Mit Salz gegen den Zuckerguss

kontur / 04.04.2024 • 20:14 Uhr
Mit Salz gegen den Zuckerguss
Gedenkkultur. ­Chiharu Shiota erarbeitet eine ­Installation für den KZ-­Gedenkstollen in Ebensee.

„Kultur salzt Europa“ heißt es nun in Bad Ischl. Wer ­länger sucht, entdeckt in der diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt neben den vielen Monarchie-­Devotionalien einiges, das diesem Slogan entspricht.

Die ist keine Abonnentin einer re­gionalen Tageszeitung und hat auch sonst keinerlei Mitgliedschaft vorzuweisen, die ihr laut Kassier eine Ermäßigung einbringen würde. Die ­ältere Dame legt den vergleichsweise stattlichen Eintrittspreis von 15 Euro auf den Tresen und leistet sich – mit zeitgenössischer Kunst absolut nicht vertraut, wie sie gesteht – für fünf Euro noch ein Zusatz­ticket für die bald beginnende Führung. Mit dem Zug sei sie eigens angereist und jetzt wolle sie einfach einmal schauen, was hier so läuft in der Kulturhauptstadt. Diese Szene war nicht etwa in einem schönen großen Museum zu beobachten, sie spielte sich jüngst im ehemaligen Sudhaus des oberösterreichischen Salzkammergutortes Bad Ischl ab.

Zu bewältigen.

Das Ambiente ist grindig, Sole wird hier zwar keine mehr verarbeitet, aber von architektonischer Adaptierung kann nicht die Rede sein. Eine schwierige Voraussetzung für die Präsentation von Kunst, aber zu bewältigen, wie sich bald herausstellt. Wie ihr die Ausstellung gefallen hat, kann ich die erwähnte Dame nicht mehr fragen, ihr Interesse hat mich jedoch beeindruckt, berührt. Sollte sie das ­Ballet ­­Mécanique, eine Klanginstallation von ­Winfried Ritsch, an diesem Tag noch auf ihrem Plan gehabt haben, hatte sie Pech gehabt wie ich. „Heute leider wegen Krankheit geschlossen“ steht auf einem Zettel, der an die Tür zum Lehár-Theater geklebt wurde. Die Sanierung des lange als Kino genutzten Hauses mit nostalgisch anmutender „Filmtheater“-Fassade ging sich für 2024 nicht mehr aus, soll aber stattfinden. „Die Avantgarde wird auf unbestimmte Zeit verlängert“, steht auf dem Giebel. Vor dem Eingang gibt es noch einen Hinweis darauf, dass die Autorin und Rapperin Mieze Medusa in Bad Ischl zur Stadtschreiberin ernannt wurde.

Mit Salz gegen den Zuckerguss
Menschenrechte. Ein Werk der Vorarl­berger Künstlerin ­Ruth Schnell war bei der ­Eröffnung vertreten. (li.)
Labyrinth. Der ­Japaner Motoi Yamamoto schuf eine Arbeit aus Salz. (re.)

Neben dem entsprechenden Poster befindet sich die Büste vom Schauspieler Helmut Berger. Er hatte nicht in Bad Ischl gekurt – wie viele der derart präsenten Personen –, sondern wurde hier im Mai 1944 geboren. „Internationaler Schauspieler als Ludwig II.“ steht auf dem Sockel. Dachte ich es mir, seine Ludwig-Darstellung wird als einzige seiner vielen Rollen hervorgehoben. Ludwig, der König, der Träumer und der Cousin von Kaiserin Elisabeth. Da ist nichts zu machen, Sisi bleibt omnipräsent an diesem Ort. Während man lange nach einem Kulturhauptstadt-Plakat suchen muss und den offiziellen Schriftzug „Kultur salzt Europa“ dann zumindest bei der ehemaligen Trinkhalle, dem Tourismusbüro, findet, wird alle paar Meter, in Schaufenstern oder auf Fassaden, mit dem Kaiserinnen-Porträt für irgendetwas geworben, wird damit irgendetwas verkauft. Meistens ist es etwas Süßes, wobei auch der Kaiser für allerlei Werbezwecke herhalten muss. Kleine Fruchtküchlein als „Habsburger“ zu 3,30 Euro pro Stück in eine Auslage zu stellen, hat dabei zumindest einigen Witz. Eine Besichtigung der Kaiservilla reizt uns als Kulturhauptstadtbesucher trotzdem nicht. Aber immerhin präsentiert man dort nicht nur Monarchie-Devotionalien, in der Auflistung der Bad Ischler Sehenswürdigkeiten ist mittlerweile zu lesen, dass Kaiser Franz Josef am 28. Juli 1914 hier in seiner Villa die Kriegserklärung gegen Serbien unterschrieben hat, die den Ersten Weltkrieg auslöste.

