Kinder mit Krebs reden bei Therapie mit

Gesund / 12.08.2022 • 10:39 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
V.l.: Studienkoordinatorin Alexandra Haid, Ursula Mattersberger, Obfrau der Kinder-Krebs-Hilfe Tirol und Vorarlberg, sowie Andreas Meryk und Roman Crazzolara von der Universitätsklinik für Pädiatrie I. MUI/D. Bullock
V.l.: Studienkoordinatorin Alexandra Haid, Ursula Mattersberger, Obfrau der Kinder-Krebs-Hilfe Tirol und Vorarlberg, sowie Andreas Meryk und Roman Crazzolara von der Universitätsklinik für Pädiatrie I. MUI/D. Bullock

Telemonitoring-Programm an Innsbrucker Kinderklinik angelaufen.

Innsbruck 24 Stunden, sieben Tage pro Woche können Kinder mit Krebserkrankungen den Medizinerinnen und Medizinern an der Innsbrucker Kinderklinik Feedback zu ihrer Behandlung geben. Ein Team um Roman Crazzolara, leitender Oberarzt an der pädiatrischen Hämatologie und Onkologie, hat ein Telemonitoring-Programm entwickelt. Die ersten Auswertungen sind vielversprechend und wurden jetzt im Fachjournal JAMA Network Open veröffentlicht.

Online-Fragebogen

Nur 42 Sekunden, kürzer als zum Zähneputzen, brauchen junge Krebspatienten, um einen Online-Fragebogen auszufüllen, der an der Medizinischen Universität Innsbruck für sie entwickelt worden ist. Die betroffenen Kinder bzw. die Eltern der ganz kleinen Patienten (ein bis fünf Jahre) reden auf diese Weise bei ihrer Therapie mit, egal ob sie gerade in der Klinik oder daheim sind. Roman Crazzolara hatte sich bei der Übernahme seiner Stiftungsprofessur 2019 vorgenommen, die Untersuchung der Lebensqualität während der Behandlung von Kinderkrebserkrankungen in den Mittelpunkt zu rücken. „Einen Fragebogen, der tagtäglich abfragt und in dieser Weise in die klinische Behandlung miteinbezogen wird, hat es in der Kinderonkologie noch nie gegeben“, sagt Crazzolara. Zwei Publikationen, zur Konzeption und zur Einführung des Fragebogens, sind in den vergangenen neun Monaten erschienen. Das Fach-journal JAMA Network Open veröffentlichte nun die dritte Forschungsarbeit, in der es um die Anwendung dieses Telemonitoring-Tools geht und die Implementierung in den klinischen Alltag gezeigt wird.

Wie steht es um den Appetit? Schmerzen? Erbrechen? Übelkeit? Müdigkeit? All diese Fragen beantworten die Kinder mit jeweils einem Click. Neben körperlichen Symptomen deckt das Tool auch das psychische Befinden ab. „Zusätzlich fragen wir einmal pro Monat generell ab, wie es dem Kind mit der Behandlung geht, z.B. ob es Angst vor Nadeln oder andere Sorgen hat. Wir können daraufhin unterschiedlich eingreifen“, erklärt Crazzolara. Sein Team hat die Online-Fragebögen, die altersgerecht gestaffelt für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren erstellt worden sind, in Zusammenarbeit mit dem Team von Bernhard Holzner (Universitätsklinik für Psychiatrie II) und den betroffenen Familien entwickelt.

Vertrauen wächst

An der Uniklinik für Pädiatrie I, an der sich die hämatologische und onkologische Station befindet, dürfen alle jungen Krebspatienten an dem Telemonitoring teilnehmen. „Wir behandeln rund 75 Patienten pro Jahr aus Tirol, Vorarlberg und Südtirol. 98 Prozent nehmen das Angebot an, die Ausfüllrate liegt bei fast 70 Prozent“, berichtet Studienautor Crazzolara.

Die nun publizierten Auswertungen haben ergeben, dass die Patienten sehr gut mit dem System zurechtkommen. „Die Eltern sind positiv überrascht, dass wir sofort zuhause anrufen, wenn wir anhand des Fragebogens sehen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das fördert das Ärzte-Patienten-Verhältnis sehr stark, das Vertrauen in Behandlungsteam und Therapie wächst, und wir können tatsächlich frühzeitiger eingreifen.“ So habe sich infolge der zahlreichen Video-Telefonate und Interventionen beispielsweise herausgestellt, dass Kinder, die unter der Therapie eine Schleimhautentzündung entwickeln, bereits Schmerzen angeben, noch lange bevor die Entzündung sichtbar wird. „Diese Interventionen umfassen sowohl die Anpassung der Medikation, als auch die Beratung zum Umgang mit Schwierigkeiten in der Therapie.“

Telemedizin per App

Der nächste Schritt wird eine App sein, die noch mehr Funktionen bereitstellen wird. „Damit können wir sogar Telemedizin machen“, schildert Crazzolara. Neben vielen neuen Funktionen kann damit auch das Arzt-Patienten-Gespräch über Videotelefonie geführt werden. „Wir arbeiten auch ein neues Versorgungskonzept aus.“ Ziel sei es, dass Kinder künftig wohnortnah in ein Krankenhaus zur Blutabnahme gehen und danach via Telemedizin von den Innsbrucker Experten beraten werden können. Somit würde die Zeit, die die kleinen Patienten an der Klinik verbringen müssen, verkürzt.