Echtes „enfant terrible“

Kultur / 26.10.2012 • 20:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Komponist Gerold Amann, der seinen 75. Geburtstag feiert, mit dem Spielbodenchor, der einige seiner Kompositionen aufführte. Foto: JU
Komponist Gerold Amann, der seinen 75. Geburtstag feiert, mit dem Spielbodenchor, der einige seiner Kompositionen aufführte. Foto: JU

Der Komponist Gerold Amann wollte nie ein professioneller Vorarlberger sein.

Eigentlich wollten Sie ja gar nie Komponist im herkömmlichen Sinne sein?

amann: Ich würde meinen Weg jederzeit wieder gehen, als eine andere Version des freischaffenden Künstlers. Ich habe es nie darauf angelegt, mit Komponieren Geld zu machen – das habe ich woanders verdient, nämlich in der Schule. Und so war ich frei, habe auf Kunst und Künstler gepfiffen und konnte machen, was ich wollte.

Wollten Sie mit Ihrer Musik die Menschen aufrütteln oder unterhalten?

amann: Natürlich wendet sich meine Musik auch ans Publikum, aber eigentlich schreibe ich mich damit frei, das ist ein Akt der Befreiung. Manchmal ist es mir geradezu peinlich, dass die Leute dabei applaudieren müssen.

Musik war aber auch ein Ventil für Sie, Ihre Meinung, auch im politischen Sinne, in der Öffentlichkeit zu artikulieren.

amann: Mein Stück „Ö! Zur Lage der Kulturnation“ war so ein Stück, in dem ich mein Unbehagen über die schwarz-blaue Regierung ausgedrückt habe. Ich habe aber auch schon als Junger immer gerne „g’schnorrlat“, aber das war damals quasi nur „geistiger Stuhlgang“, damit man die Lebenssituation ausgehalten hat.

Begonnen hat Ihre Kompositionstätigkeit mit der Beobachtung von Natur- und Umweltgeräuschen.

amann: Ich habe mittels verlangsamter Tonbandwiedergabe zum Beispiel die Mikrostruktur von Vogelstimmen erforscht oder Morsezeichen aus dem Radio. Ich habe mich keiner klassischen Harmonielehre oder der Zwölftonmusik zugehörig gefühlt – das ist im Kern eine Art „Volksmusik“ im besten Sinne, Musik für Menschen.

Bahnbrechend für Ihr Wirken waren die heute legendären Laienspiele in der Burgruine Jagdberg – wie „Goggalori“ – mit einer gesellschaftlichen Funktion.

amann: Natürlich bin ich sehr froh um Profimusiker, aber ich habe genauso viel Hochachtung vor engagierten Laien, nicht wegen der Qualität im Sinne der musikalischen Korrektheit, sondern im Sinne von Musikmachen. Und damals, ab 1973, haben jeweils 200 Leute mitgewirkt und außer einem Essen alles umsonst gemacht. Ich habe damit eine versinkende Kultur wieder aufleben lassen, die Bedeutung des „Nachtvolkes“ etwa, die Tradition der verschiedenen Kirchenglocken. Das war die Umwelt, die ich aus meiner Kindheit gekannt habe.

Behindert Sie das zunehmende Alter am Schreiben?

amann: Nein. Niemand soll sich zu früh freuen, ich bin noch voll da! Auf einen Text von Ulrich Troy habe ich eben den Protestsong „Walser Luftkarussell“ gegen das Panoramabahn-Projekt im Kleinwalsertal komponiert, mit bereits fünftausend Klicks auf YouTube. Nun arbeite ich an einem Auftrag zur Eröffnung des Landesmuseums mit dem Titel „Alemannische Urviecher“ und vielen verlangsamten Vogelstimmen, denn die heutigen Vögel sind ja legitime Nachfahren der früheren Saurier.

Das heißt, Ihr Kompositionsstil hat sich in 50 Jahren nicht verändert?

amann: Überhaupt nicht, ich habe da und dort dazu gelernt. Aber am meisten habe ich gelernt, in diesem Land zu leben – und das ist in meiner Situation nicht einfach. Die wirklichen Feinde kennt man nicht, die interessieren mich auch nicht. In der gegenwärtigen Situation der „Postmoderne“, also „nach der Moderne“ ist gleich vor der Moderne, da ist Vorarlberg natürlich Avantgarde. Und da bin ich in den letzten 15 Jahren in der Versenkung verschwunden. Das hat mich nicht gestört, ich habe weiter gearbeitet und einiges für das Ausland gemacht.

Das Symphonieorchester Vorarlberg etwa nimmt diese Werke kaum mehr ins Programm, weil sie angeblich zu wenig publikumsfreundlich sind.

amann: Dann sollen sich die Verantwortlichen eben an die Braveren halten. So gibt es keine Probleme mit dem Publikum. Wenn das als Visitenkarte des Landes reicht, ist’s ja gut so.

Haben Sie mit 75 eine Art Lebensweisheit gewonnen?

amann: Früher habe ich immer gesagt: Ich will kein professioneller Vorarlberger werden. Jetzt bin ich halt doch einer geworden und bereue es nicht.

Wie wichtig ist Ihnen das Datum 31. Oktober 2012?

amann: Dieses Datum zeigt mir, dass ich eine Ausgeburt des Teufels bin, weil das die Nacht von Halloween ist.

Die heutigen Vögel sind ja legitime Nachfahren der früheren Saurier.

Gerold Amann