Smarte Blutzuckereinstellung

Gesund / 17.01.2020 • 09:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

MedUni Graz testet selbststeuernde Insulinpumpe für Kinder.

Graz, Cambridge Wenn die Bauchspeicheldrüse den Körper nur unzureichend mit dem lebenswichtigen Insulin versorgen kann, sprechen Ärzte von Diabetes Mellitus Typ 1. Auch Kinder sind zunehmend davon betroffen und müssen lebenslang durch die Gabe von Insulin behandelt werden. An österreichischen Kliniken – allen voran Graz – wird eine selbststeuernde Insulinpumpe für Kleinkinder bis zum Volksschulalter getestet.

Tägliche Messungen

Bei gesunden Menschen wird das Hormon Insulin durch die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse bedarfsgerecht ausgeschüttet und so der Blutzuckerspiegel auf stabilem Niveau gehalten. Patienten mit Typ-1-Diabetes müssen ihre Blutzuckerwerte ständig im Auge behalten, da ihr Körper nicht in der Lage ist, Insulin selbst zu produzieren und die Glukose im Blut abzubauen. Um die Folgen wie Bluthochdruck, eine Schädigung der Nieren bis zur Neuropathie zu verhindern, wird der Blutzuckerspiegel durch mehrmals tägliche Messungen und Insulinverabreichungen auf möglichst optimale Werte gebracht.

Die Erkrankung tritt oft schon im Kindes- und Jugendalter auf, die Betroffenen sind auf eine lebenslange strikte Insulintherapie angewiesen, denn heilbar ist die Erkrankung bisher nicht. Allein in Österreich sind rund 1500 Kinder davon betroffen, teilte die Med-Uni Graz mit.

System soll Kindern helfen

Ein smartes System zur automatischen Regelung des Blutzuckerspiegels soll den Kindern das lästige Prozedere – Blutprobe nehmen, Insulinmenge berechnen und spritzen – nun ersparen und falsche Insulingaben verhindern. „Die Anzahl der Neuerkrankungen an Typ-1-Diabetes hat in den vergangenen Jahrzehnten im Kindes- und Jugendalter stark zugenommen“, betonten die beiden Grazer Studienleiterinnen Elke Fröhlich-Reiterer und Julia Mader die Wichtigkeit der Innovation.

Entsprechende Systeme für Erwachsene wurden bereits entwickelt. Sie bestehen aus drei wesentlichen Komponenten: Einer Einheit mit Sensor zur kontinuierlichen Glukosemessung, einer Insulininfusionspumpe und einem Algorithmus als Berechnungsbrücke zwischen Glukosekonzentration und der entsprechenden Insulinabgabe. Wenn das System selbstständig funktioniert, spricht man von einem „Closed Loop System“.

Viel Geld für Forschung

Mit einem Projektvolumen von rund 4,9 Millionen Euro für drei Jahre erforschen europäische Wissenschaftler die Anwendung eines solchen „Closed Loop“-Systems für ganz junge Patienten im Alter von einem bis zu sieben Jahren. Für die Behandlung älterer Patienten hat das System bereits die CE-Kennzeichnung erhalten. „Aufgrund der kontinuierlichen Glukosemessung wird automatisch die aktuell benötigte Menge an Insulin berechnet und von der Pumpe automatisiert abgegeben“, erklärten die Grazer Expertinnen die grundsätzliche Funktion. Das System wurde an der University of Cambridge in Großbritannien entwickelt.

Herzstück ist eine auf einem Smartphone installierte App, die anhand der vom Glukosesensor gemessenen und übermittelten Blutzuckerwerte die optimale Menge an Insulin berechnen kann. Die Hauptstudie startete kürzlich an der Medizinischen Universität Graz, unter anderem sind auch die medizinischen Universitäten Innsbruck und Wien sowie die Universitäten in Leipzig, Cambridge, Leeds und Edinburgh wichtiger Teil des Forschungsnetzwerks. Eine Pilotstudie wurde bereits im Sommer 2017 gestartet und laut Med-Uni Graz erfolgreich beendet. Im Zuge des EU-Projekts „KidsAP“ wird die Testzeit nunmehr von bisher sechs Wochen auf vier Monate ausgedehnt. Ziel sei es, die Sicherheit, Verbesserung des Langzeitblutzuckerwerts und die Benutzerakzeptanz während dieser Zeit zu prüfen und Daten zur Lebensqualität zu erfassen. Kinder ab einem Alter von einem Jahr dürfen daran teilnehmen.