Auf den Spuren der nächtlichen Wandler

Gesund / 26.10.2019 • 07:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Schlafwandeln betrifft meist Kinder – mit der Pubertät verschwindet das Phänomen großteils.

Interview mit Dr. Tamara Hernler, Oberärztin der Pulmologie am LKH Hohenems.

Heidemarie Netzer

Hohenems Grundsätzlich: Schlafwandeln ist ein Zustand veränderter Bewusstseinslage, in dem Phänomene von Schlaf und Wachsein kombiniert sind. Die Betroffenen erwachen dabei nur unvollständig aus der Tiefschlafphase. Dann jedoch setzen sie sich auf oder führen komplexere Verhaltensweisen aus, ohne sich anschließend an das Geschehene oder Getane erinnern zu können.

Von dieser Aufwachstörung sind laut Untersuchungen vor allem Kinder und Jugendliche betroffen und abgesehen vom Verletzungsrisiko bleibt das Schlafwandeln meist harmlos ­beziehungsweise ohne Folgen und verschwindet mit dem Eintritt in die Pubertät von selbst wieder. Fit&Gesund sprach mit Dr. Tamara Hernler, Fachärztin für Lungenkrankheiten.

Welches Phänomen liegt dem Schlafwandeln zugrunde?

Schlafwandeln zählt zu den Parasomnien und tritt nur in den Tiefschlafphasen und nicht im REM-Schlaf (Traumschlaf) auf. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Störung des Aufwachmechanismus, der bei Betroffenen zu psychomotorischen Aktivitäten wie Aufstehen, Umhergehen, Verrichten von diversen Arbeiten wie etwa Kochen oder Putzen und mehr führt. Eine Episode dauert laut Erfahrungswerten dabei wenige Sekunden bis einige Minuten, selten viel länger.

Gibt es bekannte Ursachen dafür?

Bis heute ist die Ursache für das Schlafwandeln nicht restlos geklärt. Bei 80 Prozent jedoch tritt eine familiäre Häufung auf, es sind also mehrere Personen in einer Familie betroffen.

Kann es jeden, also auch in jedem Alter treffen?

Prinzipiell ja. Häufiger sind aber Kinder betroffen, bis zur Pubertät verschwindet das Phänomen oft. Bei circa einem Prozent tritt es auch im Erwachsenenalter auf. Ein Auftreten erst im Jugend- oder Erwachsenenalter ist selten. Beide Geschlechter sind dabei gleich häufig betroffen.

Gibt es Abstufungen der Schwere?

Ja, von nur einmal im Leben bis öfters oder regelmäßig sind alle Erscheinungen möglich.

Ist der Schlafwandler Herr seiner Sinne? Oder besser sind seine Sinne in dieser Zeit beeinträchtigt, gerade auch die Schmerzempfindlichkeit?

Der Betroffene ist nicht Herr seiner Sinne. Das Schlafwandeln ist eine Kombination aus Wachsein und Schlafen – es kommt zu einem nur unvollständigen Aufwachen aus dem Tiefschlaf. Betroffene spüren aber Schmerzen; bei starkem Schmerzreiz erfolgt ein vollständiges Aufwachen.

Kann man dagegen angehen, ankämpfen? Gibt es therapeutische Ansätze, gar eine Therapie?

Der Betroffene kann nichts tun und nicht dagegen ankämpfen, er schläft ja. Eine medikamentöse Therapie wird nicht empfohlen. Wichtig ist, die Schlafhygiene und die Sicherung der Schlafumgebung zu beachten, gerade da ein hohes Verletzungsrisiko besteht. Je nachdem könnten etwa Fenster versperrt werden.

Schlafwandler sollten bei ihren Streifzügen nie geweckt werden. Wenn doch, sind sie im ersten Moment sehr verwirrt und erschrecken.

OÄ Dr. Tamara Hernler, LKH Hohenems

Oder handelt es sich dabei um ein vorübergehendes Phänomen, etwa in Stresssituationen und Co.?

Mögliche Reize, die Schlafwandeln auslösen, sind Schlafmangel, Fieber, Schmerzen, gefüllte Harnblase, laute Geräusche, Medikamente, Alkoholkonsum, psychischer Stress oder das Schlafapnoesyndrom. Gegenstrategien wären autogenes Training oder psychotherapeutische Behandlung (zur Bewältigung von Stress- oder Konfliktsituationen).

Was tun, wenn der Schlafwandler den Weg kreuzt, wenn sich Kind, Frau oder Mann unbewusst auf den Weg macht?

Betroffene sollten nie geweckt werden, denn dann erschrecken sie, da sie ja schlafen und im ersten Moment sehr verwirrt sind. Wenn der Betroffene beispielsweise bei geöffnetem Fenster auf dem Fenstersims steht und er harsch geweckt wird, erschrickt er und könnte aus dem Fenster fallen und sich verletzen. Besser also, den Betroffenen sanft und mit beruhigenden Worten wieder zu Bett zu geleiten.

Leitsymptome des Schlafwandelns

» Auftreten des Phänomens meist im ersten Drittel der nächtlichen Tiefschlafphase

» Handlungen im Bett: Aufrichten, Umherblicken mit ausdruckslosem Gesicht, Richten des Polsters, Herumzupfen an der Bettdecke

» Handlungen außerhalb des Betts: Umhergehen, Gang zur Toilette, Haushaltstätigkeiten wie Essen zubereiten, putzen; in seltenen Fällen verlassen Schlafwandler das Haus

» starre Mimik, offene Augen, Augenkontakt zu anderen Personen wird vermieden

» Schlafwandler reagieren nicht oder nur verzögert auf Außenreize, lassen sich nur schwer wecken, sind nach dem Aufwecken einige Zeit ­desorientiert

» Schlafwandler zeigen verringertes Reaktionsvermögen und verminderte Geschicklichkeit

» Schlafwandler bewegen sich in der Regel geradeaus

» eine Episode dauert in den meisten Fällen nur wenige Sekunden bis wenige Minuten

» keine Erinnerung nach dem Aufwachen