Kinderbetreuungsangebot reicht nicht aus

HE_Feldk / 24.11.2020 • 15:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Frauen tragen die Verantwortung für die Kinder. Diese Meinung ist nach wie vor in den Köpfen festgefahren. Shutterstock
Frauen tragen die Verantwortung für die Kinder. Diese Meinung ist nach wie vor in den Köpfen festgefahren. Shutterstock

Studie untersuchte, wie Frauen karrieremäßig gefördert werden.

KARRIERE In vielen Ländern ist die Teilnahme am Arbeitsmarkt zwischen Männern und Frauen sehr ungleich verteilt, besonders, was beruflichen Aufstieg und Einkommen angeht. Deswegen setzen Regierungen politische Maßnahmen, die die Gleichstellung der Geschlechter verbessern sollen, indem für Frauen die Erwerbsmöglichkeit sowie das Erreichen von Führungspositionen erleichtert wird. Dazu zählen Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie erleichtern sollen, insbesondere Karenzmodelle und öffentliche Betreuungsangebote für Kleinkinder. Solche Rahmenbedingungen wirken sich aber nicht nur auf individuelle Familien-Entscheidungen von Frauen und Männern aus, sondern auch auf die Erwartungen von Entscheidungsträgern bezüglich der Verfügbarkeit ihrer Angestellten. Diese Erwartungshaltung wiederum beeinflusst wesentlich, ob Organisationen und Unternehmen bereit sind, in Mitarbeiter karrieretechnisch zu investieren.

Bezahlte Karenzzeit

Genau diesen Aspekt hat Astrid Reichel, Professorin für Human Resource Management an der Universität Salzburg in einer groß­angelegten Studie untersucht. Mehr als 12.000 Arbeitnehmer und Arbeit­nehmerinnen aus 19 Ländern wurden befragt, welche Angebote sie für die Weiterentwicklung ­ihrer Karriere von den Arbeitgebern erhalten. Je länger die bezahlte Karenzzeit in einem Land ist, desto weniger wird in die Karrieren von Frauen investiert. Das war ein wenig überraschendes Ergebnis. „Nehmen wir an, es geht um eine Frau, Mitte 30, verheiratet. Zahle ich ihr eine Weiterbildung oder nicht? Politische Kontexte liefern den Personalmanagern da zusätzliche Informationen. Wenn ich als Organisation die Information habe, dass zum Beispiel Frauen in Österreich zwei Jahre Anspruch auf Karenz haben, verstärkt das die Idee, dass sich Frauen um die Kinder kümmern. Sie sind daher bei längerer Karenzdauer weniger zu Frauen­förderung bereit.“

Nicht bestätigt

Öffentliche Betreuungsangebote für Kinder von 0 bis 2 Jahren sind hingegen eine Motivation, Frauen­karrieren zu unterstützen, so Reichels zweite Hypothese. Denn genügend Kinderbetreuungsplätze entschärfen die Befürchtung von Unternehmen, dass Frauen wegen Betreuungspflichten ausfallen, so die Annahme. Diese wurde jedoch in der Studie nicht bestätigt. Im Gegenteil: Es zeigte sich, dass in Ländern, in welchen mehr Kleinkinder in Betreuungseinrichtungen untergebracht sind, Arbeitgeber weniger in Frauen investieren als in Ländern, wo die außerfamiliäre Betreuungssituation begrenzter ist. „Insgesamt sendet wahrscheinlich ein gutes Kinderbetreuungs­angebot das Signal aus, dass es für Frauen gesellschaftlich einen Anreiz zum Kinderkriegen gibt“, so Reichels Versuch einer Erklärung. Männer waren übrigens in der Studie nicht negativ betroffen, weder durch großzügige Regelungen zur Kinderbetreuung noch zur Karenzzeit.

Festgefahrene Vorstellung

„Wir sehen also, dass die gesellschaftspolitischen Unterstützungen für Frauen die festgefahrene Vorstellung kaum aufbrechen, dass primär Frauen die Verantwortung für Kinder haben. Die Stereotype vom Mann als Ernährer und der Frau als Familienfürsorgerin halten sich hartnäckig. Die Corona-Krise hat dieses Bild noch verstärkt“, sagt Reichel. Und sie ergänzt: „Das Thema Vereinbarkeit Beruf und Familie geht den Leuten teilweise schon auf die Nerven, auch weil schon so lange darüber geredet wird, sich in der Praxis aber wenig ändert.“ Die Studienautorin ist übrigens verheiratet und selbst Mutter von zwei Töchtern. Seit 2016 ist sie Universitätsprofessorin.

„Die Stereotype vom Mann als Ernährer und der Frau als Familien­fürsorgerin halten sich hartnäckig.“

Frauen tragen die Verantwortung für die Kinder. Diese Meinung ist nach wie vor in den Köpfen festgefahren. Shutterstock
Frauen tragen die Verantwortung für die Kinder. Diese Meinung ist nach wie vor in den Köpfen festgefahren. Shutterstock

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