Die Stoppuhr lief mit

Gesund / 16.08.2019 • 08:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auf den Millimeter genau könnnen Primar Oliver Ploder und sein Team ein neues Gesicht am Computer darstellen.KHBG
Auf den Millimeter genau könnnen Primar Oliver Ploder und sein Team ein neues Gesicht am Computer darstellen.KHBG

Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie lieferte vielbeachtete Studie.

Feldkirch Einen internationalen Durchbruch kann die Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MGK) im Landeskrankenhaus Feldkirch für sich verbuchen. Eine Studie zur virtuellen 3D-Planung von chirurgischen Korrekturen bei Kieferfehlstellungen schaffte es nicht nur in das amerikanische „Journal of Oral and Maxillofacial Surgery“, sondern lukrierte auch den Wissenschaftspreis der Österreichischen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Thomas Steinhuber, der seit vier Jahren in der von Primar Oliver Ploder geführten Abteilung arbeitet, bekam die mit 4000 Euro dotierte Auszeichnung im Rahmen des Österreichischen Chirurgenkongresses in Innsbruck überreicht. Steinhuber setzte sich mit seiner wissenschaftlichen Arbeit gegen Kollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durch. Die Freude über den Erfolg ist groß. Immerhin gibt es mit Brüssel und Feldkirch nur zwei Zentren in Europa, die die virtuelle 3D-Planung anwenden. Die Veröffentlichung der Studie zeitigt noch andere Auswirkungen. Für ein Symposium im November langen bereits Anmeldungen aus der ganzen Welt ein.

Routine und Wissenschaft

Die Untersuchung, die am LKH Feldkirch durchgeführt wurde, befasste sich mit der Frage, ob eine neuartige digitale 3D-Planung in der Chirurgie von Gesichtsfehlstellungen schneller ist als eine herkömmliche 2D-Planung. Die Antwort auf einen kurzen Nenner gebracht: „Beim Planungsaufwand gibt es keinen zeitlichen Unterschied, der Chirurg sitzt mit der neuen Methode allerdings länger vor dem Computer. Dafür verringert sich der Zeitaufwand für den Techniker im Labor und die Ambulanzschwestern“, erklärt Primar Oliver Ploder. Untersucht wurde der Zeitaufwand bei 40 Patienten. „Auf diese Weise konnten wir Routine und Wissenschaft zusammenführen“, sagt Ploder. Bei jedem Arbeitsschritt lief die Stoppuhr mit. Schließlich kam die Studie zu dem Schluss, dass die 3D-Planung bei Eingriffen in einem Kiefer um 36 Minuten und bei Eingriffen im Ober- und Unterkiefer um 75 Minuten schneller war. Die zeitliche Einsparung betraf jedoch nur das Labor sowie die Pflege. Für den Arzt verdreifachte sich die Arbeitszeit am Computer. „Insgesamt bringt die 3D-Methode aber eine Reduktion des Gesamtarbeitsaufwands“, resümiert Oliver Ploder zufrieden. Zudem biete der 3D-Workflow den Vorteil, das Operationsgebiet dreidimensional darzustellen, was eine bessere Beurteilbarkeit von Weich- und Hartgewebe gewährleistet. „Die 3D-Computerplanung mit CAD/Cam-Technik hat die MKG-Chirurgie auf diesem Gebiet revolutioniert“, so Ploder.

1000 Gesichtsumstellungen

Seine Abteilung führt jährlich 120 Gesichtsumstellungsoperationen inklusive der gesamten Planung durch. Vor 13 Jahren hat Primar Oliver Ploder damit begonnen, jüngst wurde die 1000ste Gesichtsumstellungs-OP registriert. Fehlstellungen im Gesichtsbereich können angeboren oder durch einen schweren Unfall verursacht sein.

„Man spricht im Volksmund zum Beispiel von einem ‚Vogelgesicht‘ oder dem ‚Habsburgergesicht‘, betroffen sind meistens die Nase, das Mittelgesicht und der Kieferknochen“, erläutert Ploder. Bei der Behebung solcher Unzulänglichkeiten geht es nicht um die Ästhetik. Betroffene leiden unter Kauproblemen und erschwertem Abbeißen. Dazu kommen oft noch psychische Probleme. Eine Behandlung ist jedoch erst nach abgeschlossenem Wachstum im Alter von 17 Jahren möglich. VN-MM

„Insgesamt bringt die 3D-Methode aber eine Reduktion des Gesamtarbeitsaufwands.“