Zur Bewegung bewegen

Gesund / 25.12.2019 • 11:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ob in der Schule, im Verein und vor allem im Privaten – Kinder sollten verstärkt zur Bewegung animiert werden. APA

Statistik spricht von jugendlichen Bewegungsmuffeln, Kinderarzt von möglichen Gegenstrategien.

Heidemarie Netzer

Bludenz Der Umstand ist hinlänglich bekannt: Bewegung bewegt unser Leben: In einem aktiven Körper stecken viel Power für den Alltag, schlagkräftige Abwehrkräfte, um so manchen Erreger erfolgreich zu widerstehen, immenses Potenzial für eine gesunde Psyche und letztlich auch einen leistungsfähigeren Geist.

Die Grundpfeiler für ein aktives Leben werden idealerweise in der Kindheit gesetzt. Doch: Erhöhte Mobilität, höhere Leistungsanforderungen, Multi-Bespaßung, neue Medien und Co. nagen an den aktiven Grundfesten. Eine aktuelle Studie der WHO (Weltgesundheitsorganisation) unterlegt diese Entwicklung, sie spricht von weniger als 60-minütiger Bewegung pro Tag der Sechs- bis 17-Jährigen und sogar von Bewegungsmangel als Epidemie des 21. Jahrhunderts.

Fit&Gesund sprach nun mit Kinderarzt Bernhard Jochum, Fachgruppen-Obmann der Kinder- und Jugendheilkunde in der Ärztekammer, über bewegte Fakten, Auswirkungen und Gegenstrategien.

In Ihrer Kinderarztpraxis haben Sie schon viele Kinder aufwachsen sehen und haben die entscheidenden Zahlen im Auge. Spiegeln sich die Aussagen der WHO auch in unseren Breitengraden wider?

Ja, das trifft auch für meinen Wirkungsbereich zu. Unterlegt wird das ja auch durch die Zunahme von übergewichtigen Kindern in der Schuluntersuchungsstatistik.

Aus Ihrer Erfahrung: Was steckt hinter der schwindenden Lust an Bewegung?

Die heutige Zeit ist extrem schnelllebig geworden, uns wird vielfach großer Zeitdruck aufgezwungen. Im Großteil der Familien sind beide Partner berufstätig. Ein anderer Teil der Eltern erzieht allein. Oft reicht deswegen die Zeit gar nicht aus, sich um Dinge wie ausreichende Bewegung zu kümmern. So ergibt sich der Eindruck, dass vor lauter Berufs- und Medienstress (Handy-Kommunikation), aber auch eigenen Beziehungsstress einfach nicht genug Zeit bleibt, auf die Kinder in ausreichendem Maße zu achten und ihnen Lust auf Bewegung zu vermitteln.

Mit welchen Auswirkungen sehen sich die jungen Menschen heute schon konfrontiert? Welche Folgen wird die mangelnde Bewegung langfristig nach sich ziehen?

Man darf nicht verallgemeinern, aber es scheint, dass stark übergewichtige Kinder eher von Gruppen ausgeschlossen werden. Das hat auch zur Folge, dass sie sich weniger körperlich betätigen und deshalb ihr Übergewicht kaum loswerden. Gleichzeitig führt diese Ausgrenzung natürlich auch zu seelischen Folgen, wie das Gefühl, dass sie nicht angenommen werden. Das kann lebenslang negative Folgen für einen Menschen haben.

Und sehen Sie Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem? Wenn ja, welche?

Verschiedene Erkrankungen nehmen kontinuierlich zu, die Zuckerkrankheit und Gefäßerkrankungen stehen im Vordergrund. Man kann hier ruhig einen Blick in die USA werfen, wo sich das noch deutlicher zeigt und die Folgen schwerwiegender sind als (noch) bei uns. Den Verantwortlichen für das Gesundheitswesen muss klar sein, dass dadurch beträchtliche Mehrkosten auf die Gesundheitssysteme zukommen werden. Ein großes Problem bei uns ist, dass die kurative Medizin, d. h. die Behandlung von Erkrankungen und die Vorsorgemedizin, nicht aus einer Hand finanziert wird, sodass für Vorsorge weit weniger ausgegeben wird als für die Reparatur von Schäden.

Gibt es hier schon Bewegungsprogramme von offizieller Stelle? Wenn ja, welche?

Es gibt einige bemühte Programme in Vorarlberg, die vom aks, dem Arbeitskreis für Vorsorgemedizin,  angeboten werden, die da heißen schoolwalker, kinderzügle , gesunde Jause und das X – team für übergewichtige Kinder. Auch in den Schulen und Kindergärten selbst gibt es einige Bemühungen zum Thema Bewegung und gesunde Ernährung.

Was raten Sie, gerade Eltern als Inititativgeber, als Gegenstrategie?

Ein wichtiger Punkt wäre der selbst zurückgelegte Weg zur Schule und zum Kindergarten. Dies bedeutet einerseits körperliche Betätigung, andererseits ist der Schulweg auch ein wichtiger Punkt für die soziale Entwicklung der Kinder. Wenn irgend möglich, sollten Schulwege wenigstens teilweise zu Fuß oder mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto der Eltern bewältigt werden. Zudem nimmt die Vorbildwirkung durch die Erwachsenen eine wichtige Rolle ein. Zu empfehlen ist sicherlich auch, sich gemeinsam zu überlegen, welche Sportart für das Kind infrage kommen könnte und sich dann um einen entsprechenden Sportverein zu bemühen. Man kann Eltern auch raten, den Medienkonsum streng zu begrenzen. Meines Erachtens ist die Ablenkung durch die verschiedenen Medien einer der Hauptgründe, warum die Jugend heute ihre Freizeit weniger mit körperlicher Betätigung im Freien verbringt als früher. Man darf die Kontrolle sicher nicht den Kindern überlassen, die Verantwortung liegt ganz klar bei den Eltern.

Das Weihnachtsfest steht vor der Türe und mit ihm werden sicherlich wieder viele neue Spiele, gerade für Computer, Nintendo und Co., unter dem Baum liegen.

Zum Computer und besonders Handykonsum drängt sich mir als  Kinderarzt in letzter Zeit immer mehr der Eindruck auf, dass diese Geräte für viele Kinder in hohem Maße schädlich sind. Hier sollte genauso streng gegengesteuert werden wie bei ungesundem, kalorienreichem Essen und Bewegungsmangel. Manche Staaten haben schon mit Handy-Verboten in Schulen reagiert. Ich fürchte, die Folgen dieses überzogenen Medienkonsums oft schon bei Kleinstkindern könnten die  negativen Folgen der Übergewichtswelle noch übertreffen.

Kinderarzt Dr. Bernhard Jochum.

Zur person

Dr. Bernhard Jochum

betreibt gemeinsam mit Dr. Lothar Bereuter eine Kinderarztpraxis in Bludenz und ist Fachgruppenobmann der Kinder- und Jugendheilkunde bei der Vorarlberger Ärztekammer.

Geboren 1963

Familie drei Töchter

Hobbys Jagd, Skifahren, Wandern, Bergsteigen, geschichtliche Literatur