Schonungslos und doch schön

Kultur / 26.10.2012 • 18:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dodo Büchel und Karin Klas in „Wer sind Sie?“ Foto: Hölzl
Dodo Büchel und Karin Klas in „Wer sind Sie?“ Foto: Hölzl

Spielkreis Götzis wagt einen harten Stoff und zeigt damit eine ergreifende Produktion.

Christa Dietrich

Götzis. Vorarlbergs Amateurbühnen zeigen seit Jahren kaum Scheu vor heiklen Themen. Sei es die Fremdenfeindlichkeit, die Ausgrenzung der (meist sozial) Schwachen oder gar die Angst vor dem Tod – es gibt kaum eine gesellschaftspolitisch oder menschlich relevante Frage, die man einfach den Profis überlässt. Abgesehen davon, dass die großen Klassiker viele dieser Themen beinhalten, gibt es immer wieder Stücke, die genau auf einen Punkt zusteuern. So auch das Werk „Wer sind Sie?“ des Franzosen Michel Lengliney, das der Spielkreis Götzis nun – welch eine Terminwahl! – dem Publikum am Abend des gestrigen Nationalfeiertages offerierte. Kurz zuvor haben sich Fachleute bzw. hat sich medizinisches Personal mit der Produktion beschäftigt.

Ohne Umschweife

Lengliney, das muss man gleich festhalten, ist kein Autor, der darauf setzt, einem Thema über eine bühnenwirksame, dramaturgisch starke Geschichte näher zu kommen, er steuert direkt – ohne Umschweife oder künstlerische Überhöhung – darauf zu. „Wer sind Sie?“ handelt von einer an Demenz erkrankten Frau und ihrem Umfeld, das aus einer Tochter, einem Sohn und einem Arzt besteht. Das Gerüst ist also einfach gestrickt und einige Bestandteile sind ziemlich klischeehaft. Die Tochter, als Pflegende verständlicherweise belastet, trauert vor allem einem gescheiterten Lebensentwurf nach, dass der Sohn ein erfolgreicher Pianist sei, das glaubt nur die Mutter, und der Arzt ist etwas mehr an der Gestaltung der eigenen Karriere interessiert als am Wohlergehen seiner Patienten. Ein Glück, dass die Mutter aus einem wohlhabenden Haus kommt, die Erinnerungen wären nicht so farbig, würden sie nicht um Erlebnisse während eines längeren Aufenthaltes in Indien bzw. um ein geruhsames früheres Leben kreisen.

Die Konstellation allerdings, die Lengliney wählt, hat zudem ihre Tücken: Nachdem Sohn und Tochter nur Stichwortgeber sind bzw. nachdem deren Dilemma nicht als überraschendes Element entlarvt wird, sondern von vornherein klar ist, liegt es an der Hauptfigur, das Stück knapp zwei Stunden lang in Fahrt zu halten. Und auch hier geht es ja nicht um eine Entwicklung, die Krankheit ist von Anfang an präsent. Viel Arbeit für Regisseur Hansjörg Ellensohn und für eine Dodo Büchel, die diesen Auftritt gewiss als einen ihrer ganz starken in der bisherigen Karriere verbuchen kann. Der Spielkreis Götzis tat gut daran, sich für diese Rolle eine versierte Schauspielerin zu holen. Dodo Büchel ist vor allem von Auftritten in Liechtenstein bekannt, ihre Darstellung dieser Mutter zählt nun wohl zu den ergreifendsten Erlebnissen in Vorarlbergs Theatergeschichte, vergleichbar etwa mit jenem Lennie, den Klaus Schöch einst in einer Inszenierung von John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ in Bregenz lieferte.

Mit vielen Facetten

Bei aller Konzentration und Feinfühligkeit, die die Partie verlangt, entwirft der Autor mit der Erkrankten eine Figur, die trotz Gedächtnisschwäche bzw. spezieller Memorierleistung die Fäden in der Hand hält. Die Gefahr, das aufgesetzt zu spielen, ist groß. Büchel passiert der Fehler nicht, sie spielt eine Person mit vielen Facetten, sehr glaubwürdig und ungemein präsent. Das mag man sehen, da will man gar nicht wegschauen, das ist schonungslos und im besonderen Sinn schön. Das unterstreicht die Wichtigkeit des Projekts, dem im Übrigen auch Karin Klas als Tochter und der auch musikalisch überzeugende Sohn Andreas Kopf einiges beizusteuern haben, dürften sich doch einige Betroffene in den Figuren erkennen.

Jürgen Rainer nimmt sich als Doktor nur so wichtig wie es dem Stück zuträglich ist. Eine reduzierte Ausstattung ist ausreichend, die agierenden Figuren übermitteln das Thema, unterstützt offensichtlich von einem starken, engagierten und fähigen Spielkreis-Team. ##Christa Dietrich-Rudas##

Weitere Aufführungen am 1., 2., 3., 4., 8., 9., 10. und 11. November, 20 Uhr, sonntags 18 Uhr, Vereinshaus Götzis. Dauer: knapp zwei Stunden