Langeweile und große Geschichte

Kultur / 02.11.2012 • 20:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der eine Autor tingelt durch New York, der andere macht eine Zeitreise ins Jahr 1913.

RomanE. Eigentlich dachte ich mir, mit der „literarischen Langeweile“ ist es vorbei. Aber nein, da hatte ich den Debüt-Roman von Teju Cole noch nicht entdeckt. Jetzt vielleicht nicht so zurückhaltend erzählend wie Peter Handke, doch in dieser Tradition ist er schon zu finden. Interessant nur, dass Cole nicht über eine vielleicht ereignislose Provinz schreibt, Cole hat hier einen sehr eigenartig ruhigen Roman hingelegt, der in New York City spielt.

Nun denn, New York City ist eine der wenigen US-Metropolen, in denen man zumindest bezirksweise flanieren kann, ohne für geisteskrank gehalten zu werden. Zu gefährlich soll es auf vielen Plätzen sein, aber vielleicht macht gerade das den Reiz des Romans aus, obwohl ich nicht gleich den Vergleich zum „Oberflaneur“ Musil suchen würde. Für das fehlt es diesem Roman am epochalen Knistern. Was gibt es inhaltlich zu sagen? Der junge Psychiater Julius streift durch die Stadt und zwischen Nationalmuseen, Parkanlagen und U-Bahn-Schächten macht er sich Gedanken über seine afrikanische Herkunft, seine verflossene Liebe und lässt dabei den New York Marathon an sich vorbeiströmen. Fazit: Lesen ja, da halt doch wieder etwas Einzigartiges entstanden ist, aber bitte nicht wundern, wenn nichts Wesentliches passiert.

Stimmung vor 100 Jahren

Mit wesentlich mehr Ereignissen bombardiert einen hingegen Florian Illies, der mit „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ ein ausgezeichnet recherchiertes und außerdem literarisch geschriebenes Sachbuch verfasst hat. Illies kennt man eigentlich aus einer anderen Ecke: Der ehemalige Kulturjournalist schrieb mit „Generation Golf“ und „Generation Golf II“ die Fahrkurse für gelangweilte Wohlstandsjugendliche in der Jahrtausendwende, die gerade einmal das Zündschloss im Golf fanden. Aber auch Illies durfte erwachsen werden: Nun setzt er im Jahre 1913 den Sommer eines Jahrhunderts an, also den Höhepunkt des letzten Jahrhunderts, mit dem Fokus auf Mitteleuropa gerichtet. Knapp vor dem 1. Weltkrieg, in der Blüte des Expressionismus, der Tiefenpsychologie, alles ist politisch sehr angespannt und riecht schon förmlich nach epochaler Chemie – und der Autor baut hier ein Mosaik aus kleinen Happen, lässt so ein hundert Jahre altes Stimmungsbild wieder aufleben.

Von Kafka bis Gertrude Stein

Ein kleiner Einblick gefällig? Luis Armstrong tauscht im Jugendheim die Pistole gegen eine Trompete, Franz Kafka schreibt die Verwandlung und seinen 200sten Brief an Felice Bauer . . . Lou Andreas-Salome macht in Wien ziemlich viele Männer verrückt, während in Schönbrunn Stalin und Hitler in den gleichen Parkanlagen sitzen . . . Schönberg hasst die Unglückszahl 13, während eine Kritik Thomas Mann ins Unglück stürzt . . . Proust erbaut sich seine eigene Schutzkammer auf der Suche nach der verlorenen Zeit und Gertrude Stein formuliert den berühmten Satz „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, während Max Beckmann sein Gemälde „Der Untergang der Titanic“ abschließt.