Biografie bewahren

Gesund / 17.01.2020 • 09:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Interview mit Albert Lingg führte Daniele Egger, Aktion Demenz.vn/ds
Das Interview mit Albert Lingg führte Daniele Egger, Aktion Demenz.vn/ds

Regelmäßiges Training hilft, dem Vergessen entgegenzuwirken.

Bregenz Für Menschen mit Demenz kann es zunehmend schwierig werden, sich an Ereignisse aus der Gegenwart oder der frühen Vergangenheit zu erinnern. Das tägliche oder zumindest regelmäßige Training hilft jedoch, dem Vergessen entgegenzuwirken. Die Aktion Demenz hat dafür sogenannte Erinnerungskarten geschaffen. Albert Lingg, langjähriger Leiter des Landeskrankenhauses Rankweil, hat sie selbst ausprobiert.

 

Gibt es Möglichkeiten, eine Demenz aktiv zu vermeiden?

Lingg Neben der Beachtung der Risikofaktoren für Gefäßverkalkung bleibt bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz, Parkinson und bei Schlaganfall noch die Möglichkeit, die Ressourcen möglichst lange zu erhalten. Nicht betroffene Bereiche des Gehirns lassen sich am ehesten aktivieren, indem man körperlich, sozial und geistig aktiv bleibt. So lange es Freude macht, ist das Gehirn bereit, sich mitreißen zu lassen, beispielsweise beim Tanzen.

 

So lange es Freude macht . . .?

Lingg Ja, nichts ist schlimmer, als unter Erwartungsdruck Gedächtnistrainings zu machen. Alles, was stresst, ist eher kontraproduktiv. Jede soziale Interaktion, die mit Freude verbunden ist, ist nützlich. Das gemeinsame Kreuzworträtsellösen oder miteinander Jassen: Da muss man sich etwas merken, man muss zählen, es macht Spaß, und man verbringt fröhliche Zeit mit anderen Menschen.

 

Bringt das bei einer demenziellen Entwicklung noch etwas?

Lingg Vorweg empfiehlt es sich, eine sichere Abklärung machen zu lassen. Depressionen, Burnout und ähnliches können demenzielle Symptome imitieren, sind jedoch behandelbar. Das Gedächtnis lässt sich am besten mit alltagsnahen Übungen trainieren, Computertrainings haben sich nicht bewährt. Die Erinnerungskarten sind ein Anstoß, für sich selbst und auch für das gemeinsame Nachdenken in der Familie, um die eigene Biografie zu bewahren. Das Wissen um die eigene Lebensgeschichte ist bei der oft großen Verunsicherung, die in solchen Fällen herrscht, ein stabilisierender Faktor.

 

Ist Depression ein Risikofaktor?

Lingg Wenn sie chronisch ist, ja. Auch Einsamkeit ist ein Risikofaktor. Ich spreche nicht vom Alleinsein, das eine gewünschte Lebensform sein kann, sondern vom sich sozial isoliert fühlen. Die schlimmste Einsamkeit ist die zu zweit. Das sind Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben. Schafft man es nicht selbst, sollte man Hilfe annehmen. Die zahlreichen Vereine, die es im Land gibt, sollten für fast alle Betroffenen ein passendes Angebot haben, um sich aktiv einbringen zu können.

 

Wie sieht die optimale Antwort auf eine Demenz-Diagnose aus?

Lingg Das Validieren, nicht gleich als Pflegetechnik, sondern als Haltung: Den Menschen so nehmen, wie er ist, ist sicher die beste Antwort. Zu versuchen, alte Fähigkeiten wieder wachzurufen, ist aussichtslos, und man bringt viel Unruhe und Stress in das Leben aller Beteiligten, wenn man daran festhält. Man muss einfach das Beste aus dem machen, was noch geht. Man darf als Angehöriger auch Fehler machen, und man darf daraus lernen, und zum Trost: Der Mensch mit Demenz vergisst das wieder.

Die Erinnerungskarten sind über die Aktion Demenz erhältlich: www.aktion-demenz.at