Grübeln am Grundlsee

Kultur / 02.11.2012 • 20:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Jürgen Thomas Ernst legte sein zweites Buch vor. Foto: VN
Jürgen Thomas Ernst legte sein zweites Buch vor. Foto: VN

Im Grunde genommen führt „Levada“ ja nach Madeira, aber genau weiß man es nicht.

Erzählung. (VN-cd) Mit seinem Romanerstling „Anima“ hat der Vorarlberger Autor Jürgen Thomas Ernst, der sich zuvor mit Theaterstücken bekannt gemacht hatte, die Geschichte eines Überlebenskampfes geschrieben, in seiner neuen Erzählung geht es um einen, der mit der Welt wenig zu tun haben will. Herr Spelterini sucht nach Möglichkeiten des Abgangs. Ob er sie gefunden hat, steht auch auf der letzten Seite des schmalen Bandes „Levada“ nicht fest. Er nimmt das Heulen einer Sirene wahr, die jene eines Rettungswagens sein könnte.

Seiner Frau hätte sie nichts mehr genützt. Die Dame, von der wir nicht mehr erfahren, als dass sie zu heftigen, nicht näher begründeten (Gefühls-)Ausbrüchen fähig ist, hatte sich mit einem sicheren Sprung von einem Leben verabschiedet, das nach einer Erbschaft nicht nur von Aufenthalten an mehr oder weniger mondänen Orten (Reid’s Palace auf Madeira, Villa am Grundlsee, Nobelhotel in der Schweiz), sondern auch von der mit reichlich Alkohol begleiteten Aufnahme von jeweils ortstypischen Speisen gekennzeichnet war.

Überhaupt ist es dem Verzehr von unzumutbaren Fleischstrudelsuppen oder dem Trinken von mehreren Flaschen eines Champagners zu danken, dass uns in Spelterini nicht nur ein grübelnder Eigenbrötler begegnet, sondern ein Mann mit zumindest einer Spur von Bindungsfähigkeit. Romantik – ein Tanz auf einem Bootssteg – widerfährt ihm allerdings wie ein Unwetter auf dem See, das ihm einige Anstrengung abverlangt. Ansonsten würde Spelterini sich wohl mit dem Sätzespinnen begnügen. Skurrile Phantasien sind es, bei denen der erwähnte Wunsch nach Rückzug von der Ferne winkt wie auch Thomas Bernhard. Bei einer Levada-Wanderung bewegt man sich auf einem schmalen Grat. Die entlarvende Eigentümlichkeit seines biederen Witzes gibt Jürgen Thomas Ernst dabei Halt. ##Christa Dietrich-Rudas##

Zur Person

Jürgen Thomas Ernst

Geboren: 1966 in Lustenau

Werke: Roman „Anima“, Erzählung „Levada“, Theaterstücke „Karoline Redler“ u. a. (UA am Vorarlberger Landestheater)

Auszeichnungen: Dramatikerstipendium des Bundes

Wohnort: Bregenz

Jürgen Thomas Ernst: „Levada“, Verlag Limbus