Auch aus altem Geäst treiben neue Blüten

HE_Brege / 05.05.2021 • 19:06 Uhr
Vor einer Hochstamm-Blütenpracht zeigt der Fachmann Veredelungsmesser, Bast, Baumwachs und Veredelungsreiser.stp/3
Vor einer Hochstamm-Blütenpracht zeigt der Fachmann Veredelungsmesser, Bast, Baumwachs und Veredelungsreiser.stp/3

Für Richard Dietrich aus Lauterach gibt es in Streuobstwiesen keine „hoffnungslosen Fälle“.

Lauterach „Um diesen Baum hat man sich viele Jahre nicht mehr gekümmert, jetzt schaut er dementsprechend aus . . .“, meint Richard Dietrich nachdenklich und holt seine Motorsäge raus. Er wird doch nicht . . .? Nein, er denkt nicht daran, die triste Gestalt eines Hochstamm-Apfelbaums einfach umzusägen, denn „ich denke, er hat noch die Kraft sich zu erfangen, eine Chance bekommt er jedenfalls . . .“, bleibt der Fachmann optimistisch und geht an die Arbeit. Auch wenn der Hochstamm einen mehr als bescheidenen Eindruck macht.

Großzügig korrigieren

Ohne Motorsäge geht es freilich nicht, denn „bei diesem Baum hat man viel versäumt, da muss zuerst einmal wieder eine Struktur hineingebracht werden.“ Die Voraussetzungen sind alles andere als gut, deshalb geht er mit der Motorsäge auch wenig zimperlich zu Werk und sägt auch dicke Äste, die „falsch gewachsen“ sind, ab.

Einen Schönheitspreis wird der Baum auch nach der Radikalkur nicht gewinnen, räumt Dietrich ein, während er die Motorsäge verstaut und mit dem echten Veredelungswerkzeug auf die Leiter steigt: Mit Veredelungsmesser, Baumwachs und Bast setzt er die Veredelungsreiser auf die ungewöhnliche Unterlage. Für dieser Veredelung verwendet er Material von alten Sorten, um deren Erhalt er seit vielen Jahren bemüht ist. Und nach getaner Arbeit heißt es nur noch warten, denn ob er alles richtig gemacht, zeigt sich erst, wenn das Edelreis austreibt. Beim sogenannten Pfropfen geht der Fachmann davon aus, dass der Baum nicht zu alt und die Äste idealerweise vier bis sieben Zentimeter stark sein sollen – Richard Dietrich ist zuversichtlich, dass es in diesem Fall auch bei einem dickeren Ast auf einem älteren Baum noch funktionieren wird. Schwierige Fälle haben ihn noch nie abgehalten, es trotzdem zu versuchen.

Wissen und Beharrlichkeit

Bei manchen seiner Aktivitäten hat man das Gefühl, dass er jede noch so schwierige Herausforderung mit einer „Das-wäre-doch-gelacht-Mentalität“ angeht. Das hat er schon vor mehr als zwei Jahrzehnten unter Beweis gestellt: Während überall Bauernhöfe zusperrten, schwamm er gegen den Strom, als er Ende der 1990er-Jahre den elterlichen Hof übernahm und die fast 200-jährige Familientradition fortsetzte. Weil ihm Landwirtschaft und Umwelt schon immer am Herzen lagen, sah er auch unter schwierigen Rahmenbedingungen eine Zukunft für den Hof an der Schnittstelle zwischen Lauteracher Siedlungsgebiet und Ried. Zu dieser Einstellung passt auch sein beruflicher Werdegang – er hat an der Universität für Bodenkultur in Wien studiert, arbeitete nach dem Studium an Forschungsprojekten und war als Berater tätig, u. a. mit dem von ihm gegründeten Büro für Naturbewirtschaftung und ländliche Entwicklung (NLE).

Streuobstinitiative Hofsteig

Gepaart hat er sein breites Wissen über Zusammenhänge in Natur und Landwirtschaft mit großer Beharrlichkeit, eine Idee auch dann zu verfolgen, wenn die Erfolgsaussichten verschwindend klein aussehen.

So setzte er dem rasant fortschreitenden Kahlschlag in den Streuobstwiesen die Streuobstinitiative Hofsteig entgegen. Gemeinsam mit seinem Wolfurter Kollegen Peter Lingenhel gründete er vor 20 Jahren die Streuobstinitiative und motivierte Dutzende Besitzer von Streuobstbäumen dazu, ihr Obst wieder aufzulesen und zu verwerten. Knapp 15 Tonnen wurden im ersten Herbst abgeliefert und verwertet, inzwischen ist es in guten Obstjahren etwa die siebenfache Menge. Neben dem rein wirtschaftlichen Aspekt, dass Obst nicht mehr verfault, sondern zum gesunden Getränk verwertet wird, geht es Dietrich auch darum, „dass man sich grundsätzlich Gedanken über das Thema macht.“

Nachhaltigkeit im Fokus

Etwa darüber, dass 1938 in Lauterach noch rund 13.000 Hochstammbäume blühten und 60 Jahre später eine Obstbaumzählung ergab, dass davon gerade noch etwa 4000 Bäume übrig geblieben sind. Inzwischen hat besonders der Feuerbrand den Bestand weiter dezimiert. Die VN-Umweltinitiative „Mein Obstbaum“ hat vor gut 15 Jahren ein Gegengewicht gesetzt und konnte einen großen Erfolg verbuchen: Rund 4000 Hochstammbäume wurden landesweit gepflanzt, Tausenden – vor allem auch Kindern und Jugendlichen – wurde dabei aufgezeigt, dass mit dem Erhalt von Streuobstwiesen ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit geleistet werden kann.

Projekt Riebelmais

Nachhaltigkeit hatte Richard Dietrich auch im Fokus, als er sich neben seiner großen Leidenschaft, dem Erhalt von Streuobst und alten Sorten, dem Projekt Riebelmais widmete. Auch diese Initiative ist im wahrsten Sinne des Wortes auf fruchtbaren Boden gefallen, gemeinsam mit seinen Partnern konnte er im Vorjahr mehr als 30 Tonnen Riebelmais ernten und zu Spezialitäten veredeln. Und inzwischen hat er seine Produkte aus vielfältigem Obst- und Ackerbau in seinem Hofladen gebündelt – und mit seinen „Vorarlberger Kostbarkeiten“ ist er zu einer gefragten Adresse geworden. STP

Richard Dietrich mit ungewöhnlichem „Veredelungs-Werkzeug“.
Richard Dietrich mit ungewöhnlichem „Veredelungs-Werkzeug“.
Mit Vorarlberger Köstlichkeiten verwirklichte sich Richard Dietrich einen Traum.
Mit Vorarlberger Köstlichkeiten verwirklichte sich Richard Dietrich einen Traum.