Aktionsplan Adipositas

Gesund / 05.07.2019 • 10:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Weltgesundheitsorganisation schlägt Alarm: Schon viel zu viele Kinder und Jugendliche sind übergewichtig bzw. fettleibig.keystone
Die Weltgesundheitsorganisation schlägt Alarm: Schon viel zu viele Kinder und Jugendliche sind übergewichtig bzw. fettleibig.keystone

WHO fordert von Österreich bis 2020 Präventionsprogramme.

Wien „Krankhaftes Übergewicht ist eine gesundheitliche, gesundheitspolitische und gesundheitsökonomische Zeitbombe“, sagte Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie niedergelassener Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, jüngst in einem Pressegespräch. Dem soll nun entschieden entgegengewirkt werden, und zwar mit dem Aktionsplan Adipositas. Gemeinsam mit Ernährungsmedizinern der MedUni Wien wurde ein Bündel von strategischen Maßnahmen und gesundheitspolitischen Vorschlägen erarbeitet. „Unser Ziel ist dessen zügige politische Umsetzung, um die Ausbreitung von Adipositas einzudämmen“, so Steinart.

Jedes dritte Kind fettleibig

Hintergrund: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert in ihrem „Europäischen Aktionsplan Nahrung und Ernährung“ (2015-2020) auch von der österreichischen Bundesregierung bis 2020 geeignete Konzepte gegen Adipositas. „Konkret soll durch entsprechende Präventionsmaßnamen bis zum Jahr 2025 unter anderem das Ausmaß kindlichen Übergewichts nicht weiter zunehmen und eine Verringerung der Frühsterblichkeit aufgrund von krankhaftem Übergewicht erreicht werden“, erklärte Steinhart. Außerdem sollen Gesundheitssysteme im Sinne einer Förderung gesunder Ernährung ausgebaut werden.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und Atemwegserkrankungen verursachen heute in Europa bereits 77 Prozent der Krankheitslast und 86 Prozent der vorzeitigen Sterblichkeit. „Führende Risikofaktoren sind ein überhöhtes Körpergewicht sowie der übermäßige Verzehr von kalorienreicher Nahrung, gesättigten Fetten, Transfettsäuren, Zucker und Salz bei zu geringem Konsum von Obst, Gemüse und Vollkornprodukten“, erläuterte Univ. Prof Kurt Widhalm, Kinderarzt und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin. In europäischen Ländern ist nach WHO-Angaben bereits jedes dritte Kind in der Altersgruppe sechs bis neun Jahre adipös. „Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Zahl bis 2025 verdoppeln wird.“

Expertenboard

Eine dieser Tage in „Nature“ publizierte Studie zeigt, dass erstmals weltweit die Body-Mass-Index-Zunahme im ländlichen Bereich höher war als im städtischen. „Der Bedarf an konsequenten Präventionsmaßnahmen, die bisher tendenziell auf den urbanen Bereich und einen städtischen Lebensstil fokussierten, muss also flächendeckend ausgeweitet werden“, bilanzierte Widhalm. „Um den Vorgaben der WHO entsprechen zu können, empfehlen wir eine Reihe von Sofortmaßnahmen“, sagte Steinhart. Zentrales Element ist die Gründung eines ernährungsmedizinischen Expertenboards in Kooperation mit dem Gesundheitsministerium. Ein kleines, schlankes und kurzfristig entscheidungsfähiges Team von österreichischen und internationalen Experten unter wissenschaftlicher Beteiligung der MedUni Wien solle unabhängig von Partei- und Industrieinteressen das tun, was die WHO fordert: Konzepte zur Eindämmung der Adipositas im Kinder- und Jugendlichenalter entwickeln, deren Umsetzung begleiten und die Ergebnisse evaluieren.

Dieses Board sollte auch weitere sinnvolle Maßnahmen wissenschaftlich begleiten, wie zum Beispiel Aufklärungs- und Informationskampagnen. „Zahlreiche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Vorgehen wurden bereits geschaffen und müssen gebündelt und strukturiert genützt werden“, so der ÖÄK-Vizepräsident. Ein Beispiel: Die Ärztekammer hat im Vorjahr nach dem Vorbild des Mutter-Kind-Passes einen Jugendgesundheitspass erarbeitet, der den Lebensabschnitt vom siebten/achten bis zum 16./17. Lebensjahr umfasst und bei dem Fragen des Lebensstils und der Ernährung eine zentrale Rolle spielen. Steinhart: „Dieses Projekt liegt dem Gesundheitsministerium vor, jetzt geht es darum, dass die Gesundheitspolitik es aufgreift und umsetzt.“

Botschaft an neue Kasse

Die Finanzierung notwendiger Maßnahmen könnte nach Meinung von Steinhart gut und gerne über die Alkohol- und Tabaksteuer erfolgen. Für Prävention gibt die Gesundheitspolitik derzeit lediglich 2,1 Prozent (2017) der Gesundheitsausgaben aus, hier sei also noch sehr viel Luft nach oben. Konsequente Adipositas-Prävention auf breiter Basis würde nicht nur viel Leid ersparen, sondern auch enorme Folgekosten für ernährungsassoziierte Krankheiten bzw. Risikofaktoren, wie Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin, Diabetes, Schlaganfälle und Herzinfarkte. „Das ist auch unsere sehr klare Botschaft an die Verantwortlichen der in Gründung befindlichen Österreichischen Gesundheitskasse“, betonte Johannes Steinhart: „Prävention und rechtzeitige Intervention bei krankhaftem Übergewicht im Kinder- und Jugendalter ist ein Paradebeispiel für sinnvolle Investitionen in Gesundheit und die Vermeidung von Folgekrankheiten.“

„Zahlreiche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Vorgehen wurden bereits geschaffen.“