Hans Concin

Kommentar

Hans Concin

Medizinische Leistungen mit geringem Mehrwert

Gesund / 29.07.2022 • 09:50 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Überdiagnosen und Übertherapien stehen wegen ihrer vielseitigen negativen Folgen immer mehr im wissenschaftlichen Fokus. Grundsätzlich sind Überdiagnosen keine Fehldiagnosen, es sind korrekte Diagnosen, die aber nicht zu einer Krankheit mit Symptomen führen. Überbehandlung einer Krankheit, die keine Symptome macht, kann zu Problemen und schädlichen Nebeneffekten führen. Treiber solcher Entwicklungen sind häufig die Ausweitung der Definition von Risikofaktoren und/oder die Definition einer Krankheit.

Die Arbeitsgruppe „Choosing Wisely“ (klug wählen) der Europäischen Gesellschaft für Innere Medizin ist der Frage nachgegangen: „Wann ist zu viel zu viel und zu wenig zu wenig“. Von den Gegnern dieser Studien und teilweise auch von der Pharmaindustrie werden solche Entwicklungen leider als Bedrohung der Qualität unserer Gesundheitsversorgung angesehen.

Vor der Jahrtausendwende wurde zum Beispiel der Grenzwert für ein normales Cholesterin von 240 auf 200 mg/dl gesenkt. Das führte zu einer massiven Vermehrung von Statintherapien ohne Berücksichtigung der individuellen Familiengeschichte, des Geschlechts, des Alters und Lebensstils.

Ähnlich verhält es sich mit dem Blutdruck. Es macht einen riesigen Unterschied, ob der obere Grenzwert mit 140 zu 90 oder mit 120 zu 80 definiert wird. Es wird geschätzt, dass mit den neuen niedrigeren Grenzwerten bei einem Drittel der Betroffenen ein Bluthochdruck überdiagnostiziert wird. Jedes Medikament kann relevante Nebenwirkungen haben, vor allem dann, wenn Cholesterinsenker oder Blutdrucksenker unnötig gegeben werden.

Auch in der Krebsfrüherkennung müssen wir uns ernsthaft mit der Thematik Überdiagnose und Übertherapie auseinandersetzen. Ein grundsätzliches Problem in der Früherkennung ist, dass ein sehr langsam wachsender oder schlummernder Krebs besonders gut erkannt wird, dieser uns aber am wenigsten schadet. Die schnell und aggressiv wachsenden bösartigen Tumore entziehen sich oft dem Screening und sind für die hohe Krebssterblichkeit verantwortlich.

Wie häufig (alle 10 Jahre) und bis zu welchem Alter (75) sind zum Beispiel Darmspiegelungen ohne erhöhtes individuelles Risiko sinnvoll?

Bei der Gebärmutter-Hals-Krebs Vorsorgeuntersuchung setzt sich immer mehr die Testung auf „Humane Papilloma Viren“ (HPV) an Stelle des Zellabstrichs durch. Bei regelmäßiger Vorsorge erlaubt ein negatives Testergebnis, die Intervalle bis zu drei Jahre zu verlängern.

Das ist ein exemplarischer Minieinblick in die Problematik medizinischer Leistungen mit geringem Mehrwert. Weniger ist in der Medizin manchmal mehr. Wenn wir lernen, potenziell Überdiagnosen und Übertherapien zu reduzieren, profitieren alle: Das Gesundheitssystem wird nicht überlastet, Schäden werden minimiert, Ressourcen frei für Bereiche, die sie dringend benötigen. Für die ins Auge gefasste Medizin-Universität Vorarlberg könnte diese Problematik ein Forschungsschwerpunkt sein.

„Medizinische Leistungen mit geringem Mehrwert belasten das Gesundheitssystem und können schaden. Weniger ist in der Medizin manchmal mehr.“

Hans Concin

hans.concin@vn.at

Prim. a. D. Dr. Hans Concin, aks Think Tank