Der strahlende Patient

12.07.2019 • 08:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Nuklearmedizin essenziell bei Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenleiden.

Feldkirch Verglichen mit anderen Disziplinen fristet die Nuklearmedizin zumindest in der Öffentlichkeit eher ein Schattendasein. Dabei ist dieses Fach essenziell bei der Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenerkrankungen. Das belegen auch die Frequenzen an der Abteilung im Landeskrankenhaus Feldkirch. Dort werden jährlich rund 4500 Schilddrüsenuntersuchungen durchgeführt. „Dazu kommen noch 4000 Ultraschalluntersuchungen, 1500 Schilddrüsenszintigraphien sowie 110 Radiojod-Therapien“, ergänzt Stationsleiter Primar Alexander Becherer das umfangreiche Tätigkeitsfeld. Dem nicht genug, wurde es heuer um die sogenannte Radiofrequenz-Ablation (RFA) erweitert. Dieses Verfahren ermöglicht es, Knoten in der Schilddrüse minimalinvasiv zu verkochen. „Der Knoten wird mittels Sonde erhitzt, dadurch reduziert sich sein Volumen auf bis zu 10 bis 20 Prozent“, erklärt Becherer, der bislang sechs Patienten erfolgreich mit dieser Methode behandelt hat. Einziger Wermutstropfen: Noch ist die Radiofrequenz-Ablation eine Privatleistung. „Trotzdem möchten wir sie als Alternative anbieten.“

Funktionstest nach der Geburt

Die Hauptfunktion der Schilddrüse besteht in der Aufnahme von Jod und der Bildung sowie Speicherung der jodhaltigen Hormone. Eine wichtige Rolle spielen diese unter anderem für die geistige und körperliche Entwicklung von Kleinkindern. „Deshalb wird gleich nach der Geburt mittels Bluttest die Schilddrüsenfunktion der Säuglinge getestet“, unterstreicht Primar Alexander Becherer die Bedeutung dieser schmetterlingsähnlichen Organe. Zudem sorgt das Hormon dafür, dass zentrales und vegetatives Nervensystem in Balance bleiben und der Fettstoffwechsel funktioniert. Es kommt allerdings auch vor, dass die Schilddrüsen zu wenig oder zu viel des Guten tun. In solchen Fällen spricht die Medizin von Unter- oder Überfunktion. Beides ist ungünstig, wie Becherer erläutert: „Wird eine Schilddrüsenerkrankung nicht diagnostiziert, kann dies zu Herzrhythmusstörungen, Knochenschwund und Unfruchtbarkeit führen.“ Auch Symptome wie Müdigkeit, mangelnde Konzentration und unerklärliche Gewichtsschwankungen können auftreten.

Gut behandelbar

Das Problem: Die Mehrzahl der Schilddrüsenleiden entwickelt sich schleichend und bleibt deshalb oft lange verborgen. Der Facharzt bestätigt: „Die meisten Knoten werden zufällig entdeckt, etwa im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen.“ Einfacher stellt sich die Sache dar, wenn die Schilddrüse bereits vergrößert ist, sich also ein Kropf gebildet hat. Die gute Nachricht: Schilddrüsenerkrankungen beeinträchtigen die Lebenserwartung und Lebensqualität höchst selten. „Sie können sehr gut behandelt werden“, betont Alexander Becherer. Das gilt ebenso für das Schilddrüsenkarzinom, eine glücklicherweise eher seltene Krebsart. Auf 100.000 Einwohner kommen jährlich 10 bis 12 Betroffene. Die Zehn-Jahres-Überlebensrate gibt der Nuklearmediziner mit 95 Prozent an. Etwa 18 Prozent der 90 Operationen, welche die Chirurgie für die Nuklearmedizin durchführt, gelten Schilddrüsenkarzinomen.

