falschen Ernährung?

Ernährung hat ja viel mit Gewohnheit, aber natürlich auch mit dem vorhandenen Angebot und der Produktionsweise zu tun. Nun ist es aber momentan leider noch so, dass wir den Großteil der Nahrung von industriellen Großbetrieben beziehen, denen es nicht um Gesunderhaltung oder die Gesundheit der Erde, sondern nur um Proftimaximierung geht, ohne Rücksicht auf Konsequenzen für Mensch, Tier oder die Vielfalt der Pflanzenwelt. Ein wichtiger Faktor ist sicherlich auch, dass wir in einer immer schnelllebigeren Welt leben und uns selbst und unsere Körper immer weniger spüren können. Stattdessen aber einer scheinbaren Erfüllung von außen nachjagen, ohne zu bemerken, dass wir dadurch innerlich immer leerer werden. Charles Eisenstein sagt in AWAKE2PARADISE ja so schön „Warum konsumieren Menschen so viel? Weil sie hungrig sind. Aber vielleicht ist das, wonach wir hungrig sind gar nicht die Dinge, die wir konsumieren. Ich denke, wir sind hungrig nach unseren verlorenen Beziehungen, dem Gefühl im Universum zu Hause zu sein, dem Gefühl dazuzugehören, auf jede Pflanze, jedes Tier, jede Landschaft zu blicken und zu wissen, dass diese intime Weggefährten sind.“

Verführen uns zunehmend Werbung und damit Medien zum ungesunden Essen?

Ich habe selbst jahrelang als Werberegisseurin gearbeitet und mich damals intensiv mit den Verführungstaktiken der Werbung beschäftigt. Produkte werden immer mit Emotionen verkauft und die Werbung zielt darauf ab, gewisse Bedürfnisse in uns zu wecken. Dazu kommt, dass viele Konzerne ihre Produkte fälschlicherweise, um den neuesten Trends zu entsprechen, als „gesund“ verkaufen, obwohl sie in Wahrheit nichts enthalten, was unsere Zellen zu einem gesunden Arbeiten brauchen könnten. Da werden Eltern etwa „gesunde Frühstückscerealien mit künstlichen Vitaminen für ihre Kinder“ verkauft, obwohl ich diese nicht einmal meinen Hühnern verfüttern würde, da sie unglaublich viel Zucker enthalten. Und noch eines: Werbung in großen Medien können sich meist nur Konzerne leisten, die wiederum – auch durch den Druck ihrer Aktionäre – möglichst billig produzieren müssen. Es werden keine hochwertigen Rohstoffe mehr verwendet, es wird nicht auf die Gesunderhaltung der Anbauflächen oder der Tiere geachtet. Das wäre viel zu teuer. Dazu kommt die geschäftliche „Verquickung“ von Lebensmittelindustrie, Düngemittelindus­trie, Pharmakonzernen und Politik. Würden wir Menschen kollektiv konsequent nur mehr Lebensmittel kaufen, die uns und unsere Umwelt gesund erhalten, uns an die Heilkraft der Pflanzen, die in unserer Umgebung wachsen erinnern, dann wären sowohl die Düngemittel-, die Nahrungsmittel als auch die Pharmaindustrie bald in Konkurs.

Welche Rolle nehmen die großen Lebensmittelunternehmen wie auch die Fleischindustrie ein – gerade auch in Bezug auf schwere Erkran­kungen oder gar die Umwelt?

In den letzten 50 Jahren hat sich der Fleischkonsum weltweit verfünffacht. Jährlich werden 65 Millionen Tiere für unsere Ernährungszwecke geschlachtet. Parallel dazu hat die Fallzahl von Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs deutlich zugenommen. Dazu kommt, dass wir mit dem Konsum dieses Fleischs und von Milchprodukten von Tieren aus Massentierhaltung gleichzeitig auch die Stresshormone dieser Tiere, die ihr Leben unter gruseligen Bedingungen fristen und Todesängste in Schlachthäusern erleiden mussten, in unsere Körper aufnehmen. Da diese Tiere durch die furchtbare und lebensverneinende Haltung ja nicht mehr über gesunde Abwehrmechanismen verfügen, werden ihnen immer höhere Dosen an Antibiotika verfüttert, die direkt ins Fleisch gehen und die wir dann auch in unseren Körper aufnehmen. Die weltweite Massentierhaltung ist aber nicht nur für unendliches Tierleid, sondern auch für ökologische Katastrophen verantwortlich: die Abholzung der Regenwälder für Mais und Getreide und Soja, riesige Monokulturen, durch die die Böden mit Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden und Düngemitteln vergiftet werden.

In einer Zeit, da Biogütesiegel sprießen – wie kann ich mich als kritischer Konsument im Angebotsdschungel zurechtfinden bzw. auf was kann oder soll ich mich letztendlich verlassen?

