Chirurgische Millimeterarbeit bei Fisteln-Behandlung

Gesund / 20.07.2019 • 10:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die filigranen Instrumente verlangen eine präzise Handhabung und Führung. KARIN NUSSBAUMER

Schonende Methode zur Behandlung von Anal-Fisteln und Entzündungen.

Bludenz Eine üppige Haarpracht mag attraktiv sein, zuweilen kann sie aber auch für unliebsame Leiden an heiklen Stellen, vorrangig in der Steißbeinregion sorgen. Dann nämlich, wenn Haare abbrechen, sich in die Haut bohren und eine Entzündung auslösen. Eine definitive Sanierung ist nur chirurgisch möglich. Bislang musste dafür das Gewebe großflächig entfernt werden. Zurück blieb eine große Wundhöhle, deren Behandlung den Patienten oft monatelang außer Gefecht setzte. Jetzt steht eine schonendere Alternative zur Verfügung. Ein Endoskop ersetzt das Skalpell. Die Allgemeinchirurgie im LKH Feldkirch ist derzeit die österreichweit einzige Abteilung, die diese Methode anwendet. Operiert wird jedoch im LKH Bludenz. Die dortige chirurgische Abteilung wurde bekanntlich mit jener in Feldkirch zusammengelegt.

Zahlreiche Vorteile

OA Christian Angerer, Operateur mit Schwerpunkt Proktologie, hat die Behandlung unlängst beim Chirurgenkongress in Innsbruck vorgestellt, dafür einen Preis für den besten Vortrag und die Einladung zur Publikation im Fachjournal „Coloproctology“ erhalten. Seit Einführung der EPSiT-Methode (Endoscopic Pilonidal Sinus Treatment) führte Angerer bereits 30 solcher Operationen durch. „Mit sehr gutem Erfolg“, wie er anmerkt. Diese Einschätzung entspringt nicht allein dem persönlichen Blickwinkel. Die Patienten sind ebenfalls sehr zufrieden. „Die klein gehaltene Wundöffnung verursacht kaum Schmerzen, der Patient kann das Krankenhaus schon am nächsten Tag verlassen, die Wunde verheilt schneller, und die Wundpflege ist weit weniger aufwendig“, listet Angerer die Vorteile auf. Nach vier bis acht Wochen ist die Sache meistens ganz erledigt.

Pilonidalsinus, so nennt sich die Krankheit, die vor allem junge Männer trifft, im Fachjargon. Ihre Entstehung wird auf das Eindringen abgebrochener Haare in die Haut zurückgeführt. „Früher glaubte man, das sei angeboren“, wirft Christian Angerer zur Erklärung ein. Durch Reibebewegungen der Gesäßbacken werden die Haare immer tiefer in die Haut bzw. Unterhaut gedrückt, wo sich Gänge und Höhlen (Sinus) bilden, in denen die Haare liegenbleiben. Durch diese Fremdkörper kann sich ein Abszess entwickeln. „Die meisten Patienten sind akute Fälle“, berichtet Angerer. Bevor die Haarnester jedoch endoskopisch ausgeräumt werden können, gilt es, den Abszess mit einem kleinen Schnitt in örtlicher Betäubung zu entlasten. Nach zwei bis drei Wochen geht es ans Eingemachte.

Hohe Erfolgsrate

Es handelt sich buchstäblich um Millimeterarbeit. Bei der OP wird ein ca. 5 x 3 Millimeter großes Endoskop, hier nennt es sich Meinero-Fistuloskop, in den Fistelgang eingeführt. Der Arbeitskanal für die Mikro-Instrumente misst gerade einmal 2,5 Millimeter im Durchmesser. Die Entfernung der Haare erfolgt mittels Mikro-Fasszange unter videoskopischer Sicht. Auf diese Weise wird penibel Haar für Haar herausgefischt. Anschließend werden die Fistelgänge gebürstet und elektrisch verödet. Im Durchschnitt dauert der Eingriff 30 Minuten. „Ich hatte aber auch schon Patienten, bei denen war ich zwei Stunden dran“, erzählt Christian Angerer. Dafür liegt die Erfolgsrate bei stattlichen 95 Prozent.

Bei der herkömmlichen Behandlung kam es aufgrund der anatomisch ungünstigen Lage der Wunde häufig zu Wundheilungsstörungen. Ein weiteres Problem stellte die hohe Rezidivrate von bis zu 20 Prozent innerhalb von drei Jahren dar. Ein neuerliches Auftreten von Haarnestern lässt sich zwar auch durch die endoskopische Behandlung nicht immer vermeiden, doch schneller und sanfter lösen. Mit demselben Instrumentarium können unter bestimmten Bedingungen außerdem Anal-Fisteln therapiert werden (VAAFT – Video-assisted Anal Fistula Treatment). Ein Vorteil hier ist das geringere Risiko einer Verletzung des Schließmuskels und einer daraus resultierenden Stuhlinkontinenz.