„Psychotherapie auf Krankenschein“

Gesund / 07.10.2022 • 11:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Michael Kögler vertritt in seiner Funktion als Obmann des Landesverbands für Psychotherapie rund 200 freiwillige Mitglieder.VN/mm
Michael Kögler vertritt in seiner Funktion als Obmann des Landesverbands für Psychotherapie rund 200 freiwillige Mitglieder.VN/mm

Für Michael Kögler wäre diese Maßnahme die beste für eine gute Versorgung.

Dornbirn Zum Tag der Psychotherapie findet am Samstag, 15. Oktober 2022, von 9 bis 19 Uhr im Kulturhaus in Dornbirn die „anima“ statt. Die Veranstaltung dient der Aufklärung und Information der Bevölkerung. „Dieses Jahr haben wir jedoch einen Schwerpunkt zum Thema Krieg, Traumatisierung und Flucht gesetzt“, erklärt Michael Kögler, Vorsitzender des Landesverbands für Psychotherapie. Er spricht sich außerdem für Psychotherapie auf Krankenschein aus.

 

Die anima findet heuer zum 7. Mal statt. Warum braucht es diese Veranstaltung noch?

Kögler Weil Psychotherapie immer noch etwas ist, das innerhalb der Bevölkerung ein Tabu darstellt. Kaum jemand weiß genau, was ein Psychotherapeut wirklich macht. Dazu kommt, dass wir in besorgniserregenden Zeiten leben. Das untere ökonomische Drittel der Bevölkerung wird durch Corona und jetzt durch den Krieg in der Ukraine massive finanzielle Schwierigkeiten bekommen. Damit entstehen massive Zukunftsängste.

 

Schlägt sich das bei den Psychotherapeuten bereits in Anfragen nieder?

Kögler Wir führen diesbezüglich keine Statistik, aber man kann schon sagen, dass es mehr Nachfrage gibt und die zu behandelnden Problemstellungen nicht einfacher, sondern komplexer werden. Studien zeigen, dass vor allem Kinder und Schüler unter den Coronamaßnahmen gelitten haben.

 

Bringt die anima den nötigen Schub an Informationen?

Kögler Auf alle Fälle. Die letzte anima fand 2019 statt. Über den Tag verteilt kamen rund 1000 Besucher. Der Eintritt ist frei. Es sind im Wesentlichen alle Einrichtungen, die Psychotherapie im Land anbieten, und die ÖGK vertreten. Der Mensch ist nicht nur ein körperliches Wesen, sondern ein Körper-Seele-Geist-Wesen. Was die seelisch-geistige Gesundheit angeht, sind wir als Psychotherapeuten zuständig und verantwortlich. Da müssen wir für die Menschen das Wort ergreifen.

Wie steht es um die Versorgung mit Psychotherapeuten im Land?

Kögler Wir haben gut 200 Psychotherapeutinnen und –therapeuten. Hochgerechnet würden aktuell etwa 4500 Personen laufend Psychotherapie brauchen.

 

Können die Psychotherapeuten das leisten?

Kögler Insgesamt können wir das sicher bewältigen. Einen Teil dieser Arbeit übernimmt ja das Institut für Sozialdienste im Auftrag der Landesregierung und der ÖGK. Allerdings gibt es dort sehr lange Wartezeiten. Bei akuter Belastung hilft das wenig.

 

Sie sprechen von zehn Stunden, die zur Verfügung stehen. Ist das zu knapp, um ein Problem wirklich an der Wurzel zu packen?

Kögler Das ist eher eine Krisenintervention. Ich sage, die Psychotherapie beginnt, wenn sie über zehn Stunden hinausgeht. Eine optimale Versorgung wäre meines Erachtens mit Psychotherapie auf Krankenschein gegeben. Es melden sich immer wieder Patienten, die meinen, mit einem Krankenschein kommen zu können. Es gibt einen Zuschuss der ÖGK für jede Stunde von knapp 29 Euro. Eine Psychotherapiestunde kostet 100 bis 140 Euro. Das heißt, Psychotherapie muss man sich leisten können. Wenn schon keine Psychotherapie auf Krankenschein, dann wenigstens eine Anhebung des Beitrags auf 50 Euro.

Gibt es Gespräche dazu?

Kögler Es gibt immer wieder Verhandlungen auf Landes- und Bundesebene, aber es braucht einen langen Atem.

 

Es soll bald ein neues Psychotherapiegesetz kommen. Bringt das Verbesserungen?

Kögler Es wird nicht die Kassenregelung verbessern, aber die Ausbildung. Derzeit ist es so, dass es Ausbildungsvereine gibt, die mit Universitäten kooperieren. In Zukunft wird es nur noch mit Universitätsausbildung gehen. Damit wäre die Qualifizierung klar. Das war bisher oft nicht der Fall.

 

Was ist der Unterschied zwischen Psychiater und Psychotherapeut?

Kögler Im Wesentlichen ist der Psychiater ein Facharzt, der diagnostiziert und Medikamente verschreibt. Ist jemand schwer psychisch belastet, schauen wir dazu, einen Arzt bzw. Facharzt ins Boot zu holen. Auch hier haben wir das Problem der langen Wartezeiten. Sie betragen durchschnittlich sechs Monate. Der Psychotherapeut kann auch diagnostizieren, nachdem wir aber keine Ärzte sind, dürfen wir keine Medikamente verschreiben. Das heißt, unsere Behandlung ist das Gespräch, der Dialog und das Ergründen möglicher Ursachen für die Erkrankung. VN-MM

Weitere Infos unter

www.anima-vlbg.at

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