Zu 100 Prozent verlassen kann ich mich auf Nahrungsmittel, die ich selbst angebaut habe. Gut verlassen, kann ich mich auf Nahrungsmittel, die ich von Bauern gekauft habe, die ich kenne. Ich empfehle, regelmäßig im Internet zu recherchieren, auf welche Gütesiegel man sich aktuell verlassen kann.

Wenn Sie das Große betrachten, wie kann ich mich im Kleinen verhalten, wie kann ein individueller Paradigmenwechsel in Bezug auf gesunde Ernährung funktionieren?

Wenn ich beginne, gesund, d. h. auch biologisch und nachhaltig produzierte Lebensmittel einzukaufen, dann wird das herrschende Marktgesetz von Angebot und Nachfrage sofort dazu führen, dass der Markt sich umstellen muss. Allein in den letzten Jahrzehnten hat es sich ja gezeigt, dass die steigende Nachfrage nach biologischen Lebensmitteln dazu geführt hat, dass auch die großen Supermarktketten eigene Bio-Labels gegründet haben. Am besten ist es natürlich, bei regionalen und wirklich nachhaltig arbeitenden Biobetrieben einzukaufen. Damit setze ich auch ein wichtiges Signal für andere Bauern, die noch „konventionell“ produzieren, ihre Betriebe endlich wieder auf biologisch umzustellen. Ein Paradigmenwechsel fängt im Idealfall bei uns selbst an. Im Grunde genommen geht es darum, uns selbst wieder lieben zu lernen, unsere Körper spüren zu lernen, uns selbst mit Achtsamkeit und Mitgefühl zu begegnen. Dann werden wir diese Achtsamkeit und das Mitgefühl auch auf alles andere ausweiten können.

Und abschließend: Kann ich mir als Otto-Normal-Verbraucher eine gesunde Lebensweise in all ihren Facetten überhaupt noch leisten?

Natürlich. Wenn ich mich wirklich gesund ernähre, dann fallen ja die üblichen Ausgaben für gezuckerte Softdrinks, Energy­drinks etc. erst einmal weg. Aus heimischen Gemüsen, Obst, Getreide, Ölen kann man wunderbares Essen kochen. Auf unseren Wiesen und in unseren Wäldern wachsen Unmengen an Kräutern und Wildsalaten, Wildspinaten, eine Menge an Obst, das nicht geerntet wird, wahre Superfoods, mit denen ich die Vitamine und Mineralstoffe in meinem Körper wieder anfüllen kann – und das als Geschenk der Natur.

Schonungslose Erkenntnis

Selbstexperiment „Du bist, was du isst“ oder mit Catharina Rolands Worten ausgedrückt „Alles, was ich zu mir nehme, wird zu einem Baustein meines Körpers und stärkt oder behindert meine Selbstheilungskraft und Vitalität“, nahm sich die Autorin zu Herzen und startete vor einigen Jahren ein dreiwöchiges Selbstexperiment.
Sie schildert: Im Verlaufe des Experiments habe ich anstelle von gesundem, biologischem und nährstoffreichem Essen – wie ich es seit einigen Jahren praktiziere – all das gegessen, was mir im Alltag angeboten wurde. Das beinhaltete Kuchen aus Weißmehl mit Zucker, Fertigprodukte mit künstlichen Inhaltsstoffen, Fleisch aus Massentierhaltung, Softdrinks, Chips, Frühstückscerealien, Schokoladeriegel, Burger. Dinge, von denen sich in unseren westlichen Zivilisationen viele Menschen täglich und fast ausschließlich ernähren.
Schon nach kurzer Zeit wurde mir regelrecht übel, ich bemerkte, wie mein Körper rebelliert, aber nach ein paar Tagen begann er, wie ein Süchtiger, noch mehr davon zu wollen. Gleichzeitig wurde ich aber immer müder, unkonzentrierter, lustloser. Ich bekam Kopfweh und bemerkte auch, dass ich einerseits gleichgültiger gegenüber meiner Umgebung wurde, andererseits auch viel gereizter und aggressiver reagierte. Schließlich war es mein damals 10-jähriger Sohn, der mich bat, dieses Experiment abzubrechen. Ich kann mich noch genau an seine Worte erinnern: „Bitte hör auf, ich will meine Mami zurück!“

Autorin und Regisseurin Catharina Roland. nina suzy stoeckl

Zur person

Catharina Roland

Regisseurin und Autorin

In ihrem zweiten Film „AWAKE2PARADISE“ stellt sie die Frage, ob und wie es uns gelingen kann, in Harmonie und Liebe mit uns selbst, einander und der Natur zu leben, eben ein Paradies auf Erden zu erschaffen.

Wohn- und Wirkungsstätte Wienerwald

Geboren 1969

HOMEPAGE www.awake2paradise.com