Dem schleichenden ­Prozess zuvorkommen

Gesund / 23.04.2021 • 11:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Susanne Westreicher rät, erste Warnzeichen wirklich ernst zu nehmen.BI
Susanne Westreicher rät, erste Warnzeichen wirklich ernst zu nehmen.BI

Frühzeitige Intervention verhindert Abgleiten in Negativspirale.

NENZING In einer ungewöhnlich offenen Abschiedsrede hat der ehemalige Gesundheitsminister Rudolf Anschober über seinen Gesundheitszustand gesprochen. Er fühle sich überarbeitet und ausgepowert, es sei Zeit für ihn, die Notbremse zu ziehen. Auch Psychiaterin Susanne Westreicher erlebt in ihrer Praxis immer wieder Menschen, die die ersten Zeichen einer Überlastungsdepression übersehen und dadurch oftmals in eine negative Spirale geraten.

 

Wie kommt es zu einer Überlastungsdepression?

WESTREICHER Die Symptomatik einer Überlastungsdepression steht immer in Zusammenhang mit emotional belastenden zwischenmenschlichen Kontakten am Arbeitsplatz. Die Überlastungsdepression ist durch drei Bereiche charakterisiert: vom Gefühl der emotionalen Überanstrengung, einer gleichgültigen Einstellung gegenüber Kollegen, Kunden und anderen Menschen und einer reduzierten beruflichen Leistungsfähigkeit.

 

Was sind erste Warnzeichen?

WESTREICHER Das Gefühl des Ausgelaugtseins, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit sowie Verlust des Interesses an der Arbeit, Gleichgültigkeit, ein Gefühl der Inkompetenz, reduzierte Belastbarkeit und das Gefühl, nicht mehr abschalten zu können.

 

Gibt es Menschen, die besonders anfällig für ein Burnout sind?

WESTREICHER Grundsätzlich kann es jeden treffen. Menschen, welche sehr schlecht Nein sagen können oder einen hohen Leistungsanspruch an sich selber haben, sind aber eher gefährdet.

 

Ab welchem Zeitpunkt wird es kritisch?

WESTREICHER Die Entwicklung ist schleichend. Es gibt keine klare Grenze, ab wann gehandelt werden muss. Dies ist von Person zu Person verschieden. Es wäre jedoch am besten, bei den ersten Warnzeichen oder Veränderungen, welche man an sich verspürt, eine fachliche Beratung in Anspruch zu nehmen.

 

Was sollte im Homeoffice oder beim Distance Learning beachtet werden?

WESTREICHER Es gilt, klare Grenzen zwischen beruflichem und privatem Leben zu setzen. Das bedeutet, wenn möglich, einen eigenen Raum zum Arbeiten oder Lernen einzurichten. Auch die Arbeitszeiten sollten klar definiert und nach Feierabend sowohl Arbeitshandy als auch Computer ausgeschaltet werden. Es sollte zudem auf ausreichend Pausen geachtet werden. Das erfordert aber Selbstdisziplin.

 

Wie beugt man einer Überlastungsdepression vor?

WESTREICHER Für mich ist hier Selbstfürsorge ein zentraler Begriff. Das heißt, gut auf sich selber zu achten, die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und auf diese eingehen. Für eine ausgewogene Work-Life-Balance sind aus meiner Erfahrung Spaziergänge und insgesamt der Aufenthalt in der Natur sehr förderlich.

 

Wie wichtig ist es, psychische Erkrankungen bzw. Überlastungsdepressionen zu thematisieren?

WESTREICHER Rudolf Anschober hat betont, dass sich niemand für eine Erkrankung zu schämen braucht und damit ein Zeichen gesetzt. Aus Gründen der Prävention ist es sehr wichtig, solche Krankheitsbilder zu thematisieren, damit diese erkannt werden und sich Betroffene frühzeitig Hilfe holen können. BI

Zur Person

SUSANNE WESTREICHER

Geburtstag 29. Juli 1979

Familie verheiratet mit Martin, Sohn Moritz

Hobbys Lesen, Musik