Wie historische Wohn- und Verkehrskultur aussieht

Heimat / 23.09.2022 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Aufnahme des Brazer Bahnhofs im Jahr 1938.<span class="copyright">Archiv/Friedrich Schön</span>
Aufnahme des Brazer Bahnhofs im Jahr 1938.Archiv/Friedrich Schön

Die Villa Walch und der Bahnhof Braz können am Tag des Denkmals besucht werden.

Bludenz Bauherr war der damalige Stadtbaumeister Johann Tagwerker. Das Haus in der Bahnhofstraße ist ein bemerkenswertes Zeugnis der bürgerlichen Wohnkultur in Bludenz, die einst das Bild der Parzellen rund um die historische Altstadt prägte. Nach dem Abriss des größten Teils der Stadtbefestigung in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden neue Wohnflächen für eine bestimmte Schicht der Stadtbevölkerung, wobei eine Tätigkeit im Villenbau einsetzte, die hauptsächlich von einheimischen Architekten und Baumeistern geprägt war. Leider sind viele dieser Villen seit den 1970er-Jahren verschwunden oder verbaut worden.

Nachdem Johann Tagwerker am 16. April 1923 verstorben war, verkauften die Erben im Sommer des Jahres sein Wohnhaus an den Viehhändler Martin Walch (meist als Martinus bezeichnet) aus Bings. Der Kaufpreis von 250 Millionen Kronen verdeutlicht die aus heutiger Sicht unvorstellbare Inflation vor der Einführung der Schillingwährung. Gemeinsam mit seinem Bruder Sebastian Walch betrieb Martinus Walch in den folgenden Jahrzehnten eine umfangreiche Tätigkeit als Viehhändler. Das Geschäft florierte bis in die 1960er-Jahre, wobei vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Export nach Italien viel Geld verdient werden konnte. Als „noble Herren“ trugen die Viehhändler Walch ihren geschäftlichen Erfolg auch durchaus zur Schau. In der Villa Walch war das Vieh zunächst im Keller untergebracht, ehe in den 1950er-Jahren ein größerer Stall errichtet wurde. Martinus Walch war in erster Ehe mit Mathilde Fritz, einer Gastwirtstochter aus der Bingser Sonne, verheiratet. Ihre Kinder verstarben nur wenige Tage nach der Geburt. Nach dem Tod seiner ersten Frau verehelichte sich Walch ein zweites Mal mit der aus Langen am Arlberg stammenden Irma Strolz. Die Erben haben die Villa Walch nach dem Tod der Eltern verkauft.

Zeichnung der Fassade der Villa in der Bahnhofstraße von Baumeister Johann Tagwerker (1891).<span class="copyright">Stadtarchiv Bludenz</span>
Zeichnung der Fassade der Villa in der Bahnhofstraße von Baumeister Johann Tagwerker (1891).Stadtarchiv Bludenz

Bahnhof Braz
Der Bahnhof Braz ist ein Zeugnis alt-österreichischer Eisenbahnkultur. Er entstand mit dem Bau der Arlbergbahn 1880 bis 1884 in der typischen Steinbauweise jener Zeit nach der Verstaatlichung des Eisenbahnwesens. Als letzter lokaler Bahnhof an der Arlbergstrecke wurde hier bis Sommer 2021 Personal für den Betrieb eingesetzt. Das auf einer Seehöhe von 706 Metern liegende Aufnahmegebäude liegt innerhalb der politischen Grenzen der Stadtgemeinde Bludenz.

Es ist neben dem Bahnhof Bludenz das zweite Gebäude dieser Art. Der Betrieb wurde in den letzten Jahrzehnten stark eingeschränkt, insbesondere nach der Auflassung des Personenverkehrs im Klostertal in den 1990er-Jahren. Heute ist das Aufnahmegebäude ein Baudenkmal aus vergangenen Zeiten an der Arlbergbahn.

Termin

Die Villa Walch und der Bahnhof Braz können morgen, Sonntag, am Tag des Denkmals von 10 bis 17 Uhr besucht werden. Heute, Samstag, findet im Bahnhof Braz um 15 Uhr die Eröffnung der Fotoausstellung „ENDStation Braz“ von Andreas Gaßner statt. Die musikalische Umrahmung erfolgt durch Heribert Amann.

Die geplant Wanderung vom Bahnhof Hintergasse zum Bahnhof Braz entfällt aufgrund der Witterung.

Weitere Infos unter www.tagdesdenkmals.at und stadtlabor.bludenz.at

Für den Dampfbetrieb, der bis zur Elektrifizierung 1925 den Betrieb an der Arlbergbahn prägte, bestand in Braz auch ein Pumpwerk, mit dem Wasser aus der Alfenz in das Bahnhofsgelände gepumpt wurde. Zwischen den Gleisen stand der Wasserkran, mit dem die Dampflokomotiven bedient werden konnten. Das optische Erscheinungsbild des Bahnhofs hat sich infolge sich wandelnder betrieblicher Voraussetzungen im Laufe des 20. Jahrhunderts geändert. Auf beiden Seiten des Geländes bestanden einst Endstellwerke mit dazugehörigen Wächterhäusern. Von diesen ist der Posten 95 erhalten, wenn auch stark umgebaut. Der Posten 96 ist mittlerweile abgerissen worden.

Im östlichen Teil des Bahnhofsgeländes war einst ein Magazin, das nach der Einstellung des Frachtgutstückverkehrs auf der Arlbergbahn 1968 abgetragen wurde. Die betrieblichen Abläufe am Bahnhof und die Tätigkeiten der Fahrdienstleiter wurden nicht zuletzt von den Schranken im Umfeld geprägt. Zwei elektrisch betriebene Schranken befanden sich östlich und westlich des Bahnhofs, eine weitere zwischen den Stationen Braz und Hintergasse. Darüber hinaus oblag dem jeweiligen Fahrdienstleiter die Verständigung des Schrankenwärters beim Posten 97 westlich des Bahnhofs. THC

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