Auslastung der Ärzte steigt

Gesund / 11.06.2022 • 05:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Bericht des Rechnungshofs zeigt ein drastisches Bild der Lage in der Allgemeinmedizin. <span class="copyright">APA</span>
Der Bericht des Rechnungshofs zeigt ein drastisches Bild der Lage in der Allgemeinmedizin. APA

Rechnungshof zeigt Lücken auf: Bundesweit einheitliche Erfassung der Lage scheint in Österreich ein Ding der Unmöglichkeit.

Wien Dass Österreich ein einigermaßen klares Bild darüber hat, wie sehr es in Sachen Ärztemangel eigentlich im Blindflug unterwegs ist, geht auf eine Parteiintrige zurück. Darauf nämlich, dass ÖVP und FPÖ der SPÖ an die Gurgel wollten. Beziehungsweise, konkret gesagt: deren Chefin Pamela Rendi-Wagner. Die hatte bekanntlich im November 2018 die Führung der Partei übernommen; davor hatte sie acht Jahre lang die Sektion Öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium geleitet und war in der Schlussphase der Regierung Kern-Mitterlehner selbst einige Monate lang Ministerin gewesen.

Die heutige SPÖ-Chefin Rendi-Wagner leitete jahrelang die Sektion für öffentliche Gesundheit und war auch Gesundheitsministerin. <span class="copyright">APA</span>
Die heutige SPÖ-Chefin Rendi-Wagner leitete jahrelang die Sektion für öffentliche Gesundheit und war auch Gesundheitsministerin. APA

Anfang 2019 – nur Wochen nach Rendi-Wagners Übernahme der SPÖ – reifte in den damaligen Regierungsparteien ÖVP und FPÖ jedenfalls der Entschluss, sich das Thema Ärztemangel genauer anzusehen. Ende März entschlossen sie sich zu einem für Regierungsparteien eher ungewöhnlichen Schritt: Sie beauftragen den Rechnungshof, die Gesundheitspolitik der vergangenen Jahre zu analysieren, insbesondere was die Sicherstellung der Primärversorgung betrifft.

ÖVP und FPÖ ließen SPÖ-Ägide kontrollieren

„Konkret geht es im Koalitionsantrag um die Zeitspanne zwischen 2009 und 2017, als das Gesundheitsministerium von Alois Stöger, Sabine Oberhauser und Pamela Rendi-Wagner geführt wurde“, schreibt die Parlamentskorrespondenz; „ÖVP und FPÖ orten eine Reihe von Versäumnissen der drei SPÖ-MinisterInnen“. Dass sie damit „die Arbeit des Rechnungshofs blockiert“, wie die Opposition ihr vorwarf, dürfte die Regierungsparteien zumindest nicht gestört haben.

Wenige Wochen später war Türkis-Blau Geschichte und ab 2020 sollte Österreich dann auf einmal ganz andere Sorgen haben – der Rechnungshof arbeitete aber brav sein Programm ab. Im September 2021 erschien sein Bericht zur ärztlichen Versorgung im niedergelassenen Bereich ohne allzu großes Echo; wie gesagt, im Gesundheitsministerium gab es damals gerade ganz andere Baustellen.

Ärztezahl wuchs nicht mit Bevölkerung

Was schade ist. Denn der Bericht zeichnet ein ziemlich drastisches Bild der Lage, etwa in der Allgemeinmedizin: Im untersuchten Zeitraum (2009 bis 2019) blieb die Zahl der Vertragsärztinnen und -ärzte ziemlich gleich – die Bevölkerung wuchs in diesen zehn Jahren aber um sechs Prozent. Die Auslastung der Allgemeinmediziner stieg in diesen zehn Jahren um elf Prozent, so der Rechnungshof – er nennt das „Leistungsverdichtung“. Noch klarer ist die Lage in der Fachärzteschaft: „Hier stieg die Inanspruchnahme überproportional zum Bevölkerungswachstum um 25 % – die Auslastung je besetzte Planstelle stieg um 21 %.“

Die ÖGK spricht in ihrer Stellungnahme von „Produktivitätssteigerung“, die sich durch bessere technische Planungsmöglichkeiten und mehr Hilfspersonal ergebe; „Der RH wies darauf hin, dass eine übermäßige Steigerung an Qualitätsgrenzen stoßen konnte“, so der Bericht.

Rechnungshofpräsidentin Margit Kraker: Rechnungshof beurteilt Daten als nicht geeignet. <span class="copyright">APA</span>
Rechnungshofpräsidentin Margit Kraker: Rechnungshof beurteilt Daten als nicht geeignet. APA

Ein immer wiederkehrendes Element in Rechnungshofberichten zum Gesundheitssystem – wie gerade eben in der Corona-Krise – ist darüber hinaus die Unsicherheit, wie wenig datenbasiert das System läuft: So ließ die Strukturplanung nach Ansicht der Prüfer offen, ob regional zusätzliche Planstellen nötig waren oder eine höhere Auslastung der vorhandenen Ärzteschaft ausreichte. Der fünfjährige, rollierende Planungszeitraum habe „keine Soll-Ist-Vergleiche ermöglicht“, die Planung auf Ebene der Versorgungsregionen sei für die Allgemeinmedizin zu unspezifisch gewesen. Verbindliche Versorgungsaufträge seien nicht festgelegt gewesen.

Angebot nicht ganz fassbar

„Der Rechnungshof beurteilt die Daten – von Gesundheitsministerium, Krankenversicherungsträgern, Dachverband und Österreichischer Ärztekammer – als nicht geeignet, um das Angebot der ärztlichen Leistung im niedergelassenen Bereich valide zu erfassen“, so der Rechnungshof. Daher tappe man weitgehend im Dunkel, wenn man überhaupt eine Mängelfeststellung machen wolle: Weder gäbe es ein bundesweites Monitoring der Wartezeiten im Gesundheitssystem, noch seien die Alarmschreie der Ärztekammer nachvollziehbar: In seiner eigenen Rechnung kam der Rechnungshof auf rund 300 nicht besetzte Planstellen in ganz Österreich; die Kammer hatte 2019 von 1300 gesprochen.

Fazit: Es brauche, wieder einmal, eine verlässliche – und bundesweit einheitliche – Erfassung der Lage.

In einer gemeinsamen Recherche haben die Salzburger Nachrichten, die Kleine Zeitung und die Vorarlberger Nachrichten die Auswirkungen von Ärztemangel und Zweiklassenmedizin beleuchtet. Die Ergebnisse finden Sie laufend unter www.vn.at, Dieser Text stammt von Georg Renner, Kleine Zeitung

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