Seuchen früher und heute

Gesund / 15.07.2022 • 10:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Marina Hilber und Michael Kasper konnten in ihren Vorträgen zahlreiche Parallelen zur gegenwärtigen Coronapandemie ziehen.bi
Marina Hilber und Michael Kasper konnten in ihren Vorträgen zahlreiche Parallelen zur gegenwärtigen Coronapandemie ziehen.bi

Vortrag „Pest – Pocken – Grippe“ von Michael Kasper und Nadine Hilber.

SCHRUNS Anlässlich der Jahreshauptversammlung des Krankenpflegevereins Außermontafon referierten Michael Kapser, Leiter der Montafoner Museen, und Marina Hilber, Professorin an der Uni Innsbruck, zum Thema „Pest – Pocken – Grippe“.

Anlass war das Buch „krank – heil – gesund“, das von den beiden Vortragenden herausgegeben wurde und 29 Beiträge von unterschiedlichen Autoren zur Thematik umfasst. Außerdem ergänzte der Vortrag die aktuelle Ausstellung zur Medizingeschichte des Montafons im Heimatmuseum Schruns.

Seuchen und Krisensituationen

Der Zeitrahmen der Schilderung umfasste mehrere Jahrhunderte. Die Pest trat in Europa im frühen 17. Jahrhundert auf, unter anderem auch im Montafon. „Was beim Auftreten aller Seuchen auffällt, ist der unmittelbare Zusammenhang mit anderen Krisen“, erläuterte Michael Kasper. Bei der Pestilenz, wie die damals auch genannt wurde, spielten der 30-jährige Krieg und die damit einhergehende erhöhte Mobilität, die „Kleine Eiszeit“ mit ihren klimatischen Folgen, Mangelerscheinungen, Armut sowie Hunger eine wesentliche Rolle. In den Bewältigungsstrategien der Bevölkerung nahm die Religion mit Bitt-Prozessionen und Gelöbnissen zur Errichtung einer Kapelle bei Genesung wie etwa der Pestkapelle in St. Gallenkirch eine führende Rolle ein. Auch sogenannte Pestwachen wurden installiert. Diese muten heutzutage mit ihren verordneten Quarantäneregeln für Saisonarbeiter im Ausland und den Schwabenkindern nahezu modern an. Obwohl Bakterien noch nicht bekannt waren, war es den Menschen durchaus bewusst, von Pest-Patienten Abstand zu halten.

Erste Impfung bei Pocken

Marina Hilber fokussierte sich unter anderem auf die Pocken, die auch „die gemainen Blattern“ genannt wurden. Im 18. Jahrhundert nahm diese Krankheit epidemische Ausmaße an, bekannt waren die Pocken allerdings schon seit der Antike. Auch bei dieser Seuche konnte ein Zusammenhang mit den Napoleonischen Kriegen hergestellt werden, da viele Soldaten im Montafon einquartiert wurden. „Vor allem Kinder erkrankten an Pocken. Die Kindersterblichkeit betrug damals 30 Prozent, ein nicht geringer Teil davon konnte den Pocken zugeordnet werden,“ erklärte Hilber. Vor allem die Folgeschäden der Erkrankung bildeten ein großes Problem, es kam zu hässlichen Pockennarben, die zur Ausgrenzung führten, zu Erblindung und Ertaubung. Ende des 18. Jahrhunderts gab es mit Einführung der ersten Impfung rasch Erfolge in der Bekämpfung dieser Krankheit: „Die Bevölkerung reagierte jedoch skeptisch, da sie damals noch an das Säfte-Gleichgewicht im Körper glaubte und auch nicht in den Willen Gottes eingreifen wollte.“ Wer ins Ausland wollte, musste einen Impfschein vorzeigen. Die Parallelen zur heutigen Situation sind unverkennbar.

Im Winter 1918/19 forderte die Spanische Grippe zahlreiche Opfer, und auch bei diesem Ausbruch bestand ein signifikanter Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Folgen. Eine weitere epidemische Erkrankung in Europa war die Kinderlähmung, markant war der Anstieg von Polio-Fällen im Jahr 1947. „Das Erkennen der Krankheit war schwierig, denn die ersten Symptome ähneln denen der Grippe. Erst wenn Lähmungen und starke Schmerzen hinzukamen, konnte Polio diagnostiziert werden. Ähnlich wie heute bei Corona steckten symptomlos Erkrankte andere Menschen an“, verglich Marina Hilber die damalige Situation mit dem heutigen Geschehen. Glücklicherweise konnte sehr rasch eine wirksame Impfung entwickelt werden: „1972 galt Österreich als poliofrei. Ein Jahr danach waren die Menschen wieder säumig mit dem Impfen, und es gab erneut Fälle. Es wurde umfassend aufgeklärt, was Wirkung zeigte. Allerdings ist Polio trotz massivster Kampagnen weltweit noch immer nicht ausgerottet.“ BI