Österreicher verschenken ihre Zeit

Gesund / 27.12.2019 • 09:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Schnelle Kost, dann wieder an die Arbeit, das scheint gang und gäbe.reuters
Schnelle Kost, dann wieder an die Arbeit, das scheint gang und gäbe.reuters

Viele Arbeitnehmer verzichten auf die Mittagspause.

Wien Essen hält Leib und Seele zusammen, heißt es, aber offenbar nicht im Job. Nichts fällt österreichischen Arbeitnehmern nämlich schwerer, als sich bei der Arbeit zwanzig oder dreißig Minuten Auszeit zu nehmen, zeigt eine StepStone-Umfrage unter mehr als 1000 Arbeitnehmern in ganz Österreich. Mehr als die Hälfte aller Österreicher (57 Prozent) nutzt demnach nicht einmal die volle Zeit ihrer Mittagspause, und mehr als ein Drittel (36 Prozent) arbeitet mehrmals pro Woche oder immer durch.

Im Schnitt gehen österreichische Fachkräfte 25 Minuten auf Pause und das, obwohl Arbeitgeber bis zu einer Stunde Mittagspause erlauben. „Viele Arbeitnehmer opfern ihre Pausenzeit der Arbeit“, bestätigt Rudi Bauer, Geschäftsführer von StepStone Österreich. „Das hat gravierende gesundheitliche Folgen und wirkt sich insgesamt negativ auf die Stimmung im Unternehmen aus.“

Auch europaweit schwänzen viele Arbeitnehmer ihre Pause, zeigen vergleichbare Studien: Vor allem unsere deutschen Nachbarn arbeiten lieber als zu essen. Gut 60 Prozent nutzen nicht die volle Zeit ihrer Mittagspause aus, knapp gefolgt von Belgien (58 Prozent). Im internationalen Vergleich zeigt sich außerdem, dass sich Angestellte im Schnitt nur zwischen 22 und 29 Minuten zum Essen nehmen, obwohl ihnen bis zu eine Stunde Pausenzeit zustehen würde.

Zu gestresst zum Essen

Der Grund, warum die Pause nur teilweise genutzt oder gar übersprungen wird, ist in allen Ländern derselbe: zu viel Arbeit. So geben 65 bis 75 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland, Belgien und Großbritannien an, aus Stress nicht zum Essen zu kommen. Löbliche Ausnahme sind die Franzosen: Knapp mehr als die Hälfte (51 Prozent) geht ausgiebig auf Pause und nutzt die volle Zeit, die ihnen zusteht. „Pausenzeiten werden oft nicht bezahlt und verleiten Fachkräfte daher, sie abzukürzen oder einzuarbeiten“, sagt Rudi Bauer. In 15 Prozent aller Unternehmen gehört es auch zum guten Ton, die Mittagspause zu überspringen, obwohl das nicht erlaubt ist. In Österreich schreibt der Gesetzgeber vor, dass nach spätestens sechs Arbeitsstunden eine Ruhepause von mindestens einer halben Stunde eingelegt werden muss.

Ungesunder Trend

Machen sie trotzdem Pause, bleiben viele Arbeitnehmer am Schreibtisch sitzen, zeigt die StepStone-Umfrage: Mehr als 40 Prozent essen am Arbeitsplatz, nur jeder Dritte sucht für die Mittagspause eine Büroküche auf. „Sad Desk Lunch“ nennen das die Amerikaner, ein Trend, der weder gesund noch sozial ist, sagt Rudi Bauer. „Essen sollte bewusst zu sich genommen werden. Wer Multitasking beim Essen betreibt, isst so lange weiter, bis der Teller oder die Packung leer ist, und verdaut schlechter. Wer sich hingegen Zeit nimmt, kann sein Mittagessen genießen und ist anschließend länger satt.“

Die Mehrheit muss für ihr Essen übrigens selbst aufkommen: Gut 61 Prozent aller Befragten geben an, keinen Essenszuschuss zu erhalten. Das kommt viele recht teuer zu stehen: Im Schnitt investieren die Österreicher pro Monat mehr als 200 Euro für ihr Mittagessen. Selbstständige kommen monatlich sogar auf fast 350 Euro.