Baustoffindustrie nimmt Schlüsselrolle ein

HE_Blude / 21.04.2021 • 13:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bauen für klimaneutrale Zukunft hieß das Thema der Online-Diskussion mit BM Leonore Gewessler.APA-Fotoservice/Schedl
Bauen für klimaneutrale Zukunft hieß das Thema der Online-Diskussion mit BM Leonore Gewessler.APA-Fotoservice/Schedl

Nur mit gebündelter Kompetenz lassen sich Herausforderungen des zukunftsfähigen Bauens bewältigen.

ZUKUNFT Das herausfordernde EU-Ziel einer klimaneutralen Gesellschaft bis 2050, zu dem sich Österreich bereits für 2040 bekannt hat, erfordert radikale Veränderungen. Im Fokus stehen dabei Baustoffe, deren Funktionalitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie ein evolutionäres Management. Um all das zu verwirklichen, wurde ReConstruct ins Leben gerufen. ReConstruct ist eine Forschungsplattform zur Zukunft des Bauens in Partnerschaft von WIFO, Sustainserv Zürich-Boston, Center for European Policy Studies Brüssel, Wegener Center an der Universität Graz, gefördert vom Fachverband der Stein- und keramischen Industrie.

Der Gebäudebereich ist eine besondere Herausforderung für den Klimaschutz. Einerseits haben wir einen gewaltigen Gebäudebestand der saniert und klimafit gemacht werden muss. Andererseits ist die Bauaktivität enorm hoch und wir müssen sicherstellen, dass neue Gebäude keine Hypothek für die nächsten Jahrzehnte, sondern ein Asset sind. Wesentlich dafür sind neue Energiekonzepte und die Beachtung von Faktoren, die über das Bauen hinausgehen, wie etwa neue Geschäftsmodelle und soziale Fragen. Mit den sich abzeichnenden Innovationen kann die Baustoffindustrie zu einem Motor für zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen werden. Die komplexe Aufgabe verlangt intensive Kooperation.

Reale Projekte als Leitbild

In einer Diskussionsrunde der Forschungsplattform wurden wegweisende Projekte aus der Schweiz vorgestellt, in deren Planung die zukunftsorientierten Konzepte bereits einfließen. In Risch Rotkreuz (ZG) entsteht auf einem ehemaligen Industriegelände das Quartier Suurstoffi, ein „Dorf im Dorf“, wo 7000 Menschen leben und arbeiten sollen. Bauen und Mobilität gehen Hand in Hand mit interessanter Architektur und viel Grün. Beim Faktor Energie im Betrieb setzt man auf Selbstversorgung und Effizienz, dafür werden solare Elektrizität, Erdsonden sowie rezyklierte Abwärme eingesetzt. „Nicht mehr der Baustoff, sondern die Ansprüche an dessen Funktionalität sollten der Startpunkt für weitere Entwicklungen – von Produkten bis zu Geschäftsmodellen – sein. Die Baustoffindustrie kann so zu Gesamtlösungen beitragen“, erklärt Stephan Lienin, Managing Partner von Sustainserv.

Noch stärker in den Fokus rückt die energetische Transformation des Gebäudesektors und dessen Integration in lokale Multienergienetze sowie die Schließung der Baustoffkreisläufe. Das sind zentrale Features des Projektes NEST, das nahe Zürich als Experiment im Maßstab 1:1 abläuft. Unter Verwendung moderner Technologien werden Einzelgebäude über Gas-, Strom-, Wärme- und Informationsnetze miteinander verbunden. „Damit kann ein Maximum an erneuerbarer Energie lokal gewonnen und verwendet werden. Zudem wird die motorisierte Individualmobilität mit einbezogen – so wird auf eine Neuordnung der gesamten Energiedistribution hingearbeitet“, führt Peter Richner aus, stellvertretender Direktor des interdisziplinären Forschungsinstituts EMPA.

Transformation im Bauen

Zahlreiche weitere Potenziale stecken in den neuen Gebäudekonzepten: Etwa die positive ökosoziale Bilanz durch Zusammenleben und Kooperation, z. B. kurze Wege und damit weniger Verkehr, weil Leben und Arbeit nebeneinander liegen. Gesetzliche und finanzielle Anreize sollten die Entwicklung energieautonomer Gebäude und Areale begünstigen, denn über den langen Lebenszyklus betrachtet, relativieren sich die höheren Kosten bei der Errichtung.