„Die Zahnmedizin ist in der Krise“

Gesund / 26.07.2019 • 10:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
In hoch entwickelten Ländern steht laut den Experten viel zu sehr die Behandlung im Vordergrund.
In hoch entwickelten Ländern steht laut den Experten viel zu sehr die Behandlung im Vordergrund.

Rund die Hälfte der Weltbevölkerung leidet unter Zahnproblemen.

Heidelberg, London Forscher fordern ein radikales Umdenken im Umgang mit Mund- und Zahn­erkrankungen. Rund 3,5 Milliarden Menschen weltweit leiden unter Karies, Zahnfleischerkrankungen oder Mundkrebs, weitgehend unbeachtet von der weltweiten Gesundheitsvorsorge und -politik. „Die Zahnmedizin ist in der Krise“, sagt Professor Richard Watt vom University College London (UCL), einer der Autoren einer Artikelserie zu diesen Themen im britischen Fachjournal „The Lancet“.

Behandlung statt Vorbeugung

In hoch entwickelten Ländern stehe bei der modernen Zahnmedizin beispielsweise viel zu sehr die Behandlung statt der Vorbeugung im Vordergrund, kritisieren er und zwölf weitere internationale Experten. Die Wissenschaftler aus zehn Ländern, darunter auch Großbritannien und Deutschland, monieren zudem, dass sich die Zahnmedizin schon viel zu lange von traditioneller Gesundheitsvorsorge abgekoppelt habe. Besonders kritisch beurteilen die Wissenschaftler auch die Rolle der Zucker-, Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Ihr Einfluss könne beispielsweise dazu führen, dass der Fokus auf kommerzielle Produkte wie Zahnpasta mit Fluor, Mundwasser oder zuckerfreien Kaugummi gelegt werde, statt sich den tatsächlichen Ursachen etwa von Karies zu widmen. So steige der Konsum von Zucker, Hauptursache für die Zerstörung von Zähnen, gerade in weniger entwickelten Ländern rapide an. Auch in Deutschland gebe es Handlungsbedarf, sagt Co-Autor Stefan Listl, der an der Universitätsklinik in Heidelberg im Bereich Gesundheitsökonomie forscht. Zwar werde hier im weltweiten Vergleich mit am meisten für zahnmedizinische Behandlungen ausgegeben. Viele Menschen litten aber weiterhin an vermeidbaren Folgen solcher Erkrankungen. Der dadurch entstehende Verlust an Produktivität betrage mehr als zwölf zwölf Milliarden Euro jährlich. „Es wird zuviel Wert auf Hightech gelegt statt auf Vorsorge.“

Bildungsschichten

Auch sei es weiterhin so, dass Menschen aus niedrigeren Bildungsschichten deutlich öfter Zahnprobleme haben. „Mit dem Versorgungsmodell hierzulande kommt man sehr weit, aber wie kann man die erreichen, die nie zum Zahnarzt gehen?“, fragt Listl. Vielen Menschen sei nicht bewusst, wie wichtig Zahn- und Mundhygiene ist.