Stadt-Land-Haus

Immo / 13.04.2017 • 13:13 Uhr / 8 Minuten Lesezeit

Urbanität ist nicht nur, aber in vielem eine Haltungsfrage. Die Bewohner(innen) eines Haues in Ems-Reute wohnen und arbeiten mit Blick auf das städtische Rheintal. Autorin: Verena Konrad | Fotos: Darko Todorovic

er Ortsteil Reute, auch Emsreute oder Hohenems-Reute genannt, liegt weit oben. Auf einem Felsrücken, der den Berghang östlich über dem Stadtkern nochmals überragt, thront stattlich Schloss Glopper. Die 1343 von Ritter Ulrich I. von Ems errichtete Burg findet sich seit 1843 in Besitz der Familie Waldburg-Zeil und ist bis heute ein „Wohnschloss“. Mit solch einem Ausblick lässt es sich gut leben. Doch nebst Burgenromantik gibt es hier auch einen vielschichtigen Alltag zu erleben. Das Haus von Architekt Martin Schneider und Kommunikationsexpertin Barbara Schmiedehausen ist weder „Wohnschloss“ noch „Traumhaus“. Hier treffen sich Berufsalltag und privates Leben, Wohnen in ländlicher Umgebung mit Blick auf das städtische Rheintal.Mit ein wenig Distanz werden viele Dinge klar. Der Blick ins Rheintal stimmt nachdenklich. Die als „urban sprawl“ beschriebene Zersiedlung als ein Sammelsurium an freistehenden Einzelobjekten ist klar erkennbar. Die „polyzentrische Stadtregion“ des Rheintals mit ihren vielen Orten und Schauplätzen gehört nach Wien und Graz zu den am dichtest besiedelten Räumen in Österreich. Die Melange von Stadt und Land hat sich auch in unser Verhalten eingeschrieben. Für einen Tag nach Wien, nach München oder schnell zu einem Termin nach Berlin? Für viele Mitarbeiter(innen) in Unternehmen ist das selbstverständlich. Die Flughäfen in Zürich und Altenrhein, in Memmingen und Friedrichshafen und weiter gehören über nationale Grenzen hinweg zu ihrem Aktionsradius längst dazu. Mobilität generell ist zu einem wichtigen Thema geworden: in allen Facetten. Gleichzeitig hat die Bindung an konkrete Orte und Lebensformen nicht abgenommen. Das eigene Heim, das gewohnte Umfeld sind den meisten Menschen viel wert. Sie werden als nicht austauschbar erlebt. Die Situation ist in vielem paradox.

Nur knapp 600 Menschen wohnen in Reute. Eine verschlungene und teils steile Bergstraße führt zu einem Siedlungsgebiet, das neben „Wohnort-sein“ noch wesentlich mehr kann. So hat Reute eine eigene Volksschule, eine Feuerwehr, ist Naherholungsgebiet und auch Sitz von Kleinunternehmen. Dazu gehören das Architekturbüro von Martin Schneider und das Büro für strategische Kommunikation von Barbara Schmiedehausen. Beide Unternehmen teilen sich einen Sitz, ein Haus, ein Büro. Mit dem Blick auf das Rheintal – diesseits und jenseits der Grenze – den Bodensee, aber auch die umgebende Bergwelt könnte die Atmosphäre in diesem Wohn- und Arbeitsraum, der einen enstpannten Lebensstil und zeitgemäßes – in den Branchen immer mehr forciertes – Co-working unter ein Dach bringt, nicht urbaner sein. Das Leben in größeren Städten hat geprägt. Mehrere Jahre in Wien, in Innsbruck und schließlich hier in Vorarlberg haben zu dieser wohltuenden Mischung geführt, die Urbanität als Haltung ausdrückt, sich jedoch in vielem auch lokalen Ansprüchen angepasst hat. Nach mehreren Umzügen und wechselnden Lebens- und Wohnsituationen entstand der Wunsch nach Stabilität. Dass es Reute wurde, hat der Zufall beschert, denn das Grundstück liegt nur unweit von jenem Haus, in dem das Paar mit seinen Kindern lange zur Miete lebte. Ziel war es, mit dem Neubau mehrere Funktionen zu bündeln. Wohnen – Arbeiten – flexible Grundrisse, die z. B. nach einem Auszug der Kinder oder einer Veränderung im Arbeitsalltag auch ein Trennen von Bereichen und neue Zugänglichkeiten ermöglichen sollen.

