Martin Rhomberg über Trends und Ethik in der ästhetischen Chirurgie

Gesund / 26.07.2019 • 16:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Dr. Martin Rhomberg ist seit 2003 als niedergelassener Plastischer Chirurg in Dornbirn tätig. UDO MITTELBERGER

Ästhetische Chirurgie und deren Wirkungsspannbreite im Fokus.

Heidemarie Netzer

Dornbirn Die Tage, in denen hinter vorgehaltener Hand von Veränderungen des Körpers zugunsten einer gewollten Verschönerung gemunkelt wird, sind längst vorbei. Vielmehr gelten heute operative Eingriffe für eine schönere Nase, gestrafften Augenlidern oder weniger Fettpölsterchen an Bauch, Beine oder Po als alltäglich, ja gar als Status­symbol. Fit&Gesund sprach mit Dr. Martin Rhomberg (54), Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie mit Praxis in Dornbirn, über Beweggründe, Trends, Ethik und mehr.

Gleich vorneweg, inwieweit hat sich die Anzahl der ästhetischen (operativen) Eingriffe in den vergangenen Jahren verändert?

Das Maß der Zunahme der Eingriffe ist schwer zu bewerten, da ja auch immer mehr Chirurgen solche Eingriffe vornehmen. Zum Leidwesen der Patienten operieren vielfach Ärzte, die keine oder kaum Ausbildung auf dem Gebiet der Ästhetischen Chirurgie haben.

Spielen Ihrer Meinung nach die Medien dabei eine Rolle?

Medien sind Meinungsbildner und die Leser glauben an die Korrektheit des Geschriebenen. Vielleicht sind es die Jüngeren und Ungefestigteren, die herauslesen, dass die Ästhetische Chirurgie zum normalen ­Leben gehört.

Wie lauten nun die meist genannten Beweggründe für eine Schönheitsoperation?

Der Beweggrund ist immer ein gewisser Leidensdruck: Im Gesicht spielt die Müdigkeit eine Rolle oder die Diskrepanz zwischen gefühlter Vitalität und Aussehen; an der Brust und bei der Fettabsaugung müssen meist die Proportionen zum restlichen Körper geschaffen werden. Nicht zu unterschätzen sind Tatsachen wie das Schamgefühl junger Frauen vor Gleichaltrigen wegen zu kleinen Brüsten.

Kann man hinsichtlich dem Wunsch nach ästhetischer Veränderung von einem klassischen Alter sprechen?

Das Alter hängt von der Art der Operation ab: Oberlider ab knapp 40 Jahren, Brustvergrößerungen ab 18 Jahren und dann wieder ab 35 Jahren, Liftings ab 50 Jahren.

Wie alt war Ihr jüngste bzw. der älteste Patient?

Auch bevor das Ästhetik-Gesetz kam, habe ich nie Frauen oder Männer vor dem 18. Lebensjahr behandelt oder operiert. Die älteste Patientin war knapp über 80 Jahre alt.

Welche Änderungswünsche stehen generell aktuell ganz oben auf?

Oberlidstraffung und Brustvergrößerungen führen klar. Tränensäckebehandlungen und Bauchdeckenstraffungen waren in letzter Zeit häufig. Wünsche nach Liftings werden eher von Herbst bis Frühjahr geäußert. Beobachten lässt sich auch eine Zunahme an Hyaluronsäure- und Botoxbehandlungen auf nicht-operativer Seite.

Apropos: Brustimplantate – was hat sich hier seit den Negativmeldungen von geplatzten Silikoneinlagen vor knapp 10 Jahren getan?

Bei meinen Patienten habe ich in den 16 Jahren, seit ich selbstständig bin, wissentlich kein defektes Implantat gehabt. Trotzdem gibt es noch Defekte, wenn auch viel seltener als vor 20 Jahren. Das hängt sicherlich mit der Implantatmarke zusammen. Da darf nicht gespart werden.

Ist eine Schönheitsoperation nach wie vor weiblich – oder halten dieser Tage die Männer nach?

Trotz gegenteiliger Berichte in den Medien – in meiner stichprobenartigen Statistik liegt die männliche Quote über die Jahre konstant bei circa 5 Prozent.

