Roter Regen in der verbotenen Zone

Kultur / 26.10.2012 • 16:09 Uhr / 13 Minuten Lesezeit
Mit „Die Lieder, das Töten“ legt der Vorarlberger Autor André Pilz einen neuen Roman zu einem starken Thema vor. Foto: Camila torres
Mit „Die Lieder, das Töten“ legt der Vorarlberger Autor André Pilz einen neuen Roman zu einem starken Thema vor. Foto: Camila torres

Das Haus lag gut versteckt hinter ein paar wuchtigen Landhäusern in einer Sackgasse, etwas abseits der Bundesstraße. Die Eingangstür aus Glas war bemalt worden. Ich bestaunte die schwimmenden Figuren, menschenähnliche Gestalten, sie strahlten eine Sehnsucht aus, die mich seltsam berührte.

Ich ging in die Hocke, um einen besseren Blick auf den unteren Teil zu haben. Die Figuren ließen mich nicht los. Das Haus war schlicht und nichts Besonderes, die Tür allerdings musste ein Vermögen gekostet haben, aber was wusste ich schon von Kunst.

Ich ging über den Rasen um das Haus herum. Hinter dem Haus führte eine Wiese steil hinauf in den Wald. Der starke Regen im Frühjahr hatte Teile des Hanges abrutschen lassen.

Zwischen Haus und Wiese lag ein Garten, ein liebevoll gepflegter kleiner Garten. Tomaten wuchsen, ich pflückte eine rote vom Stock und steckte sie mir in den Mund. Bohnen gab es, Traubenstöcke, Zucchini, Gurken, Himbeeren hingen an einem Strauch alles so bunt und verlockend, und doch nichts anderes als Sondermüll.

In einem kleinen Holzanbau an der Rückseite des Hauses standen das Fliegengitter und die Tür offen. Ich ging hinein, versteckte das Gewehr, und kam von dort durch zwei weitere Türen und die Garage ins Haus. Im Inneren war es kühl.

Alles war aufgeräumt, sauber, so als wäre nie etwas geschehen. So als wäre alles wie immer. „Hallo?!“, rief ich, auch wenn ich keine Antwort erwartete. In der Zone wurde auf „Hallo“ nicht mehr geantwortet. Auf ein Hallo versteckte oder bewaffnete man sich.

Tanka folgte mir wie ein Gespenst. Völlig lautlos. Als würde sie sich schämen, dass es sie gab. Als wäre sie meiner nicht würdig. Manchmal vergaß ich, dass sie überhaupt da war. Ich ging zum Kühlschrank, es gab Milch und Joghurt, Käse, Obst, Gemüse, das Kühlfach war bis oben voll mit Lebensmitteln. Nach dem Unfall hatten die Menschen Supermärkte geplündert, aber mit der Zeit waren die Vorräte aufgebraucht und mittlerweile warf die Armee Essenspakete ab, die meist erst in der Nacht geholt wurden, aus Angst, es könnte sich um Fallen handeln. Angeblich lauerten Patrouillen den Leuten auf, die sich die Pakete schnappten. Es gab viele Gerüchte in der Zone und noch mehr Gerüchte über die Zone.

Ich stellte eine Schüssel Wasser auf den Boden, was Tanka dankend annahm. Ich durchwühlte die Klamotten in einem Kleiderschrank und schaute in ein paar Schubladen, fand aber nichts Brauchbares. Ich stand vor dem Spiegel im Hausflur, als ich ein Geräusch hörte. Wasser floss in einer Leitung in der Wand, sie schien also unter der Dusche zu sein. Tanka spitzte die Ohren und lief voran. Ich folgte ihr, die Glock in der Hand, ich kam an zwei Türen, hinter der einen befand sich das WC, aber das Geräusch musste aus dem Badezimmer kommen – sie duschte, kein Zweifel. Ich steckte mir eine Tablette zwischen die Zähne, biss hinein und zerkaute sie langsam. Dann öffnete ich die angelehnte Tür und trat ein.

„Hallo!“, rief ich. Und sofort wurde das Wasser abgestellt. „Thomas?“, sagte eine Stimme. „Ja?!“

„THOMAS?!“ Die Kabinentür wurde aufgerissen, eine Frau mit kurzen brünetten Haaren, Ende vierzig, starrte mich an. Sie verdeckte ihre großen Brüste und ihre behaarte Scham, als gäbe es hier noch etwas zu sehen. „Mein Gott … raus! RAUS!“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, das Haus wäre leer.“

„Was fällt Ihnen ein! Verschwinden Sie!“

„Sie sollten nicht mehr hier sein.“

Sie griff nach dem Handtuch, das an einem Haken hing. Ich konnte meinen Blick nicht von ihr wenden. Sie band es um ihre Hüfte, nahm ein weiteres Handtuch und wickelte es um ihren Oberkörper. „Warum sind Sie in der Sperrzone?“, fragte ich und zielte nicht länger auf sie.

