Den Krebszellen auf der Spur

Gesund / 23.04.2021 • 11:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Primar Thomas Winder (l.) und Oberarzt Bernd Hartmann berichteten über interessante Details aus der Krebstherapie und von Covid-Impfungen bei Krebspatienten. vn
Primar Thomas Winder (l.) und Oberarzt Bernd Hartmann berichteten über interessante Details aus der Krebstherapie und von Covid-Impfungen bei Krebspatienten. vn

Präzisionsmedizin schafft Überleben. Krebspatienten durch Covid-19 stark gefährdet.

feldkirch Es gab eine gute und eine weniger gute Nachricht. Die gute Botschaft der Krebsexperten: Die Behandlung von Tumorerkrankungen kann heutzutage so gezielt erfolgen, dass die Überlebenschancen immer größer werden. Die weniger gute Botschaft: Krebs und Covid-19 vertragen sich gar nicht gut. Krebspatienten haben nicht nur ein hohes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, auch die Sterblichkeit ist zehnfach erhöht. Andererseits zeigt die Schutzimpfung zwar nicht die gleiche Wirksamkeit wie bei gesunden Personen, ist aber doch nützlich. „Bei Krebspatienten sollte jedoch in jedem Fall eine Bestimmung der Antikörper erfolgen um zu sehen, ob ein entsprechender Schutz besteht“, erklärte Oberarzt Bernd Hartmann. Laut einer Datenauswertung, die bei Krebspatienten im LKH Feldkirch vorgenommen wurde, haben 73 von 86 Geimpften schützende Antikörper entwickelt. Bei 13 Patienten war dies nicht der Fall, sie alle litten an einer Blutkrebserkrankung. Bei ihnen ist die Gefahr, an Covid-19 zu erkranken, besonders hoch, da sie stark immungeschwächt sind.

Ein komplexes Netzwerk

Dafür konnte Primar Thomas Winder, Leiter der Interne II im LKH Feldkirch, über deutliche Fortschritte in der Onkologie berichten. So ist etwa die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Prostatakrebs von 37 auf 88 Prozent und bei Brustkrebs von 53 auf 86 Prozent gestiegen. „Bei  manchen Tumorerkrankungen brauchen wir aber noch die Wissenschaft und Forschung“, räumte er ein. Dann unternahm Winder einen kurzen Streifzug durch die diagnostische Entwicklung. Diese reicht vom Mikroskop („das ist immer noch wichtig“) bis zur gänzlichen Entschlüsselung der Eigenschaften von Krebszellen. Die Molekularpathologie macht es möglich, Krebszellen das letzte Geheimnis abzujagen und sie damit gezielt zu bekämpfen.

Winder verglich das komplexe Netzwerk einer Krebserkrankung anschaulich mit jenem einer U-Bahn. „Mit der Therapie versuchen wir, Umsteigebahnhöfe zu blockieren“, erklärte er. Eine Chemotherapie habe alle blockiert. Inzwischen sei es möglich, die relevanten Knotenpunkte zu erkennen und Krebszellen punktgenau mit den entsprechenden Medikamenten weitere Wege abzuschneiden. 

Umwelteinflüsse wie Sonne, Rauchen und Alkohol können in den Zellen zu spontanen Veränderungen führen. „Diese werden aber nicht vererbt“, betonte Thomas Winder. Gleichzeitig teilen sich die Zellen immer und immer wieder millionenfach. Bei diesem Prozess können Fehler passieren, in Form von Mutationen beispielsweise. Eine Folge daraus sind Krebserkrankungen. Die traditionelle Therapie ist nach wie vor die Chemotherapie. Sie kann mittlerweile jedoch auf spezielle Zellen adaptiert werden. Jeder Patient und die zu ihm passende Therapie werden im sogenannten Tumorboard besprochen, einer interdisziplinären Zusammenkunft der beteiligten Disziplinen.

Oberarzt Bernd Hartmann, seit Jänner auch Präsident der Krebshilfe, erläuterte Corona und die Auswirkungen auf Krebspatienten. Bei einer Infektion scheiden sie deutlich länger das Virus aus als gesunde Personen. „Bei Blutkrebs bis zu 55 Tage“, verdeutlichte Hartmann. Die Schutzimpfung hingegen zeitigte bei Krebspatienten deutlich geringere Nebenwirkungen. „Die Vorarlberger Krebspatienten haben sie sehr gut vertragen.“ Corona machte aber auch Angst. So gab es während des ersten Lockdowns um 40 Prozent weniger Brustkrebsdiagnosen und 70 Prozent weniger Vorsorgeuntersuchungen, was oft zu verspäteten Diagnosen führte. Der Appell des Krebsspezialisten: „Halten Sie die Hygienemaßnahmen ein, suchen Sie bei Symptomen den Arzt auf, lassen Sie sich impfen und nützen Sie das Angebot der Krebsvorsorge rechtzeitig.“