Respekt vor dem, was da ist

Immo / 09.02.2017 • 16:09 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Respekt vor dem, was da ist

Ein Großteil des baulichen Bestandes der 1950er-, 60er- und 70er-Jahre ist im „Sanierungsalter“. Viele Häuser und Wohnungen werden an die nächste Generation übergeben, wechseln Besitzer, sind bedarfsgerecht nachzujustieren. In Lustenau hat Architektin Julia Kick mit viel Feingefühl nicht nur für Material, sondern auch für die Bedürfnisse der neuen Bewohner(innen) einen Altbestand zu einem Heim für mehrere Generationen gemacht. Autorin: Verena Konrad | Fotos: Petra Rainer

ohnungen müssen flexibel sein. Mit diesem Credo verhält es sich so wie mit den meisten Behauptungen. Sie sind im Einzelfall schnell widerlegt und doch eröffnen sie als Anspruch eine Perspektive, die nicht so einfach vom Tisch gewischt werden kann. Im aktuellen Wohndiskurs ist dieser Satz vielzitiert. Wohnungen, die dank flexiblen Grundrissen für neue Nutzungen offen bleiben und damit Veränderungen und das Ausleben neuer Bedürfnisse zulassen, erreichen deutlich mehr Akzeptanz bei ihren Bewohner(inne)n. Hohe Akzeptanz begünstigt Dauerhaftigkeit. Das Haus der Familie Fink in Lustenau ist ein Beleg dafür, dass dieser Grundsatz stimmen könnte.

Wo einst die Großeltern wohnten, konnte sich nach dem Tod des Großvaters eine der Enkelinnen mit Familie niederlassen. „Unsere Oma hat uns gefragt, ob das für uns denkbar wäre. Das Haus war für sie zu groß und sie wollte uns sicher auch etwas Gutes tun.“ Die junge Familie sagte gern zu. Für die Großmutter wurde ein neuer Bauteil angeschlossen. Ebenso neu errichtet wurden eine Garage und ein Erschließungsteil. Das Bestandsgebäude wurde räumlich adaptiert. Während des Planungsprozesses, den Architektin und Familienmitglied Julia Kick innerhalb der Familie begleitete, wurden viele Raumkonfigurationen neu gedacht. Es kristallisierte sich der Wunsch nach privaten Zugängen für alle Wohnbereiche heraus. Dennoch wollte man sich im Alltag begegnen, Familienalltag pflegen, aber auch Rückzug ermöglichen. Für die Großmutter sollte ein barrierefreier, ebenerdiger Wohnbereich errichtet werden, mit direktem Zugang zum Garten, Verbindungswegen zum Nachbar-
gebäude, indem Tochter und Schwiegersohn der ältesten Hausbewohnerin zu Hause sind. Mitgeplant wurde bereits ein Raum für etwaiges Pflegepersonal, das schon bald nach dem Einzug ins Gebäude auch wirklich benötigt wurde. „Das war die Idee von Tante Anni, statt nur einem großen Raum doch lieber zwei Schlafräume vorzusehen und so diese praktische Option zu erhalten“, erzählt Julia Kick. Dem neu gedachten System im Haus war keine lange Dauer beschieden. Wenige Monate nach dem Einzug in den An­bau verstarb die Groß­mutter. Wie die Familie darauf reagierte, ist erzählenswert, weil sich daran der soziale Anspruch dieses Projektes, vor allem aber seiner Bewohner(innen), deutlich zeigt. Beim Lokalaugenschein öffnet besagte Tante Anni die Wohnungstür. „Mein Mann und ich – wir waren über 70 Jahre mit den Großeltern be­freundet. Bald nach dem Begräbnis meiner Freundin bin ich schwer gestürzt und konnte nicht mehr in mei­n Haus zurück.“ Die Bauherren boten daraufhin den Wohnraum einem neuen „Familienmitglied“ an. „Um das kleine Zimmer für meine Pfleger(innen) sind wir heute sehr froh. Die Möbel stammen alle noch aus unseren alten Wohnungen. Der neue Raum und die mitgebrachten Dinge vertragen sich gut.“

Gestaltung in einem vorhandenem Raum kann neben einer radikalen Transformation auch bedeuten, die Dinge so zu belassen wie sie sind. Julia Kick hat zusammen mit der Bauherrschaft zu einer unaufgeregten Ausgewogenheit zwischen Ehrlichkeit und Einzigartigkeit gefunden. Diese zeigt sich im Erhalt von Raumstrukturen, dem Belassen der Fenster im Bestandsgebäude – „weil sie noch gut waren. Wir haben sie repariert und die Dichtungen ausgetauscht“, von Türstöcken und Stiegenelementen. Ehrlichkeit haben sie dort eingefordert, wo sie Vorhandenes sichtbar gemacht haben, etwa die Stufen der Treppe, die nun von Filz und Linoleum befreit sind. Ehrlichkeit und Einzigartigkeit oder auch Authentizität und Atmosphäre sind die wichtigsten Zutaten für diese Sanierung. „Das hier ist ein altes Haus. Es ist das Haus, das unsere Großeltern errichtet haben. Sie haben hier lange gelebt und wir leben nun hier mit unseren Bedürfnissen, unserem Verständnis davon, wie unsere Familie funktionieren soll, mit den Dingen, die uns etwas bedeuten.“

