Gemeinsam und individuell wohnen

„Projekt guter Nachbarschaft“. Bereits seit mehreren Jahren erleben gemeinschaftliche Wohnprojekte sowohl in Städten als auch am Land eine Renaissance. Menschen schließen sich zu Baugruppen zusammen, um den eigenen Bedürfnissen entsprechend gemeinsam zu bauen. Autorin: Julia Ess | Fotos: Petra Rainer
artizipation beim Planungsprozess führt zu einer hohen Identifikation mit dem gebauten Objekt und einem neuen Bewusstsein von Eigenverantwortung. Dass sich Individualität und gemeinschaftliches Wohnen nicht ausschließen müssen, zeigt die Baugemeinschaft am Mühlbach in Rankweil vorbildlich.
Am Beginn stand die Intention der Grundeigentümer, ihr Grundstück für ein „Projekt guter Nachbarschaft“ zu verkaufen. In der Folge fanden sich die Architekten Rudolf Sommer und Anton Lins, die das Baugruppenprojekt initiierten. Über Anzeigen und Mundpropaganda suchten sie Interessenten für ein gemeinschaftliches Bauvorhaben. Die sechs Parteien der Errichtergemeinschaft kamen daher zufällig zusammen und bilden seither eine durchmischte, generationenverbindende Gruppe aus Paaren, Singles und Familien mit Kindern. Der älteste Bewohner ist 63 Jahre alt und der jüngste Bewohner ist mit seinen zwei Jahren bereits ein „Eingeborener“.
Die kleine reihenhausartige Anlage verläuft parallel zum Mühlbach und besteht aus fünf unterschiedlich hohen und tiefen Häusern in zwei Gebäudeteilen, die in der Mitte durch ein brückenartiges Element im ersten Stock miteinander verbunden sind. „Der Bauprozess und die Architektur ermöglichten, dass wir sehr individuell planen konnten, sich aber doch etwas Gemeinsames durchzieht. Es war uns sehr wichtig, uns als Individuen, als eigene Persönlichkeiten mit eigenem Geschmack einzubringen und gleichzeitig die Bedürfnisse der anderen gegenseitig ernst zu nehmen“, erklärt ein Bewohner. Architekt Rudolf Sommer beschreibt den Planungsprozess aus seiner Sicht: „Bei einem normalen Wohnbau plane ich für einen anonymen potenziellen Bewohner. Bei diesem Projekt stand am Anfang ein gemeinsames Konzept und dann entwickelte sich die Planung zusammen mit den zukünftigen Bewohnern.“ Auf diese Weise entstanden in verdichteter Bauweise sehr vielfältige Lösungen mit unterschiedlichen Grundrissen: vier zwei- bis zweieinhalbgeschoßige Eckreihenhäuser, eine Gartenwohnung und eine Dachterrassenwohnung. Der klar gegliederte, abwechslungsreiche Baukörper bringt zum Ausdruck, dass die hier wohnenden Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben und gleichzeitig Gemeinschaft schätzen.
Neben engagierten Bauherren und Architekten braucht es in einer erfolgreichen Baugruppe aber auch eine gewisse Grundhaltung, die von Respekt, Offenheit, Freude an Diversität, Kommunikations-
fähigkeit und guten Nerven geprägt ist. Die gesamte Planungs- und Bauphase dauerte zwei Jahre. Sämtliche Entscheidungen wurden in der Gruppe soziokratisch getroffen. Im Nachhinein betrachtet, betonen alle Beteiligten, wäre eine externe moderierende Projektleitung hilfreich gewesen, die den Bauprozess vermutlich vereinfacht hätte. „Es war ein langer, oft schwieriger und intensiver Prozess. Aber das Gute ist: Wir haben uns untereinander gut verstanden, kennengelernt und sind als Gruppe zusammengewachsen“, erzählt ein Bewohner. Und ein anderer ergänzt: „Wir haben uns allerdings keine idealistischen Vorstellungen bezüglich der Gemeinschaft gemacht, was uns jetzt sehr frei sein lässt. Wir praktizieren eine neue Form der Wir-Kultur, in der wir individuell und privat sein dürfen und trotzdem Gemeinsamkeiten pflegen.“
Bei der Materialwahl wurde der gesamte Lebenszyklus der Baustoffe betrachtet und darauf Wert gelegt, dass möglichst wenig „graue Energie“ anfällt – also ein möglichst geringer Energieverbrauch sowohl bei Herstellung, im Betrieb und bei der Verwertung. Der in Passivhausqualität errichtete Holzbau besitzt in weiten Teilen eine Holzschindelfassade. Das verbindende Element in der Mitte ist mit vertikal verlaufenden Holzlatten verkleidet. „Holz war uns allen sympathisch, sowohl als konstruktiver Baustoff wie auch als Fassadenmaterial. Holz ist ein lebendiger Baustoff, der altern darf“, erklärt ein Bewohner. Die Häuser sind nach Bedarf unterkellert, manche verfügen über Abteile im gemeinsamen Keller. Man entschied sich bewusst gegen eine Tiefgarage und für einen Fahrradkeller. Werkzeug und Gartengeräte werden untereinander geteilt; Carsharing war von Beginn an geplant und mittlerweile teilen sich bereits zwei Familien ein Auto.
„Gute Nachbarschaft braucht Zeit. Wir als Baugemeinschaft haben gemerkt, dass das Miteinander wachsen muss, man kann es nicht idealistisch aus dem Boden stampfen“, betont ein Bewohner. Die Gemeinschaft kapselt sich nicht ab, sondern weitet sich langsam aus. Nachbarn im Viertel wurden bereits zu einem Nachbarschaftstreffen eingeladen. „Es war erstaunlich, wie viele sich untereinander noch nicht kannten, obwohl sie schon viele Jahre hier leben. Die Nachbarn haben sich sehr gefreut, dass wir eine Initiative gesetzt haben.“
Wir praktizieren eine neue Form der Wir-Kultur, in der wir individuell und privat sein dürfen und trotzdem Gemeinsamkeiten pflegen.