„Warum brechen Sie in mein Haus ein?“

„Sie dürften gar nicht hier sein.“ Mich überkamen böse Gedanken, und es dauerte, ehe ich sie verscheuchen konnte.

„RAUS JETZT!“

„Was machen Sie in der Sperrzone?“, sagte ich.

„RAUS!“

„Die Zone ist verseucht.“

„Der Regen war rot. Haben Sie jemals roten Regen gesehen?

Die Wissenschaftler behaupten, er könne nicht rot gewesen sein, das sei nur ein Gerücht, ein Mythos. Aber ich war eineinhalb Stunden in dem Regen und er war rot! Das, was ich jetzt noch abbekomme, ist ein Klacks dagegen.“

„Ich war auch im Regen“, sagte ich. „Ich war doch auch in diesem Scheißregen“ – ich war sogar nackt gewesen wie sie jetzt, aber das behielt ich für mich – „und ich schwör genauso tausend Eide, dass er rot gewesen ist.“

„Sie sind von hier?“

„Es bringt nichts, über den ganzen Scheiß nachzudenken.

Die, die darüber nachdenken, sterben.“

„Sie sind von hier. Ich kann das hören. Da können Sie sich auch noch so bemühen, Schriftdeutsch zu sprechen. Wer hier groß geworden ist, kriegt das niemals hin.“

„Ich bin zwei Kilometer von hier geboren und fünf Kilometer von hier aufgewachsen. Kennen Sie das Gasthaus Adler? Das war mein Onkel.“

„Oh?“ – sie nickte – „Der Wilfried war Ihr Onkel? Wir waren Stammgäste!“

„Ich war oft dort, ehe ich weggezogen bin.“ „Wenn Sie weggezogen sind, warum waren Sie dann im Regen?“

Tanka näherte sich der Frau misstrauisch, hielt aber respektvoll Abstand. „Ich hatte die grandiose Idee, Urlaub in meinem Heimatdorf zu machen. Konnte nicht ahnen, dass dieses Scheißding ausgerechnet dann in die Luft fliegt.“

„Konnte ja niemand damit rechnen, dass nach Fukushima so bald wieder was passieren würde.“

Ich nickte müde. „In München wären wir sicher gewesen“, sagte ich. „Eines von drei Wochenenden, das wir in neun Jahren hier verbrachten, und ausgerechnet da fliegt das Ding in die Luft.“ – ich zucke mit den Schultern „Der liebe Gott hat uns gefickt.“ „So redet man nicht über Gott“, sagte sie, ohne mich anzusehen.

„Ich glaube, dem macht das Spaß, uns leiden zu sehen.“

„Gott hat nicht Schuld. Die Menschen haben Schuld.“ Ich sah auf meine Uhr, die ich mir in einer Villa geklaut hatte. „Das Haus ist noch nicht so alt, hab ich Recht? Sieht noch ziemlich neu aus.“

„1986.“ – sie schlüpfte in ihre Badeschlappen – „Nein, 1987.

Der Regensommer.“

„Die Eingangstür … Ist schön, die Tür.“ „Hat mein Mann gemacht“, sagte sie. „Die Vertreibung aus dem Garten Eden.“

„Sag ich doch – Gott liebt es, uns leiden zu sehen. Alles wegen eines verfluchten Apfels. Das ist doch lächerlich.“

Sie stockte, legte ihre Hand auf ihren Mund, als hätte sie Zahnschmerzen. „Was ist?“, sagte ich. Sie schüttelte den Kopf. Sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.

„Was ist?!“ „Es ist nur …“ – sie rang nach Worten – „Mein Mann . . . Arno . . . er ist tot. Er ist erstochen worden.“

„Erstochen?“

„Zweihundert Meter von hier. Beim Tennisplatz. Er wollte noch eine Runde spazieren gehen. Nur spazieren. Er ging jeden Abend spazieren. Ich hab ihn doch vor den Banden gewarnt, aber der Dickschädel …“ Sie verstummte. Sie schluckte. Ihre Mundwinkel zitterten.