„Wir haben gar nicht viel ändern müssen. Die wesentlichen Funktionen waren schon da, mussten aber erneuert werden“, ergänzt Julia Kick. Im Obergeschoß hat sich die Raumabfolge leicht verändert. „Im Wesentlichen konnten wir die Sturktur aber beibehalten. Neu ist die Nutzung des Gangbereiches, der nun dem Arbeiten gewidmet ist und bei Bedarf im Bereich der Leseecke auch einmal ein eigener Raum werden könnte.“ Hier wäre auch eine weitere Erschließung möglich, sollte die Wohnebene für sich einmal neu strukturiert werden. „Verglichen mit anderen Sanierungsprojekten haben wir vor allem das Vermeiden von Leerstand im Sinn gehabt“, erläutert die Architektin, die sich auf Bestandssanierungen spezialisiert hat. „Natürlich gibt es da viele Themen, die wir hier nicht angeschnitten haben. Wir sind keine energetische Sanierung angegangen, sondern wollten mit wenig Mitteln erhalten, was schon da war.“ Prinzip dieser Transformation war der Grundsatz: „Pflegen und Unterlassen“. Hier wurde nichts überformt, Bewährtes wurde erhalten, instandgesetzt, Konsum von Neuem hinterfragt, nur das Notwendigste gemacht, dafür mit Gespür, Achtsamkeit und Achtung für das Werk derer, die einem lieb sind.

Der richtige Zeitpunkt für die Übergabe ermöglichte eine bedarfsgerechte Planung für alle.

Respekt vor dem, was da ist
Bodenbeläge und Stiegenaufgang blieben erhalten. Der Weg nach oben führt nun über von Filz und Spannteppich befreite Betontreppen.

Bodenbeläge und Stiegenaufgang blieben erhalten. Der Weg nach oben führt nun über von Filz und Spannteppich befreite Betontreppen.

Die Einrichtung ist schlicht und praktisch, die Materialien sind wertig und durchgehend.

Die Einrichtung ist schlicht und praktisch, die Materialien sind wertig und durchgehend.

Beim Umbau wurde auf separate Eingänge geachtet. So bleibt Privatsphäre bestehen und die Wege zueinander sind trotzdem kurz.

Beim Umbau wurde auf separate Eingänge geachtet. So bleibt Privatsphäre bestehen und die Wege zueinander sind trotzdem kurz.

Zu Besuch bei Tante Anni und Pflegerin Eva. Der offene Raum ist lichtdurchflutet und gut dimensioniert.

Zu Besuch bei Tante Anni und Pflegerin Eva. Der offene Raum ist lichtdurchflutet und gut dimensioniert.

Einblick in die Bibliothek mit Leseecke. Ein echter Lieblingsplatz.

Einblick in die Bibliothek mit Leseecke. Ein echter Lieblingsplatz.

Der Garten wird von beiden Wohneinheiten genutzt und ist Durchgang zum elterlichen Nachbarhaus.

Der Garten wird von beiden Wohneinheiten genutzt und ist Durchgang zum elterlichen Nachbarhaus.

Im neuen Bau wohnt nun eine Freundin der Familie mit wechselnden Pflegerinnen. Mitgebrachte Möbel erleichtern den Umzug und die Eingewöhnung.

Im neuen Bau wohnt nun eine Freundin der Familie mit wechselnden Pflegerinnen. Mitgebrachte Möbel erleichtern den Umzug und die Eingewöhnung.

Wer will hier Korridore? Der Gangbereich wurde als Bibliothek und Arbeitsbereich gestaltet und kann durch zusätzliche Lichtquellen auch wirklich genutzt werden.

Wer will hier Korridore? Der Gangbereich wurde als Bibliothek und Arbeitsbereich gestaltet und kann durch zusätzliche Lichtquellen auch wirklich genutzt werden.

Der Bestand aus Ende der 1950er-Jahre ist ein zwei-geschoßiger Bau, der sich zur Straße leicht absetzt.

Der Bestand aus Ende der 1950er-Jahre ist ein zwei-
geschoßiger Bau, der sich zur Straße leicht absetzt.

Der neue Baukörper gliedert sich links eingeschoßig an den Bestand an. Die schräge Balkonkonstruktion auf Stützen war bereits vorhanden.

Der neue Baukörper gliedert sich links eingeschoßig an den Bestand an. Die schräge Balkonkonstruktion auf
Stützen war bereits vorhanden.

Die Balkongeländer wie die gesamte Erscheinung sprechen die Sprache der späten 50er- und frühen 60er-Jahre und wurden im Rahmen der Sanierung beibehalten. Ein einheitlicher Farbanstrich hebt die strengen Formen hervor.

Die Balkongeländer wie die gesamte Erscheinung sprechen die Sprache der späten 50er- und frühen 60er-Jahre und wurden im Rahmen der Sanierung beibehalten. Ein einheitlicher Farbanstrich hebt die strengen Formen hervor.

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