Gemeinschaft Im gemeinsamen Bauprozess lernten sich die Bauherren kennen und wuchsen als Gruppe zusammen. Mit ausreichend Privatsphäre und Individualität kann Gemeinschaft ungezwungen gelebt werden.

Die transluzenten Trennwände zwischen den Terrassen zeigen sinnbildlich die Idee der Baugemeinschaft: Sie bieten einerseits Sichtschutz und Privatheit, andererseits wirken sie auf eine Art verbindend, wenn durch das einfallende Licht Schattenbilder von Menschen und Pflanzen entstehen.

In diesem Haus entschieden sich die Bauherren in der Wohnküche für eine Lehmwand, die für ein angenehmes Raumklima sorgt.

Zwei Reihenhäuser verfügen im zweiten Obergeschoß über eine Art Penthouse, das sich in alle Richtungen öffnet und eine großzügige Dach-
terrasse nach Süden besitzt.

Im Gemeinschaftsraum zwischen zwei Reihenhäusern wird gespielt, Filme geschaut, gefeiert und entspannt.

In Richtung Süden öffnen sich die Wohnräume hinaus zur Terrasse. Bereits nach Betreten der Haustür blickt man hinaus in den Garten.

Die Räume wirken aufgrund durchdachter Planung und großflächiger Verglasungen sehr groß-zügig und hell.

Jedes Haus wurde individuell in enger Zusammenarbeit von Bauherren und Architekten geplant.

Am Mühlbach Die Erschließung der Häuser erfolgt von Norden. Überdachte Vorbereiche mit Sitzgelegenheiten schaffen eine einladende Zugangssituation.

Verbindung Die zwei mittleren Reihenhäuser sind über einen großzügigen Gemeinschaftsraum im ersten Stock miteinander verbunden, der von beiden Seiten betreten werden kann. Über eine Treppe gelangt man direkt in den Garten mit gemeinsamer Feuerstelle.

Holzbau Der in Passivhausqualität errichtete
Holzbau besitzt in weiten Teilen eine Holzschindelfassade. Das verbindende Element in der Mitte ist mit vertikal
verlaufenden Holzlatten verkleidet.