„Es gibt kein Calgonit für Menschen“

Gesund / 20.09.2019 • 10:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Primar Philipp Werner wusste die vielen Zuhörer im Panoramasaal des LKH Feldkirch mit seinen theoretischen und praktischen Ausführungen zum gefürchteten Schlaganfall zu überzeugen. vn/sams
Primar Philipp Werner wusste die vielen Zuhörer im Panoramasaal des LKH Feldkirch mit seinen theoretischen und praktischen Ausführungen zum gefürchteten Schlaganfall zu überzeugen. vn/sams

Gefäßerkrankungen sind die häufigste Ursache für Schlaganfälle.

Feldkirch Plötzlich: Dieser Begriff ist im Wortschatz von Primar Philipp Werner allgegenwärtig, bezeichnet er doch genau das Wesen eines Schlaganfalls. Auch bei seinem Vortrag im vollbesetzten Panoramasaal des Landeskrankenhauses Feldkirch betonte der Neurologe diesen Umstand immer wieder. „Treten Lähmungserscheinungen, Sprach-, Seh- und Gangstörungen plötzlich auf, steckt zu 80 Prozent ein Schlaganfall dahinter“, fasste Werner zusammen. Dann muss schnell gehandelt werden, denn die Zeit kann über Leben und Tod entscheiden. Seine dringliche Vorsorgeempfehlung an die Zuhörer: „Überprüfen Sie an sich, ob Sie ein Schlaganfall-Kandidat sind.“ Der Hinweis hat einen dramatischen Hintergrund. Jeder Vierte erleidet einmal in seinem Leben einen Schlaganfall. „Eine hammermäßige Zahl“, verdeutlichte Philipp Werner, der auch die Stroke Unit im LKH Feldkirch leitet.

Wichtige Prävention

In Vorarlberg gibt es jährlich rund 1100 Betroffene. Viele, die überleben, sind aufgrund körperlicher Ausfallserscheinungen oder eingeschränkter Mobilität auf Hilfe angewiesen. Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache für eine Behinderung. Die demografische Entwicklung wird die Problematik noch verschärfen. Daran ändern laut Philipp Werner auch die guten Behandlungsmöglichkeiten nichts. Umso wichtiger sei die Primärprävention, also die Aufklärung zur Vermeidung von Schlaganfällen. Er appellierte an das MedKonkret-Publikum, sein Wissen um die richtige Reaktion im Fall des Falles unbedingt weiterzugeben. Er warnte außerdem davor, ein „Schlägle“ oder „Streiferle“ als Bagatelle abzutun. „Auch das sind Schlaganfälle.“ Vor allem erhöhen sie das Risiko für einen großen Schlaganfall gleich um das Zehnfache.

Beim Schlaganfall kommt es zu einer Minderdurchblutung eines Hirnareals, ausgelöst durch ein verstopftes Gefäß. Die mit 85 Prozent häufigste Form ist der Hirninfarkt. Die Hauptursache sind Gefäßerkrankungen. Die Botschaft des Arztes dazu: „Es gibt kein Calgonit für Menschen, deshalb wäre es ratsam, mit 50 einmal die Blutgefäße anschauen zu lassen.“ Andere Risikofaktoren sind ebenfalls beeinflussbar. Dazu gehören Bluthochdruck, Rauchen, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel und schlechte Ernährung. Auf Alter, Geschlecht und Vererbung kann hingegen nicht eingewirkt werden.

Die Zeit als Faktor

Die wichtigste Rolle beim Schlaganfall spielt die Zeit, und die ist begrenzt. Verstreichen mehr als viereinhalb Stunden, sind die Chancen auf eine wirksame Therapie nur noch gering. „Wir brauchen möglichst gute Angaben dazu, wann der Schlaganfall passiert ist“, verdeutlichte Philipp Werner. Lässt sich kein genauer Zeitpunkt nennen, muss der Patient in die Röhre. Mittels MRT-Aufnahmen kann das Zeitfenster schnell eingegrenzt werden. An Behandlungsmöglichkeiten stehen die Thrombolyse, die Auflösung des Gerinnsels mittels Medikamenten, sowie neu die Thrombektomie zur Verfügung. Dabei wird das Blutgerinnsel mittels Katheter herausgeholt. Die Methode kommt jedoch nur bei zehn Prozent der Schlaganfallpatienten infrage. Bislang wurden im LKH Feldkirch 60 auf diese Weise therapiert. Im Anschluss an die stationäre Behandlung geht es in die Rehabilitation, die in weiterer Folge auch ambulant durchgeführt werden kann.

Schnelltest

Primar Philipp Werner erläuterte den Besuchern auch den sogenannten FAST-Test. Damit kann in kurzer Zeit der Verdacht auf einen Schlaganfall verifiziert werden. FAST steht als Abkürzung für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit).

» Face: Bitten Sie die Person, zu lächeln. Hängt ein Mundwinkel herab, deutet das auf eine Halbseitenlähmung hin.

» Arms: Bitten Sie die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, ein Arm sinkt oder dreht sich.

» Speech: Lassen Sie die Person einen einfachen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor.

» Time: Wählen Sie die 144, und schildern Sie die Symptome.

Der Vortrag kann unter gesundheit.vol.at zur Gänze nachgesehen werden