„Wann war das?“ „Letzte Woche.“ „Das tut mir leid“, sagte ich. „Ich hoffe, Sie glauben nicht, dass ich damit was zu tun habe.“

„Nein, so schauen Sie nicht aus.“ – sie versteckte ihr Gesicht hinter dem Handtuch, ich betrachtete ihren Bauch und die bösen Gedanken waren zurück – „Ich kann ihn nicht mal anständig beerdigen. Wie soll ich ihn auch beerdigen? Ruf ich die Soldaten, nehmen sie mich mit. Aber ich geh hier nicht mehr weg. Keiner kriegt mich hier weg.“ Sie fing an zu weinen, setzte sich auf den Rand der Badewanne und ich wusste nicht, was tun. Ich wollte sie umarmen, die fremde Frau, eine Hand auf ihre Schulter legen, irgendetwas tun, aber ich traute mich nicht. „Wo ist Ihr Sohn?“ „Mein Sohn? Woher wissen Sie von meinem Sohn?“ „Ich suche ihn.“

„Wozu?“

„Wo ist er?“

„Wenn ich das wüsste . . . Wahrscheinlich weiß er es selber nicht.“ „Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“

„Das ist eine Zeit her.“

„Wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?“

„Das ist fast genauso lange her.“

„Oh Mann . . .“ Ich ließ sie alleine. Ich ging zurück in die Küche, die zum Wohnzimmer hin offen war. Ich trank ein Glas Wasser und dachte daran, wie sie immer und immer wieder davor warnten, das Wasser in der Zone zu benutzen.

Aber welches Wasser sollte man sonst benutzen? Es gab kein abgefülltes Wasser mehr in der Zone, abgesehen von dem bisschen, das die Armee in die Zone brachte.

Die Frau kam, mit nassen Haaren, aber jetzt angezogen. Sie duftete nach Shampoo und Duschgel. Sie belog mich nicht. Sie war einer von den Menschen, die nicht lügen konnten. „Ich bin Ambros“, sagte ich. „Ich muss mit Ihrem Sohn sprechen. Ich geh nicht weg, ehe er aufgetaucht ist. Oder Sie mir gesagt haben, wo er steckt.“

Ich dachte kurz, sie würde mich anschreien, mich verjagen, aber diese Frau schien gebrochen, am Ende. „Schon wieder so einer“, sagte sie, band sich ein weißes Handtuch um den Kopf, setzte sich eine Brille auf, um mich zu mustern.

„Was heißt das?“

„Drei Männer waren vor ein paar Wochen hier. Und noch einmal zwei in der vorletzten.“ „Wer waren die Leute?“

Sie zog eine Grimasse, die sagen sollte, dass sie es nicht wisse. „Hat er Schulden bei Ihnen?“

„So kann man das nicht sagen.“

„Wie kann man es denn sagen?“

„Na ja …“„Raus mit der Sprache!“ „Ist nicht so einfach zu erklären.“

„So?“, sagte sie und nahm die Brille wieder ab. Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte, irgendwann gab sie auf. Sie streichelte Tanka und fragte: „Hunger?“

Ich nickte.

„Ich meinte den Hund.“

„Und ich hab für den Hund geantwortet.“ Sie lächelte. „So dünn wie Sie sind, können Sie auch nur einen Riesenhunger haben.“ Sie machte sich an die Arbeit, schnitt Knoblauch, Zwiebeln und Peperoni, fand eine angebrochene Packung mit Tomatenmark, gab das Zeug in eine Pfanne, nahm Zucchini und Tomaten und Pilze, kochte Spaghetti, alles in einer Seelenruhe, als wäre nichts außergewöhnlich, als wäre das kein Ort, der radioaktiv verseucht war, kein Ort, an dem die bloße Anwesenheit – so plante es die Regierung schon in wenigen Tagen umzusetzen – einen terroristischen Akt darstellte.

„Wenn ich nicht schon eine Mutter hätte, ich würde Sie bitten, mich zu adoptieren.“

„Wenn ich nicht schon einen Sohn hätte, der mir genügend Kummer bereitet, würde ich darüber nachdenken.“

Zur Person

André Pilz

Geboren: 1972 in Hohenweiler

Ausbildung: Studium Politikwissenschaft und Geschichte

Publikationen: „Weine nicht“, „Bataillon d’amour“, „Die Lieder, das Töten“

Aufführungen: am Deutschen Theater Berlin und am Theater Kosmos, Bregenz

Wohnort: München und Hohenweiler

Aus: „Die Lieder, das Töten“. Der neue Roman von André Pilz ist soeben im Verlag Haymon erschienen