Viele Patienten sind mangelernährt

Gesund / 24.08.2019 • 08:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
OA Patrick Clemens will der Ernährungstherapie einen höheren Stellenwert einräumen. KHBG
OA Patrick Clemens will der Ernährungstherapie einen höheren Stellenwert einräumen. KHBG

Am LKH Feldkirch hat sich ein interdisziplinäres Ernährungsteam gebildet.

Feldkirch Diese Daten geben zu denken. Etwa 70 bis 80 Prozent der onkologischen Patienten in den Spitälern sind mangelernährt. Im chirurgischen Bereich liegt ihr Anteil immerhin noch bei 50 bis 60 Prozent. „Mangelernährung ist ein großes Thema in den Krankenhäusern“, bestätigt OA Patrick Clemens von der Radioonkologie im Landeskrankenhaus Feldkirch. Er selbst zeigt sich seit Langem daran interessiert. Im Frühjahr organisierte Clemens einen Ernährungskongress in Bregenz, er hat inzwischen das Diplom für Ernährungsmedizin in der Tasche und leitet jetzt neu das Ernährungsteam im LKH Feldkirch. Großen Wert legt er dabei auf die Interdisziplinarität. „Jeder Bereich spielt eine wichtige Rolle für die Patienten“, begründet Patrick Clemens. Deshalb sind Ärzte, Physiotherapeuten, Diätologinnen sowie Mitarbeiter aus der Pflege involviert. „Ziel ist es, die Ernährungstherapie in der Behandlung von Patienten gut zu verankern, weil sie erwiesenermaßen das Überleben und die Lebensqualität verbessert“, erklärt Clemens.

Weniger Komplikationen

Untermauert werden diese Aussagen von einer aktuellen Studie der Universität Basel und des Kantonsspitals Aarau, die jüngst die Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte. Dort heißt es unter anderem: Durch eine individualisierte Ernährung nehmen Spitalspatienten nicht nur mehr Proteine und Kalorien zu sich, sondern es verbessern sich auch die klinischen Ergebnisse der Behandlung. Bislang fehlten aussagekräftige Studien, deshalb war unklar, ob sich ein individuelles Ernährungsmanagement bei kranken Patienten tatsächlich positiv auswirkt. In einer klinischen Studie mit über 2000 Patientinnen und Patienten in acht Schweizer Spitälern haben Forscher den Nutzen einer Ernährungsunterstützung erstmals in einer randomisierten, kontrollierten Studie überprüft. Nach 30 Tagen zeigte sich, dass sich durch eine individualisierte Ernährung auch die Behandlungsergebnisse verbesserten. So traten im Vergleich weniger schwere Komplikationen auf, und die Sterblichkeit ging zurück. Laut dem Studienleiter, Prof. Philipp Schütz vom Kantonsspital Aarau, ist diese Studie für die Behandlung von polymorbiden Spitalspatienten von großer Relevanz und dürfte die Bedeutung der Ernährungstherapie bei Risikopatienten stärken.

Strukturen und Standards

Das sieht auch Patrick Clemens so. „Diese Daten sind enorm wichtig“, unterstreicht der Arzt. Er möchte Strukturen und Standards schaffen, die helfen, eine Mangelernährung besser zu erkennen. Ihm schwebt ein Screening vor, mit dem alle ins Krankenhaus eingewiesenen Patienten erfasst werden könnten. Das zu realisieren, hänge allerdings von den personellen Ressourcen ab. In der Onkologie ist ein solches Screening hingegen schon Standard. Anhand von drei bis vier Fragen lässt sich der Ernährungsstatus eines Patienten erheben. Die Überlegung geht nun dahin, wie sich diese Methode mit den anderen Abteilungen verknüpfen lässt. Patrick Clemens spricht von einer hohen Motivation aller Beteiligten. „Das Echo auf die Pläne ist sehr gut.“ Etwa 15 bis 20 Personen arbeiten im Team, dazu gibt es Projektgruppen, die über Online-Tools miteinander in Verbindung stehen. „Die Kommunikation funktioniert“, betont Clemens. Außerdem soll es jährlich drei Sitzungen geben, bei denen sich alle treffen und die nun sogar während der Dienstzeit abgehalten werden dürfen.

Statements

Ich bin froh, dass das Ernährungsthema im Krankenhaus wieder forciert wird und existent ist und dass es jetzt auch eindeutige wissenschaftliche Daten dazu gibt. Da lag vieles brach. Es geht dabei ja nicht nur um die Patienten, die enorm davon profitieren. Auch die Kosten lassen sich durch eine angepasste Ernährungstherapie senken. Es braucht beispielsweise weniger Chemotherapien, und es gibt weniger Abbrüche. Eine Ernährungsberatung rechnet sich also. Maria-Magdalena Wetzinger, Diätologin

Essen und Trinken spielen eine zentrale Rolle für Gesundheit und Wohlbefinden. Kranke und pflegebedürftige Menschen können sich selbst oft nicht angemessen ernähren und benötigen daher besondere Unterstützung. Forschungsergebnisse zeigen, dass Pflegende einen großen Einfluss auf das Ernährungsverhalten dieser Menschen nehmen können. Es braucht dabei eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Pflegenden, Diätologinnen, Krankenhausapothekern und Physiotherapeuten. Eine wichtige Plattform dafür ist unser interprofessionelles Ernährungsteam. Michael Scheffknecht, Pflegedirektor

In der Physiotherapie ist die Verbesserung der Leistungsfähigkeit unserer Patienten ein wichtiges Ziel. Um Leistung zu erbringen, ist es essenziell, dass der Körper ausreichend mit energiereicher und proteinreicher Nahrung versorgt wird. Eine große Herausforderung stellen hier vor allem die onkologischen und geriatrischen Patienten dar, da diese am häufigsten unter Mangelernährung leiden. Das Ernährungsteam sorgt hier für eine optimale Substitution unserer Patienten und schafft die Voraussetzungen, dass dieses Ziel erreicht werden kann.  Markus Breuss, leitender Physiotherapeut