Das Gebäude ist auf einem beinahe dreieckigen Grundstück in Hanglage in felsigem Gelände positioniert. Sonnenstand, Nachbarschaft, Straßenverlauf, Sichtachsen wurden bedacht. Ein Spagat in vielerlei Hinsicht. „In dieser Lage ist es schwierig, sich für eine Aussicht und gegen eine andere zu entscheiden. Ein paar geschütze Zonen wollten wir jedoch schon.“ So orientieren sich die unterschiedlichen Balkonzonen nach Südwesten. Der Zugang erfolgt von der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes und führt einen Halbstock höher zu einem offenen, aber wohlzonierten Bereich für Wohnen, Kochen, Essen sowie Räumen für das Bauherrenpaar. Einen Halbstock tiefer liegt der Bereich der Kinder, beide im Jugendalter bzw. bereits im Studium. Dieser Bereich könnte auch als zweite Wohnung genützt und abgetrennt werden. Hier liegt auch der Zugang zu den Büroräumlichkeiten für die beiden Unternehmen, ebenso mit separatem Eingang versehen. „Unser Berufsalltag lebt von Konzentration. Kundentermine machen wir beide vor allem außer Haus. Die täglichen Wege kombinieren wir mit Alltagsaufgaben wie Einkaufen, Besorgungen, Treffen von Freunden, für Sport- und Freizeitaktivitäten im Tal.“

Für den Architekten ist die Organisation des eigenen Lebens beides: Privatangelegenheit und professionelle Arbeit. „Natürlich werden im Fall der Planung des eigenen Hauses viele Themen nochmals kritisch überprüft: der Umgang mit Ressourcen ebenso wie die Gestaltung von Raumabfolgen. Und natürlich gab es auch hier Kompromisse. Was geblieben ist und uns sehr zufrieden macht, sind ein für uns ästhetisch ansprechender Raum zum Leben, eine Lage, die unseren Bedürfnissen entspricht, mit Busanbindung und innerfamiliärem Carsharing, die Verbindung von Arbeitsalltag und privatem Leben, eine hohe Lebensqualität durch Naturraumnähe und ein gutes nachbarschaftliches Umfeld.“

Bei der Planung des Hauses wurden viele Themen kritisch überprüft: etwa der Umgang mit Ressourcen, die Gestaltung von Raumabfolgen und die Einbettung ins Siedlungsgefüge.

Architekturbüro und Büro für strategische Kommunikation: Wer viel arbeitet, braucht gute Strukturen. Eine klare Trennung von Arbeits- und Wohnräumen hilft, abends zur Ruhe zu finden.

Architekturbüro und
Büro für strategische Kommunikation: Wer viel arbeitet, braucht gute Strukturen.
Eine klare Trennung von Arbeits- und Wohnräumen hilft, abends zur Ruhe zu finden.

Der Baukörper öffnet sich nach Südwesten mit Balkonen, Terrassen und einem kleinen Garten.

Der Baukörper öffnet
sich nach Südwesten mit Balkonen, Terrassen und einem kleinen Garten.

Wenige Materialien, klare Linien, keine Bilder, dafür Aussicht. Die Decken wurden in Sichtbeton gefertig, die Wände mit Lehmputz und integrierter Wandheizung.

Wenige Materialien,
klare Linien, keine Bilder, dafür Aussicht. Die Decken wurden in Sichtbeton
gefertig, die Wände mit Lehmputz und integrierter Wandheizung.

Die Schichtung der Baukörper sorgt auch für Aufenthaltsqualität der Außenräume und spannende Sichtbeziehungen.

Die Schichtung der Baukörper sorgt auch für Aufenthaltsqualität der
Außenräume und spannende Sichtbeziehungen.

Bücher und ein Holzofen mit Lehmputz als Garanten für individuelle Wohlfühl-atmosphäre.

Bücher und ein Holzofen mit Lehmputz als Garanten für individuelle Wohlfühl-
atmosphäre.

Mezzanin: das Zwischengeschoß zwischen Parterre und dem ersten Stock leitet sich vom Italienischen mezzo für „halb“ ab. Hier hilft es, die Hanglage zu nutzen und spätere Trennmöglichkeiten von Hausteilen vorwegzunehmen.

Mezzanin: das Zwischengeschoß zwischen Parterre und dem ersten Stock leitet sich vom Italienischen mezzo für „halb“ ab. Hier hilft es, die Hanglage zu nutzen und spätere Trennmöglichkeiten von Hausteilen vorwegzunehmen.

Der Baukörper erstreckt sich vertikal auf zwei Ebenen und ist durch Vor- und Rücksprünge gegliedert.

Der Baukörper erstreckt sich vertikal auf zwei Ebenen und ist durch Vor- und Rücksprünge gegliedert.

Der Eingangsbereich ist Teil einer geschlossenen Fassade. Der Carport ist Standort für das famiilieninterne Carsharing. Ein Auto für vier Personen und zwei Unternehmen – das geht, wenn man will.

Der Eingangsbereich ist Teil einer geschlossenen Fassade. Der Carport ist Standort für das famiilieninterne Carsharing. Ein Auto für vier Personen und zwei Unternehmen – das geht, wenn man will.

Das beinahe dreieckige Grundstück auf felsigem Grund wurde gut genutzt.

Das beinahe dreieckige Grundstück auf felsigem Grund wurde gut genutzt.