Menschenrechte.

Die ab Juni geplante Intervention des chinesischen Künstlers Ai Weiwei im Kaiserpark führt weiter zurück in die Geschichte. Seine Auseinandersetzung mit Relikten früher chinesischer Dynastien in Form von Gefäßen ist von einigen Retrospektiven bekannt, die etwa im Gropius-Bau in Berlin oder in der Albertina in Wien zu sehen waren. In Bad Ischl werden seinen Arbeiten Funde aus der Hallstatt-Zeit gegenübergestellt. Die Werke der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota sind nicht nur Biennale-Besuchern in Venedig in Erinnerung, sie realisierte im letzten Sommer im Kunstraum Dornbirn eine Installation aus Schläuchen mit roter Flüssigkeit, mit der sie die Verflechtung der eigenen physischen Existenz mit der Umwelt thematisierte. Für den KZ-Gedenkstollen in Ebensee hat sie eine Arbeit aus Kleidungsstücken und von Menschen benutzten Gegenständen konzipiert, die von April bis September dort zu sehen ist. Die Lichtinstallation „Flood“ von Ruth Schnell ist nicht mehr da, aber es ist gut zu wissen, dass die aus Vorarlberg stammende Medienkünstlerin und Hochschulprofessorin hier mit einer ihrer neueren Arbeiten prominent vertreten war. Projektionsmapping nennt sich das Verfahren, mit dem sie die 30 Artikel sowie Zusatzartikel der Menschenrechtserklärung von 1948 auf dem Gebäude der Johann-Nestroy-Mittelschule von Bad ­Ischl sichtbar machte.


Postämter, die in Österreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden, gleichen einander. Das beste Beispiel dafür liefern das markante Gebäude am Bregenzer Seeufer sowie der monarchiegelbe Klotz in der diesjährigen Kulturhauptstadt. Schön, dass das Werk der Tiroler Künstlerin Katharina Cibulka gleich über mehrere Wochen eine Seite dieses Hauses abdeckt. Ein Baustellennetz ist mit einem passenden Spruch bestickt: „Solong ois bleibt, weils oiwei scho so woa, bin i Feministin“. Auch das erinnert übrigens an Bregenz, wo vor zwei Jahren das Rathaus mit einer Arbeit von Cibulka verkleidet war. „Solange Gleichstellung nicht deine Lieblingsstellung ist, bin ich Feministin“, war zu lesen.

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Treffend. Schriftzug von Katharina Cibulka auf dem Postamt von Bad Ischl. (li.)
Monarchie. Dass Bad Ischl die Sommer­residenz des Habsburg-Kaiserhauses war, ist auch im Straßenbild ersichtlich. (re.)

Partizipativ.

Gendergerechtigkeit und auch vieles, das schief läuft, ärgerlich oder schlicht als skandalös aufzuzeigen ist, kommt in einer Produktion zum Ausdruck, die im großen Kulturhauptstadtprogramm nicht untergehen darf und den partizipativen Charakter, der überall wichtig wäre, im Konzept hat. „Kannst gerne auch ein bischen weiter nach vorne kommen, dann siehst du alles besser“, sagt mir einer der engagierten Mitwirkenden. Im Festsaal von Bad Goisern steht die Produktion „Das große Welttheater“ kurz vor der Premiere. Ich darf kiebitzen. Das von Reinhold Tritscher geleitete Salzburger Theater ecce entspricht dem Begriff inklusiv und nimmt das Angebot zur Teilhabe nicht nur ernst, sondern thematisiert es gleich in seiner Adaptierung des „Großen Welttheaters“ von Calderón de la Barca. Die Zuweisung der Rollen im barock aufgefassten Schöpfungsprogramm wird in der Gegenwart zu einem Casting mit Bewerbern, die jeweils gesellschaftspolitische Themen repräsentieren. Das sind die Unterbezahlten in der Pflege- und Expeditbranche, das sind reiche Erben, das sind die Weisungsgebundenen, Aussteigerwilligen oder leicht Manipulierbaren, aber auch die Bombenbauer und Empathielosen. Die Zuspitzungen im Text verschiedener Autorinnen und Autoren sowie in der Darstellung sind mitunter kurios, die Härte des Überlebenskampfes bleibt sichtbar wie die politischen Mechanismen inklusive Populismus auf der Gemeinde- und Bundesebene.

