Hans Concin

Kommentar

Hans Concin

Wie lange dürfen Ärzte praktizieren

Gesund / 28.10.2022 • 11:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Für unsere alternde Bevölkerung brauchen wir dringend Strukturen, die für Ärzte ein Arbeiten über das Pensionsalter hinaus attraktiv machen. Die Babyboomer-Generation hat viele Ärzte hervorgebracht, die uns über die letzten 40 Jahre medizinisch gut versorgt haben. In den kommenden Jahren gehen diese in Pension und fehlen uns in ihrer Zahl und Erfahrung.

Viele Institutionen sind aufgerufen, für Ärzte im Pensionsalter Bedingungen zu schaffen, die ein freudvolles Weiterarbeiten unterstützen. Die Bevölkerung erlebt derzeit einen Aderlass vieler ausgezeichneter Allgemeinmediziner, deren Wissen und Erfahrung oft ungenutzt verloren geht. Die Standesvertretung, Sozialversicherungen und Politik sind aufgefordert, aktiv zu werden und den drohenden Versorgungsmangel abzufedern.

Für die Ausübung des Arztberufes gibt es grundsätzlich keine Altersgrenze. Unsere Lehrer, speziell Klinikchefs an den Universitäten, durften zu meiner Studienzeit noch bis zum Alter von 75 Jahren große Kliniken managen, Studenten unterrichten und Patienten behandeln. Das war teilweise gut, teilweise schlecht. Viele sind dann nach der Zwangspensionierung noch erfolgreich in eine Privatpraxis und Privatklinik gegangen. Administrative, Lehr- und Forschungsaktivitäten können auch über dieses Alter hinaus ausgeübt werden. Auch in der Privatwirtschaft gibt es keine formellen Altersgrenzen. Besonders erfolgreiche Unternehmer und Freiberufler performen oft gut bis ins hohe Alter. In der römisch katholischen Kirche bieten Bischöfe dem Papst mit dem 75. Lebensjahr ihren Rücktritt an (der oft nicht angenommen wird), Kardinäle dürfen bis 80 an der Papstwahl teilnehmen.

Zurück zur Medizin. Die Erfahrung des Arztes wurde und wird immer noch als besonders wertvoll für die Berufsausübung eingeschätzt. Mit zunehmender Technisierung des Berufes und der rasanten Entwicklung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse rückt allerdings das aktuelle Fachwissen stärker in den Vordergrund. Wie lange kann ein Arzt mit dem rasch wachsenden Wissensstand mithalten? In keinem anderen Beruf ist das praktisch tägliche Lernen neuer Erkenntnisse so wichtig wie beim Arztberuf. Kann die altersbedingte Abnahme der fluiden Intelligenz mit der hohen kristallinen Intelligenz kompensiert werden? Ich denke ja, besonders bei den Basisärzten (Allgemeinmediziner, Internisten, Kinderärzte und Frauenärzte), wo die gesamte ärztliche Lebenserfahrung stark in das medizinische Handeln einfließt.

Wie kann medizinisches lebenslanges Lernen gelingen? Wir haben heute hervorragende Medizinmedien, die uns mit den wichtigsten neuen Erkenntnissen und Studienergebnisse kurzfristig und kompakt informieren. Unzählige Kongresse, Webinare und Fortbildungen geben uns die Möglichkeit, sehr aktuell upgedatet zu werden und mit spezialisierten Experten zu diskutieren. Auch Qualitätszirkel auf lokaler Ebene sind bei Ärzten sehr beliebt und effizient.

„Viele Institutionen sind aufgerufen, für Ärzte im Pensionsalter Bedingungen zu schaffen, die ein freudvolles Weiterarbeiten unterstützen.“

Hans Concin

hans.concin@vn.at

Prim. a. D. Dr. Hans Concin,

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