Spielwiese

09.05.2018 • 12:44 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Kindergarten, Schule, Sportplatz gibt es schon. Nun ist der kleine
„Bildungscampus“ im Ortskern von Langenegg um ein weiteres Angebot gewachsen. Das neue Haus für die Kleinkindbetreuung folgt dem natürlichen Gelände.
Raum um Raum entwickelt sich die Architektur hangaufwärts,
der einladenden Umgebung im wahrsten Sinn des Wortes zugeneigt.

Eigentlich ist das Haus eine kleine, überdachte Landschaft. Kaskadenförmig stuft es sich in Halbgeschoßen bergwärts. Was draußen Wiese ist und Baum, übernehmen innen Eschendielen und Tannentäfer. Große Fensterflächen auf beiden Seiten halten die enge Verbindung zwischen gebautem und natürlichem Terrain. Unten, im etwas kürzeren Nordflügel der L-Form, haben die allgemeinen Flächen, Büro, Nasszellen und ein Bewegungsraum Platz. Im längeren Bauteil reihen sich die drei Gruppenräume aneinander. Ganz oben, als Schlusspunkt, gibt es ein Ruhezimmer für das Mittagsschläfchen der Kleinen.

Bürgermeister Karl Krottenhammer und Architekt Matthias Hein begleiten durchs Gebäude. Es habe sehr schnell gehen müssen, berichten sie von einem äußerst kompakten Entwurfs- und Bauprozess. Anfang vergangenen Jahres wurde mit der Planung begonnen, im Juli war der Bagger da, im September stand das Haus, im Dezember wurde es bezogen. Warum die Eile? „Die Zahl der Kindergarten-
kinder hat sich bei uns innerhalb von drei Jahren verdoppelt“, schildert der Ortschef die steile Wachstumskurve. Auch die Nachfrage nach Betreuungsplätzen für unter Dreijährige sei immer drängender geworden. Beschleunigend wirkte zudem die Tatsache, dass zur Verfügung gestellte Fördermittel innert Jahresfrist abgerufen werden mussten.

Der hohe Termindruck bedingte, dass sich die prämierte Baukultur-Gemeinde Langenegg eine kleine Ausnahme von der bewährten Regel leistete und keinen Architekturwett-
bewerb auslobte. Aufgrund der geringen Projektgröße war das rechtskonform. Angesichts des vorbildlichen Niveaus, das sich bei kommunalen Bauvorhaben insbesondere in den Vorderwaldgemeinden in den letzten Jahren etabliert hat, trotzdem ein Kritikpunkt. Beliebig oder baukulturell nachlässig war die Vergabe aber nicht: „Schon vor ein paar Jahren habe ich auf einer Exkursion den Kindergarten in Muntlix von Architekt Matthias Hein kennengelernt“, begründet der Bürgermeister die Entscheidung zum Direktauftrag. Dieses Referenzobjekt, immerhin Träger des Staatspreises für Architektur und Nachhaltigkeit, habe ihn auf Anhieb begeistert und den Wunsch geweckt, mit dem Büro zu planen.

Und so machte sich der Architekt mit seinem Team an die Arbeit. Ein wichtiger gestalterischer Grundsatz von Muntlix sollte auch diesen Entwurf bestimmen: „Mir ist es wichtig, dass ein Gebäude in mehrere Richtungen funktioniert,“ erklärt Matthias Hein die räumliche Konzeption, „in allen drei Gruppenräumen, im Bewegungsraum, in der offenen Küche mit Essbereich und auch im Büro gibt es Durchsicht und Belichtung von zwei Seiten.“ Die besondere Lage des Hauses macht dieses Konzept besonders interessant und praktisch. Die Kinder genießen nicht nur die Nähe zur attraktiven Spielwiese draußen, sie können die spannenden Übergänge von Raum zu Raum, hinunter und hinauf, auch spielerisch erkunden. „Die sinnliche Erfahrung steht in dieser prägenden Phase im Vordergrund. Und das berücksichtigten wir: Wie riecht das Haus? Wie fühlt es sich an? Was kann man hören? Das waren unsere Parameter.“

Die Ausstattung und Möblierung wurde in enger Abstimmung mit und teilweise von den Vorarlberger Tagesmüttern erarbeitet. Sie betreiben das Haus im Auftrag der Gemeinde als einen von mehreren „Zwergengärten“ im Land. Die große Erfahrung, die Sabrina Stadelmann als Qualitätsmanagerin des Teams einbrachte, macht sich in vielen Details der Einrichtung bemerkbar. Neben äußerst raffinierten Hockern, die von der Lebenshilfe angefertigt wurden, eigens entwickelten Wühlkisten oder einem kleinen Bodenbecken für „Kinderwellness“ im Sanitär-
bereich regte sie vor allem auch die Spieltürme in jedem Gruppenraum an. Dieser Zusatzwunsch konnte trotz des großen Zeit- und Kostendrucks mit vereinten Kräften umgesetzt werden. Darauf sind alle Beteiligten stolz und von den Kindern wird die Attraktion geliebt. Zum Schluss erkundet der Baukultur-Reporter auf ausdrückliche Einladung seiner Gastgeber das vertikale Höhlensystem von innen. „Das ist ja toll“, verzeichnet das Aufnahmegerät dumpf seine Stimme aus dem Bauch des Turms. Etwas später tönt es begeistert von ganz oben: „Wow! Ich seh hinüber in den nächsten Raum!“

Buntes Treiben im Bewegungsraum, der sich mit einem einfachen System aus Montage-schienen in Wand und Decke flexibel gestalten und ausstatten lässt.

