Die Kinder nicht vergessen

Gesund / 03.07.2020 • 09:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kindern ein unbeschwertes und vor allem auch gesundes Aufwachsen zu ermöglichen, ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft.adobe stock
Kindern ein unbeschwertes und vor allem auch gesundes Aufwachsen zu ermöglichen, ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft.adobe stock

Kinderliga legt Positionspapier für eine bessere Versorgung vor.

Wien, Bregenz Die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Kinderliga) macht sich seit mehr als 10 Jahren auf gesundheitspolitischer Ebene für die gesellschaftlichen Voraussetzungen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in Österreich stark. „In der aktuellen Krise im Zuge der Covid19-Pandemie haben wir erlebt, wie schnell alles sehr anders sein kann. Gerade Kinder und Jugendliche haben mit ihren Familien in den letzten Wochen ihre enorme Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Jetzt dürfen diejenigen unter ihnen nicht vergessen und zurückgelassen werden, die belastet oder benachteiligt sind, die Gewalt und Missbrauch erfahren, die emotional und körperlich vernachlässigt werden, die sozial isoliert sind, und all jene, die von Krankheit oder Behinderung betroffen sind. Sie alle brauchen Unterstützung und Teilhabechancen, in und außerhalb von Krisenzeiten“, erklärte Christoph Hackspiel, Präsident der Kinderliga und Geschäftsführer des Vorarlberger Kinderdorfs, bei der Präsentation eines Positionspapiers. Die Forderungen daraus:

 

Prävention und Versorgung im Gesundheitsbereich sichern: Eine zukunftsorientierte Ausrichtung anhand der bestehenden Kinder- und Jugendgesundheitstrategien müsste konsequenter verfolgt werden. Noch immer fehlen in Österreich um die 80.000 kassenfinanzierte Therapieplätze für Kinder und Jugendliche. Pädiatrie sowie Kinder-und Jugendpsychiatrie gelten als Mangelfächer. Durch lange Wartezeiten können wichtige Therapiefenster nicht genutzt werden, bestehende Symptome drohen zu chronifizieren. Ziel: Konkrete Schritte zur Absicherung bestehender und zur Schaffung neuer Versorgungsangebote, dazu zählen auch präventive Maßnahmen und familienentlastende kostenlose Beratungs-, Behandlungs- und Beziehungsangebote.

 

Familien und soziale Netzwerke stärken: Österreich braucht dringend ein deutlich gestärktes Klima der Kinder- und Familienfreundlichkeit, das zudem bei allen gesellschaftlichen Entscheidungen Berücksichtigung finden sollte. Ziel: Die Stärkung bestehender und die Schaffung neuer Netzwerke soll initiiert und finanziert werden.

Kinderarmut verhindern: In Österreich leben etwa 300.000 Kinder in Armut oder akuter Armutsgefährdung. Es ist wissenschaftlich belegt, dass sich Armut direkt auf alle Bereiche der körperlichen und psychischen Gesundheit auswirkt. Ziel: Neben arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zur Absicherung der Einkommenssituation der Familien sollen verstärkte Direktförderungen zum Lebensunterhalt von Kindern in armutsgefährdeten Familien ausgebaut werden.

 

Bildungseinrichtungen stützen: Kinderbetreuungseinrichtungen, Kindergärten, Schulen, Nachmittagshorte sind mehr als Orte formaler Wissensvermittlung. Angesichts der zunehmenden Institutionalisierung von Kindheit gewinnen sie als Lebensraum an Bedeutung. Ziel: Lebendiges Lernen soll für alle Kinder attraktiv gestaltet werden.

Berufsgruppen im Kinder- und Jugendgesundheitsbereich aufwerten: Um der Erkenntnis Rechnung zu tragen, dass die ersten Lebensjahre und die Kindheit den Grundstein für ein gesundes Aufwachsen legen, müssen alle dort tätigen Berufsgruppen aufgewertet werden. Ziel: Anerkennung der Wichtigkeit dieser Berufsgruppen in Österreich durch beste Ausbildung, verbesserte Bezahlung und qualitätssichernde Maßnahmen.

 

Partizipation für Kinder und Jugendliche gewährleisten: In Zeiten von Corona hat sich besonders deutlich gezeigt, dass Minderjährige bei weitreichenden Veränderungen von Entscheidungsträgern kaum direkt angesprochen werden. Ganz allgemein sollen Kinder und Jugendliche viel stärker an Prozessen beteiligt werden, die sie betreffen. Ziel: verstärkte verankerte Strukturen für Mitspracherecht und Entscheidungsteilhabe für Kinder und Jugendliche in Österreich.

Klares Bekenntnis

„Wir brauchen jetzt ein klares gesellschaftspolitisches Bekenntnis und entsprechende Handlungsstrategien, um die wichtigste Zukunftsinvestition – nämlich jene in die körperliche, psychische, seelische und soziale Gesundheit und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen – ins Zentrum aller Bemühungen zu stellen“, nennt Hackspiel als äußeres Zeichen die Einrichtung eines eigenen Kinderministeriums. Ein erster Schritt in diese Richtung könnte ein gesetzlich verankertes Gremium von Kindheitsexperten sein, das gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und/oder Gesetzesänderungen in Bezug auf deren Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche überprüft und dessen Expertise bei politischen Entscheidungen miteinbezogen wird.

„Im Zuge der Covid19-Pandemie haben wir erlebt, wie schnell alles sehr anders sein kann.“

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