Wissenschaftler warnen vor drohender Durchseuchung

Gesund / 03.01.2022 • 21:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wissenschaftler warnen vor drohender Durchseuchung
Der Fokus müsse von der Bettenbelegung zur Personalsituation in kritischen Bereichen wechseln, warnt der CSH Vienna. APA

Die Omikronvariante könnte den bisherigen Fokus auf die Intensivbetten obsolet machen.

Wien, Paris Der Complexity Science Hub Vienna (CSH), ein Verein mehrerer österreichischer und internationaler Universitäten und Institute zur Erforschung von Big Data, warnt vor Herausforderungen bei einer Beibehaltung der bisherigen Strategie.

Ein reiner Fokus auf die Intensivbettenbelegung könnte aufgrund der erhöhten Übertragbarkeit überholt sein. Der CSH Vienna warnt vor einer drohenden Durchseuchung der Gesellschaft mit Krankenständen von bis zu 20 Prozent der Bevölkerung. Dieser würde zu Engpässen in der kritischen Infrastruktur führen, noch bevor die kritischen Grenzen der Intensivbettenbelegung erreicht sind.

“Omikron macht den bisherigen Ansatz in der Pandemiebekämpfung obsolet”, warnen Peter Klimek und Stefan Thurner vom CSH und der Medizinischen Universität Wien. “Bislang verfolgte man in Österreich am ehesten eine Strategie der Abflachung innerhalb von Kapazitätsgrenzen, die durch die Auslastung der Intensivstationen definiert wurden. Mit Omikron könnten nun aber andere Gesellschaftsbereiche und Infrastrukturen bereits früher an ihre Limits kommen.”

Engpässe abseits der Intensivbetten

Um eine Durchseuchung der Gesellschaft zu verhindern und den bisherigen Ansatz der Abflachung beizubehalten, brauche es eine Neudefinition der Kapazitätsgrenzen. Außerdem brauche es ein umfassendes Monitoring der Abwesenheiten des Personals in kritischen Infrastrukturen (Spitäler und
darüber hinaus), um hier frühzeitig Engpässe wahrnehmen zu können. Die Impfung bleibt dabei das wesentlichste Instrument, auch wenn sie zunehmend so verstanden werden muss, dass sie einen länger dauernden Schutz vor schwerer Erkrankung mit einem kurzfristigen Schutz vor symptomatischer Infektion verbindet.

“Zusammenfassend ist das Zeitfenster, in dem man ein Containment, also ein Eindämmen der Welle noch hätte versuchen können, realistisch bereits verstrichen. Somit bleibt wieder einmal nur die Frage, ob man die Durchseuchung langsam oder schnell geschehen lassen will. Die gewählte Strategie sollte von der Politik jedoch umgehend kommuniziert werden, damit sich die Bevölkerung darauf mit individuellen Schutzmaßnahmen vorbereiten kann, d.h. wie viel Zeit verbleibt, um sich etwa eine Booster Impfung zu holen oder sich erstimmunisieren zu lassen”, fordert das CSH Vienna.

Neue Coronavariante

Im Südwesten Frankreichs gibt es derweil bereits Hinweise auf eine neue Variante des Coronavirus mit der Benennung B.1.640.2. Bei zwölf Menschen wurde die inoffiziell auf IHU getaufte Mutation (nach dem Institut IHU Méditerranée Infection, dessen Wissenschaftler das noch nicht begutachtete erste Paper zur Variante vorlegten) nachgewiesen, ihr Ursprung dürfte mit einer Afrikareise in Verbindung stehen. Wie die Impfung auf diese Variante anspricht und wie ansteckend sie ist, muss nun noch erforscht werden.

Eine große Gefahr können namhafte Wissenschaftler bisher aber nicht erkennen. “Wir sollten diese wie auch andere Varianten beobachten, aber es besteht kein Grund, speziell über diese Variante besorgt zu sein”, sagte Richard Neher, Experte für Virusvarianten an der Uni Basel, am Dienstag. Der US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding schrieb auf Twitter: “Ich mache mir wegen B.1.640.2 noch keine großen Sorgen. Ich bezweifle, dass sie sich gegen Omikron oder Delta durchsetzt.”

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