Buntes Treiben im Bewegungsraum, der sich mit einem einfachen System aus Montage-
schienen in Wand und Decke flexibel gestalten und ausstatten lässt.

Die notwendige Hygiene macht gleich mehr Spaß, wenn dabei auch ein bisschen geplantscht werden darf. Architektonisch steht der „Kinderwellness“ jedenfalls nichts im Wege.

Die notwendige Hygiene macht gleich mehr Spaß, wenn dabei auch ein bisschen geplantscht
werden darf. Architektonisch steht
der „Kinderwellness“ jedenfalls
nichts im Wege.

SATTES GRÜN wird das neue Gebäude schon in Kürze wieder lückenlos umschließen. Auch das Dach wurde extensiv begrünt. Wiese bleibt also Wiese. Das ist schön fürs Auge und gut für die Natur.

SATTES GRÜN wird das neue Gebäude schon in Kürze wieder lückenlos umschließen. Auch das Dach wurde extensiv begrünt. Wiese bleibt also Wiese. Das ist schön fürs Auge und gut für die Natur.

AUFWACHSEN mitten im Ort, in einer Nachbarschaft raffinierter Holzhäuser: hinten links der Kindergarten, rechts die Schule mit Dorf- und Turnsaal. Im Vordergrund die neue Kleinkindbetreuung.

AUFWACHSEN mitten im Ort, in einer Nachbarschaft raffinierter
Holzhäuser: hinten links der Kindergarten, rechts die Schule mit
Dorf- und Turnsaal. Im Vordergrund die neue Kleinkindbetreuung.

NATÜRLICHKEIT war auch für die Materialwahl das entscheidende Kriterium. Außen wurde der Holzbau mit einer hinterlüfteten Schindelfassade eingekleidet, die Fenster sind aus geöltem Tannenholz.

NATÜRLICHKEIT war auch für die Materialwahl das entscheidende Kriterium. Außen wurde der Holzbau mit einer hinterlüfteten Schindelfassade eingekleidet, die Fenster sind aus
geöltem Tannenholz.

Blick vom Eingangsbereich in den untersten, barrierefrei erschlossenen Gruppenraum. Rechts der Treppe finden sich in jedem Teilgeschoß jeweils die Garderobe und etwas Stauraum für die Gruppe.

Blick vom Eingangsbereich in den untersten, barrierefrei erschlossenen Gruppenraum. Rechts der Treppe finden sich in jedem Teilgeschoß
jeweils die Garderobe und etwas
Stauraum für die Gruppe.

Gesunde Jause mit spannender Aussicht auf den Spielplatz, auf die Aktivitäten der etwas älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger in Kindergarten und Schule und hinunter ins Dorf.

Gesunde Jause mit spannender Aussicht auf den Spielplatz,
auf die Aktivitäten der etwas älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger in Kindergarten und Schule und
hinunter ins Dorf.

Die Vorarlberger Tagesmütter betreiben den „Zwergengarten“ Langenegg. Die Leiterin der Klein-kindbetreuung, Romina Huber, mit Architekt Matthias Hein.

Die Vorarlberger Tagesmütter betreiben den „Zwergengarten“ Langenegg. Die Leiterin der Klein-
kindbetreuung, Romina Huber,
mit Architekt Matthias Hein.

Ein wichtiges Element in jedem der drei Gruppenräume ist der Spielturm. Innen verbirgt sich ein kuscheliges Minihaus als Rückzugsort und Versteck. Ganz oben gibt es ein Guckfenster ins nächste Stockwerk.

Ein wichtiges Element in jedem der drei Gruppenräume ist der Spielturm. Innen verbirgt sich ein kuscheliges Minihaus als Rückzugsort und Versteck. Ganz oben gibt es ein Guckfenster ins nächste Stockwerk.

Die offene Küche mit Essbereich. Innenraumgestaltung und Mobiliar wurden in enger Abstimmung mit den Betreiberinnen entwickelt. Ausgeklügelt sind z. B. die Hocker, die unterschiedliche Sitzhöhen bieten.

Die offene Küche mit Essbereich. Innenraumgestaltung und Mobiliar wurden in enger Abstimmung mit den Betreiberinnen entwickelt. Ausgeklügelt sind z. B. die Hocker, die unterschiedliche Sitzhöhen bieten.