Intensivstation als Tabuzone für Kinder

Gesund / 14.02.2020 • 09:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Intensivstation ist das Metier von Maria Brauchle. Hier fühlt sie sich beruflich zu Hause.khbg
Die Intensivstation ist das Metier von Maria Brauchle. Hier fühlt sie sich beruflich zu Hause.khbg

Maria Brauchle sieht das anders und wurde für ihre Forschung dazu ausgezeichnet.

Feldkirch Das Thema der Forschungsarbeit klingt nüchtern. Doch hinter dem Titel verbirgt sich Emotionales. Es geht um „Kinder als Besucher auf Erwachsenen-Intensivstationen“. Es handelt sich um ein Thema, das immer noch Ängste und Unsicherheit hervorruft und Kinder von schwerkranken nahen Angehörigen fernhält. Zu Unrecht, wie Maria Brauchle (40) überzeugt ist. Die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, die seit fünf Jahren auf der Intensivstation am Landeskrankenhaus Feldkirch arbeitet, hat sich mit der Materie auseinandergesetzt, dazu einen Fachartikel geschrieben und gemeinsam mit Kollegen aus dem deutschsprachigen Raum ein Forschungsprojekt betrieben.

Vorbereitung und Begleitung

Für beides wurde Brauchle im Dezember 2019 mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Das freut sie, doch ihre Intention ist eine andere. Sie wünscht sich einheitliche Empfehlungen für den Umgang mit Kindern auf Erwachsenen-Intensivstationen. Die gibt es nämlich noch nicht. Im LKH Feldkirch gehört die Einbeziehung der Familie eines Intensivpatienten hingegen schon zum Alltag. „Patient und Kinder müssen es aber wollen“, betont Maria Brauchle. Ist dies der Fall, werden die Kinder entsprechend vorbereitet und dann begleitet. Ihre Einschätzung: „Kinder können besser mit solchen Situationen umgehen, als Erwachsene vielfach meinen.“ Wichtig sei jedoch, sie adäquat zu begleiten. Brauchle führt aber noch ein anderes Argument an: „Kinder von Leid und Tod fernzuhalten bedeutet auch, ihnen die Fähigkeit zu nehmen, eigene Mechanismen zur Bewältigung zu entwickeln.“

Ein Herzensanliegen

Maria Brauchle ist die Beschäftigung mit dem Thema ein Herzensanliegen. Was sie dafür tut, tut sie in der Freizeit. Unterstützung erhält sie von ihrer Familie. „Meine achtjährige Tochter findet toll, was ich da mache“, erzählt die gebürtige Tirolerin, während es im Hintergrund rhythmisch piepst. „Das ist die Beatmungsmaschine“, flicht Maria Brauchle erklärend ein. Bevor sie ins LKH Feldkirch wechselte, war sie auf der Intensivstation der Uniklinik Innsbruck beschäftigt und engagierte sich beim Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes. Dort erlebte sie, wie gut Kinder auch mit schwierigen Dingen zurechtkommen, wenn sie Beistand erfahren.

Das hat Brauchle bewogen, sich tiefer in die Sache einzulassen. Was auf Kinderintensivstationen schon lange möglich ist, dass nämlich Geschwisterkinder sehr wohl Zutritt haben, sollte ihrer Ansicht nach auch für Erwachsenen-Intensivstationen gelten. „Hier haben Kinder zu nahen Angehörigen aber oft nur beschränkten Kontakt“, weiß Maria Brauchle. Für sie ist das unverständlich, weil zwischenmenschliche Beziehungen auch der Genesung förderlich sind, wie sie anmerkt. Barrieren bilden Vorurteile, wie Kinder könnten beim Anblick des Patienten traumatisiert werden oder die Angst vor einem Infektionsrisiko. Dabei gebe es dafür absolut keine wissenschaftlichen Belege. Partner für ihre Forschungsarbeit fand sie bei der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Sie fragte bei einigen Kollegen, ob Interesse bestehe. „Inzwischen ist daraus eine tolle Zusammenarbeit geworden“, schwärmt Maria Brauchle.

Einheitliche Empfehlungen

Mit im Boot sind neben DIVI und dem LKH Feldkirch die Universitäten von Kiel, Graz und Bern. „Wir haben offenbar einen Nerv getroffen“, vermutet Brauchle. Im Verbund eines internationalen Expertenteams hat sie auf Erwachsenen-Intensivstationen in Österreich, Deutschland, Luxemburg und der deutschsprachigen Schweiz die Situation von Kindern als Besucher analysiert. Die Rohdaten werden derzeit ausgewertet, im Herbst wird das Ergebnis auf einem Fachkongress präsentiert. Schon vorher hofft Maria Brauchle, mit den betreffenden Dachgesellschaften einheitliche Empfehlungen erarbeiten zu können. In einem zweiten Schritt ist die Einrichtung einer Webseite für Angehörige und Professionisten zu dieser emotionalen Thematik geplant.

Öffentliche Anerkennung für das Projekt gab es bereits. Von der DIVI erhielt die Intensivexpertin den mit 5000 Euro dotierten Forschungsförderungspreis. Sie habe mehr Transparenz in ein unerforschtes Gebiet gebracht, urteilte die Jury. Zusätzlich wurde ihr von der Stiftung der mit 1500 Euro dotierte Valerius-Preis zuerkannt. Den gab es für ihren Fachbeitrag „Dafür bist du (NICHT) zu klein“. VN-MM

„Kinder können besser mit solchen Situationen umgehen, als Erwachsene meinen.“