„Der Solist und das Orchester sind ein Glücksfall“

Kultur / 02.11.2012 • 20:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Manfred Honeck erntete in Wien kräftigen Applaus. Foto: VNHB
Manfred Honeck erntete in Wien kräftigen Applaus. Foto: VNHB

Nikolaj Znaider und das Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck haben Werke von Herbert Willi aufgeführt.

Wien. „Der Solist ist einfach genial“, freute sich ein strahlener Herbert Willi nach der bejubelten Uraufführung seines Violinkonzertes im Goldenen Saal des Musikvereins. Er habe lange gebraucht, um sich für einen Solisten zu entscheiden, letztlich hat sich Nikolaj Znaider aber als Glücksfall erwiesen. Dasselbe gelte für Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra, das im Rahmen einer Europa-Tournee in Wien gastiert.

Publikum feierte Vorarlberger

Es war ein ideales Allerheiligen-Programm, das das Orchester am 1. November bot. Zunächst drehten sich beide gespielten Stücke des Komponisten Herbert Willi um Gott, das Heilige und den ewigen Frieden, danach hatte Manfred Honeck, Chefdirigent des renommierten US-Orchesters, ein Programm rund um Mozarts Requiem zusammengestellt. Das Publikum feierte die Vorarlberger Willi und Honeck und die Musiker mit langem, ganz unandächtig enthusiastischem Applaus.

Spätestens seit der von Honeck dirigierten Uraufführung von Willis Oper „Schlafes Bruder“ ist die Arbeitsbiografie der beiden Vorarlberger miteinander verbunden. So war es nur naheliegend, dass Manfred Honeck nach dem kurzen Auftakt mit Willis „ABBA-MA (Echo for Peace)“, bei dem der Wiener Singverein gleich einmal seine Eignung für Engels­chöre jeder Art unter Beweis stellte, auch die Uraufführung eines Werkes dirigierte, das die Gesellschaft der Musikfreunde zu ihrem 200. Geburtstag bei Herbert Willi in Auftrag gegeben hatte.

„Sacrosanto“ heißt Willis Konzert für Violine und Orchester, dessen Einstudierung durch die Pittsburgher und den dänisch-israelischen Geiger Nikolaj Znaider der 56-jährige Komponist sorgsam begleitet hatte. Willi, der sich als Medium versteht, das die in Raum und Zeit vorhandene Musik festhält und nachspielbar macht, arbeitet dabei mit drei musikalischen Ebenen. Das mit zusätzlichem ­Schlagwerk und einem Sopransaxofon ergänzte Orchester gibt mit kräftigen Einsätzen und Marsch-Rhythmus den martialischen Grundton einer Gesellschaft vor, die zielstrebig ihren Gang geht. Die Geige ergeht sich im harten Kontrast dazu in hoher, feiner Linienführung, ohne Chance, sich mehr als momenthaft Gehör zu verschaffen. Dazwischen hat Willi jedoch jazzige, swingende Passagen eingebaut, in denen Lebensfreude durchklingt und sich das Solo-Instrument mit Teilen des Kollektivs komplizenhaft verbindet.

Überraschung eingebaut

Im vierten der fünf Sätze hat Willi eine Überraschung eingebaut, die er selbst so beschreibt: Der „Lebensweg“, den „Sacrosanto“ darstelle, lande „völlig unerwartet in einem heiligen Raum, man ist für kurze Zeit herausgenommen aus dem gewöhnlichen Alltagsgeschehen.“ Für kurze Zeit, die man als Meditationsübung oder als Rückzug in die Natur interpretieren kann, wird der sonst dominierende Grundrhythmus ausgeblendet. In diesem Stillhalten ist alles möglich. Dass Willi nicht an dauerhafte Wunder glaubt, zeigt er im fünften Satz, in dem die vorher regierende Welt jedenfalls nicht aus den Angeln gehoben ist. Immerhin gönnt er der Geige einen letzten, ironischen Schlusspunkt.

Mag man Willis neues Werk als Auseinandersetzung mit seinem eigenen Lebensweg deuten, war man nach der Pause jedenfalls ganz auf den Tod eingestellt. Honeck hatte rund um Mozarts Requiem, das er jeweils zu Ostern in Vorarlberg aufführt, ein Programm entworfen, das sich in von Michael Heltau gelesenen Brief- und Bibelzitaten ebenso mit dem Tod auseinandersetzte wie mit Gregorianischen Chorälen oder der Maurischen Trauermusik. Eine schöne Idee, die zwar den unmittelbaren Zusammenhang des Requiems zerriss und den Konzertsaal in einen Kirchenraum verwandelte, aber dem Allerheiligen-Tag ohne Zweifel vollends entsprach.

Das Pittsburgh Symphony Orchestra, das an diesem Abend nicht nur seine Bandbreite zwischen Mozart und der Moderne, sondern auch seine Österreich-Affinität gekonnt unter Beweis stellte, hat auch noch Mahler im Gepäck: Morgen steht im Musikverein Mahlers Zweite Symphonie auf dem Programm und wird dabei auch für die neue CD-Einspielung des Orchesters aufgezeichnet. Und für die Einstudierung weiterer Musik aus der Heimat des Chefdirigenten bleibt noch genug Zeit: Honecks Vertrag in der ehemaligen Stahlstadt wurde bis 2020 verlängert.