„Die Notwendigkeit eines Eingriffs wird immer genau überprüft“, berichtet Becherer von sinkenden Operationszahlen trotz gleichbleibender Karzinomhäufigkeit. Vorrang hat die individuelle Abstimmung des Therapiekonzepts auf das jeweilige Risiko. Durch die Möglichkeit, Zielstrukturen an Tumorzellen treffsicher darzustellen und zu behandeln, werden nuklearmedizinische Verfahren zunehmend bei Tumorerkrankungen zur Erkennung und Behandlung eingesetzt. Seit Jahren werden auch auf der Nuklearmedizin im Landeskrankenhaus Feldkirch andere spezielle Tumoren behandelt, seit zwei Jahren beispielsweise das metastasierende Prostatakarzinom. Ein neues radioaktives Medikament macht es möglich, ob es zum Einsatz kommt, entscheiden jedoch die Mitglieder des Tumorboards. „Die Zusammenarbeit mit allen unseren Partnern in anderen Fächern ist hervorragend“, lobt Becherer. Dennoch ist die Abteilung bemüht, Patienten mit einer Krebserkrankung so lange es geht selbst zu betreuen.

Investition in neues Gerät

Die Angst vor den verwendeten radioaktiven Stoffen ist übrigens völlig unbegründet, auch wenn Alexander Becherer gerne scherzt: „Die einzigen Patienten, die strahlend nach Hause gehen, sind unsere.“ Er relativiert jedoch umgehend: „Die Strahlenbelastung ist vergleichbar mit der einer Computertomographie.“ Für die Diagnostik verfügt die Abteilung über zwei Gammakameras und einen Positronen-Emissions-Tomographen (PET). Der wird nach zehnjähriger Betriebsdauer im November ausgemustert und durch einen neuen ersetzt. Die Kosten für diese medizinische Investition belaufen sich auf etwa 1,5 Millionen Euro. VN-MM

„Die meisten Knoten werden zufällig entdeckt, etwa bei Vorsorgeuntersuchungen.“

 Primar Alexander Becherer und sein Team sind täglich mit Schilddrüsenproblemen konfrontiert. NUSSBAUMER
 Primar Alexander Becherer und sein Team sind täglich mit Schilddrüsenproblemen konfrontiert. NUSSBAUMER
 Primar Alexander Becherer und sein Team sind täglich mit Schilddrüsenproblemen konfrontiert. nussbaumer

 Primar Alexander Becherer und sein Team sind täglich mit Schilddrüsenproblemen konfrontiert. nussbaumer

Schilddrüsenerkrankungen

» Hyperthyreose ist die Überproduktion von Hormonen. Typische Symptome sind Gewichtsverlust, Haarausfall, Erhöhung der Herzfrequenz, Zyklusunregelmäßigkeiten, Versagen der Menstruation, Bluthochdruck, vermehrtes Schwitzen, häufiger Stuhlgang, Nervosität und zitternde Hände.

 

» Hypothyreose ist die Unterfunktion der Drüse. Einige der Symptome sind Gewichtszunahme, Vergrößerung des Halses, verringerte Herzfrequenz, ausgeprägte Kälteempfindlichkeit, Lethargie, Taubheitsgefühl in den Händen, trockene Haut und Haare, Verstopfung und wiederum Zyklusstörungen bis zum Ausbleiben der Regelblutung.

» Als Kropf bzw. Struma, wie der Kropf im Fachjargon heißt, bezeichnet man jegliche Vergrößerung der Schilddrüse, ob als Knoten oder als Ganzes. Eine Struma kann sowohl bei Über- als auch Unterfunktion der Schilddrüse auftreten, bleibt zumeist aber ohne Funktionsstörung. Die meisten Strumen sind gutartig.

 

» Risikofaktoren für eine Schilddrüsenerkrankung sind unter anderem das weibliche Geschlecht, eine positive Familienanamnese, Autoimmunerkrankungen wie Typ-I-Diabetes, höheres Alter, durchgeführte Bestrahlungen im Halsbereich und das Down- bzw. Turner-Syndrom.