Und nach welcher Veränderung sehnt sich Mann am meisten?

Operativmäßig gesehen führt bei den Männern eindeutig die Oberlidstraffung, gefolgt von der Fettabsaugung.

Sind Aufspritzungen, gerade im Gesichtsbereich, weiblich wie auch männlich?

Unterspritzungen mit Hyaluronsäure werden fast ausnahmslos vom weiblichen Geschlecht in Anspruch genommen. Ausnahme: bei Knochenvertiefungen oder -defekten.

Man hört von privaten Botox-Partys – gehören diese Behandlungen nicht in ärztliche Hände?

Völlig korrekt! Medizinische Behandlungen außerhalb einer Ordination oder eines Krankenhauses sind meines Wissens nach sogar verboten. Denken Sie nur an die erforderliche ärztliche Aufklärungspflicht vor der Behandlung. Man sollte seriöse Medizin nicht mit Spaß verwechseln.

Stichwort Fettabsaugen: abschreckend oder nicht?

Für den Operateur ist es eine eher eintönige Arbeit, die aber auf viel Erfahrung beruht und erstaunliche Ergebnisse bringen kann.

Was passiert eigentlich mit dem abgesaugten Fettgewebe?

Nach dem Abfallentsorgungsgesetz wird Operationsmüll separat gesammelt und dann wie Restmüll entsorgt; größere Präparate werden zur Entsorgung an die Pathologie gesandt.

Wie lautete der verrückteste Wunsch bislang?

Die kurioseste Operation habe ich als Student in Palm Beach/Florida erlebt. Nachdem bei einer älteren Patientin eine Brust entfernt werden musste, wünschte sie sich nicht einen Wiederaufbau, sondern eine Verlagerung der verbliebenen Brust in die Körpermitte – wie bei einem Einhorn. Von sonderbaren Wünschen in meiner Ordination sind mir zumindest keine in Erinnerung geblieben.

Mit welchen Risiken ist bei einer Schönheitsoperation generell zu rechnen?

Nachblutungen treten in circa einem Prozent der Fälle auf, Entzündungen sind so gut wie nie zu verzeichnen. Wichtig ist die Aufklärung über mögliche Narbenbildungen und über die notwendige Geduld in der Heilungsphase. Und am wichtigsten: Der Patient muss bei der Aufklärung verstehen, was geschieht und was zu erwarten ist.

Bei welchen Operationen sind die Risiken am größten?

Ästhetische Operationen sollten nie ein hohes, unkalkulierbares Risiko mit sich bringen, im Zweifelsfalle ist darauf zu verzichten.

Gibt es für Sie auch Gründe für eine Ablehnung?

Ja natürlich, das ist ein zentrales Thema. Der Arzt darf sich nie, etwa aus finanziellen Interessen, zu einem Eingriff umstimmen lassen – dies könnte und würde eine Handlung des Arztes gegen seine eigene Überzeugung, eine Gefährdung der Gesundheit sowie einen schlechten Ruf für den Arzt und den gesamten Berufsstand bedeuten.

Und zu guter Letzt: Wie stehen Sie persönlich zu körperlichen Veränderungen für die Schönheit?

Meiner Meinung nach muss auch ein ästhetischer Eingriff immer medizinisch indiziert sein, das heißt, die Patienten müssen unter einem gewissen Leidensdruck stehen. Ein ästhetischer Eingriff ist dabei immer ein gemeinsames Projekt von Arzt und Patient.

Dr. Martin Rhomberg

Ist seit 2003 als niedergelassener Plastischer Chirurg in Dornbirn tätig, wo er vornehmlich ästhetische Eingriffe durchführt.

Werdegang: Medizinstudium an der Universität Innsbruck, Studienaufenthalte in den USA, Facharztausbildung an der Universitätsklinik Innsbruck inklusive wissenschaftlicher Tätigkeiten

Geboren: Juli 1965, in Lustenau

Familie: verheiratet, 2 Töchter (18 und 15 Jahre)

Hobbys: Tauchen, Segeln und Reisen