Wer sich mit dem gesamten Kulturhauptstadtprogramm auseinandersetzt, kommt zum Schluss, dass es bei einem Budget von rund 30 Millionen Euro mehr Einbindung regionaler Gruppierungen geben müsste. Mit der Teilnahme von 23 Salzkammergutgemeinden in Oberösterreich und der Steiermark wird geworben. Bei Gesprächen in Geschäften im zentralen Ort Bad Ischl wird mir Erwartungshaltung signalisiert: „Noch merken wir nichts von der Kulturhauptstadt, aber das wird sich schon noch ändern.“

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„Reise der Bilder“ heißt eine Ausstellung im Linzer Lentos mit Werken, die in der NS-Zeit in Salzkammergutstollen gelagert waren. (li.)
Gedenkprojekt. In Bad Ischl wird endlich auch auf die Verbrechen in der NS-Zeit aufmerksam gemacht. (re.)

Nahrungsmittel.

Besucher, die nicht nach Zauner-Kipferln und einer Zuckerguss-Sisi trachten, gibt es, wie die ältere Dame im Sudhaus beweist. Die bis in den Herbst geöffnete Ausstellung „Kunst mit Salz & Wasser“ besticht in der komplexen Auseinandersetzung mit dem was uns am Leben erhält, erzählt von Sesshaftwerdung, Industrieprozessen, Wachstum etc. Norbert W. Hinterberger lässt uns – um einige Beispiele zu erwähnen – über Nahrungsmittel und Ressourcen nachdenken, wenn er ein Schiff aus Brot auf einen See aus Salzsteinen setzt, die Fragilität des Erinnerns thematisiert Motoi Yamamoto mit einem Labyrinth aus reinem, weißen Salz. Im Video von Sigalit Landau schmelzen Schuhe aus Salzkristallen ein Loch in die Eisdecke eines Sees, in dem sie schließlich verschwinden. Eva Schlegel konkretisiert mit Augmented Reality Raumerfahrungen. Caterina Gobbi arbeitet mit Geräuschen, die beim Schmelzen von Gletschern entstehen. Die handelsübliche Verpackung des Bad Ischler Salzes erfährt in den Collagen von Marion Eichmann aufschlussreiche Verwendung.

Raubkunst.

Mit Bad Ischl und den Salzkammergutgemeinden ging der Titel Europäische Kulturhauptstadt zum dritten Mal nach Österreich. Im Jahr 2003 erhielt ihn Graz, das damals sein Kunsthaus eröffnete und wo ein Kulturhauptstadt-Projekt verblieb, nämlich die nach Plänen von Vito Acconci errichtete Murinsel. 2009 trug Linz den Titel. Im dortigen Museum Lentos konfrontiert nun eine in Kooperation mit der Kulturhauptstadt 2024 konzipierte Ausstellung mit NS-Raubkunst sowie Werken, die während der Kriegsjahre im Salzkammergut, unter anderem auch in Bergwerksstollen in Lauffen gelagert wurden. Werke von Tizian, Tiepolo und Van Dyck sind dabei, aber auch wesentliche europäische Themen wie die Provenienzforschung und Rückgabeforderungen sind somit im Kulturhauptstadtprogramm enthalten. Übrigens: Es ist gut, auf die etwa ein Meter hohen Stecknadeln im Stadtraum von Bad Ischl zu achten. Wer die roten Köpfe aufklappt, dem wird die Geschichte von Vertreibung, Ermordung und von Zwangsenteignungen des Besitzes und der Betriebe von Jüdinnen und Juden ab 1938 erzählt.

Text: Christa Dietrich

Fotos: Ding Musa, ProLitteris, Zürich, 2023/JHSP, Christa Dietrich, Martin Kusch/Ruth Schnell, Christa Dietrich, Eva Schlegel 2MVD, Lentos/maschekS

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